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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 24.07.2014

Indien Schmutzige Medikamente

Pharmaproduktion für Europa und die USA verseucht Wasser und Menschen

Von Peter Podjavorsek

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Überflutungen in der indischen Stadt Hyderabad. (picture alliance / dpa / EPA)
2007 wurde die indische Stadt Hyderabad teilweise überflutet: In der Gegend sitzen einige Pharmaunternehmen, die das Wasser verschmutzen sollen. (picture alliance / dpa / EPA)

Vergiftetes Wasser, beißende Gerüche, zunehmende Krankheiten, auffällige Todesfälle - die Menschen in der südindischen Millionenstadt Hyderabad machen dafür die Pharmafirmen in der Gegend verantwortlich. Lokale Umweltaktivisten und Ärzte setzen nach Jahren des erfolglosen Kampfes auf die Verantwortung des Westens.

Eine Straße in Hyderabad, einer Millionenstadt im südlichen Indien. Nervöse Autos, Mopeds und Tuk-Tuks – knatternde dreirädrige Autorikschas – schlängeln sich durch den dichten Verkehr. Dazwischen Fußgänger, die unversehrt die andere Straßenseite erreichen wollen.

Vor dem Gebäude der lokalen Umweltbehörde, im Tumult der Großstadt auf den ersten Blick kaum erkennbar, eine Demonstration. Rund einhundert Frauen und Männer halten Transparente über ihre Köpfe und fordern lautstark Gerechtigkeit.

"Die Menschen hier demonstrieren gegen die lokale Pharmaindustrie. Sie verschmutzt das Wasser und die Luft. Wir Anwohner fordern, dass die Regierung etwas gegen die Chemieindustrie unternimmt."

Mehrere Demonstranten halten Plastikflaschen in die Höhe. Darin befindet sich eine trübe Flüssigkeit, braun wie Cola.

"Das hier ist das Leitungswasser, das wir kriegen. Die Leute trinken es. Wegen dieser Verschmutzung bekommen sie Krebs, Atem-, Hautprobleme und viele andere Krankheiten. Unternehmt endlich etwas gegen die Pharmaindustrie. Wir haben ein Recht zu leben!"

Der Stein des Anstoßes befindet sich wenige Kilometer nordwestlich vor den Toren der Stadt, im Industriegebiet von Patancheru. Rund 90 indische Firmen produzieren hier pharmazeutische Wirkstoffe. Ihre Auftraggeber: Pharmakonzerne aus Europa und den USA.

Alte Fabrikanlagen, vom Rost angefressen, breiten sich auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern aus. Neben einem der Unternehmen pflanzen Arbeiter junge Bäume und bewässern sie. Sie können aber nicht über den stechenden, beißenden Geruch in der Luft hinwegtäuschen. Er raubt jedem Anwesenden den Atem. Ein kleiner Bach, der neben den Bäumchen plätschert, schillert in knallbunten Farben - rot-gelb-braun.

Unerträglicher Gestank

Anil Dayakar, ein kleiner, stämmiger Mittvierziger, nimmt an mehreren Stellen Wasser- und Bodenproben und verschließt sie in Reagenzgläsern. Anil ist Umweltaktivist und Gründer einer NGO, die gegen die Verschmutzung durch die Pharmaindustrie kämpft.

"Die Industrie ist verpflichtet, erste Reinigungsstufen in ihren Fabriken zu haben. Aber niemand weiß genau, was dort passiert. Denn sie weigert sich, uns Zutritt zu gewähren."

Anil trifft sich mit den Demonstranten, deren Protest ungehört im Verkehrslärm Hyderabads verhallt ist. Bereitwillig führen sie ihn durch ihr Dorf. Früher, erzählen sie, wurden die Abwässer der Fabriken mit LKW zur lokalen Kläranlage gefahren. Denn das Industriegebiet ist nicht an die Kanalisation angeschlossen.

"Früher fuhren von hier jeden Tag zehn bis 15 LKW. Jetzt spart die Industrie dieses Geld, denn eine LKW-Ladung kostet rund 35 bis 50 Euro. Jetzt lassen sie das Wasser einfach irgendwo ablaufen und kümmern sich nicht mehr drum."

Bis vor Kurzem entsorgten die Unternehmen ihre Abwässer am helllichten Tag. Nach Protesten der Anwohner geschieht das inzwischen nur noch nachts. Bei ungünstigem Wind zieht dann ein übler Gestank durch die Gassen des kleinen Dorfes. Wehe dem, der seine Fenster geöffnet hat.

Es sei unerträglich, wenn der Gestank komme, während sie schliefen, sagt einer der Bewohner.

Ein kleiner Flusslauf. Eigentlich ein idyllischer Ort, umgeben von üppiger Vegetation – wäre da nicht der beißende Geruch und die Schaumkronen auf der Wasseroberfläche.

"Hier sehen Sie Industrieabwasser, voll von Chemikalien",

sagt der Umweltschützer Anil Dayakar. Einer der Männer zündet ein Streichholz an und hält es an die Erde.

"Hier sieht man, dass die Erde zu brennen anfängt, wenn man sie mit einem Streichholz anzündet. Außerdem können Sie die Blasenbildung sehen. Auch das ist ein Zeichen für die Chemikalien hier."

"Wenn unsere Kühe diese Chemikalien aufnehmen, die über das Wasser auf unsere Weiden gelangen, geben sie statt zehn Litern Milch nur noch zwei. Und das schon nach 15 bis 30 Tagen."

Die Behörden weigern sich, Untersuchungen durchzuführen

Ein kleines Dorf am Rand von Patancheru. Kinder spielen in den Gassen. Einige Händler transportieren Waren mit Handkarren, im Schatten der Hauswände sitzen Dorfbewohner und unterhalten sich. Vor einem der weiß getünchten Häuser kauert Rubina Kahn mit ihrem behinderten Sohn. Der Junge starrt apathisch ins Leere. Er kann weder reden noch gehen und muss rund um die Uhr betreut werden.

"Es ist sehr schwierig. Er war von Geburt an so. Wir konnten nichts für ihn tun, nur bei ihm sein",

sagt Rubina. Ihr Mann arbeitet in einer Autoreifenfabrik. Mit seinem Gehalt schafft es die Familie gerade so, über die Runden zu kommen. An freie Tage, gar Urlaubsreisen ist nicht zu denken. Rubina ist davon überzeugt, dass die Behinderung ihres Sohnes durch das nahegelegene Pharmawerk verursacht ist.

Die Dorfbewohner stimmen ihr nickend zu. Es gibt noch andere behinderte Kinder im Dorf. Außerdem nehmen seit einigen Jahren Hautkrankheiten, Ausschläge, Atem­beschwerden und andere Krankheiten zu. Nur: Beweisen kann niemand, dass dies alles auf die Abwässer der Pharmafabriken zurückzuführen ist.

Die Behörden weigern sich beharrlich, entsprechende Untersuchungen durchzuführen. Doch die Häufung der Fälle sei eklatant, meint der Arzt Kishan Rao. Er betreibt seit über 30 Jahren eine kleine Praxis in Patancheru und verfolgt die Entwicklung schon lange. Für ihn ist klar, dass die Pharmaproduktion die hauptsächliche Ursache für die Krankheiten ist.

"Diese Gifte sind in den Nahrungskreislauf gelangt. Denn die Menschen haben das Wasser jahrelang zur Bewässerung genutzt, ohne zu wissen, dass es giftig ist. Ich hatte eine Frau hier, die im Alter von 25 Jahren elf Schwangerschaften verloren hat. Sie lebt nicht mehr. Und gerade erst starben zehn junge Leute an plötzlichem Herzstillstand."

Die Probleme sind nicht neu. Seit Jahren protestieren die Anwohner gegen die Pharmaunternehmen. Auch lokale und überregionale Medien haben mehrfach darüber berichtet. Doch gegen die allgegenwärtige Korruption und Vetternwirtschaft scheint kein Kraut gewachsen.

"Es ist nie etwas geschehen. Hunderte von Leute kommen, reden mit uns, gehen wieder. Aber wir haben keine Ahnung, was sie sagen und was sie tun. Manchmal kommen sogar Abgeordnete oder Minister. Sie kommen, reden eine halbe Stunde und verschwinden wieder."

Entwicklung resistenter Keime durch Pharmaproduktion

Der Umweltschützer Anil Dayakar versucht, juristisch gegen die Industrie vorzugehen, indem er ihr Verstöße gegen Umweltschutzbestimmungen nachweist. Mit einer Mitarbeiterin seiner NGO inspiziert er das Klärwerk von Patancheru – eine alte, schäbig wirkende Anlage neben einem kleinen Flusslauf. Hier werden die Pharmaabwässer per LKW angefahren, die nicht schon vorher illegal entsorgt wurden. Alle drei bis vier Minuten rumpelt eines der gelben Fahrzeuge die Schotterpiste entlang und verschwindet mit seiner Fracht im Innern der Anlage.

Anil Dayakar untersucht seit Jahren das Wasser, gemeinsam mit einem schwedischen Biologen, Joakim Larsson. Was die beiden fanden, war erschreckend, erzählt Larsson:

"Wir haben eine sehr hohe Konzentration von Medikamenten gefunden, inklusive Antibiotika. Selbst im gereinigten Abwasser war die Konzentration genauso hoch oder sogar höher als diejenige, die man als Patient im Blut hat."

Joakim Larsson und Anil Dayakar waren auf eines deram schlimmsten mit Medikamenten verseuchte Gewässer der Welt gestoßen.

"Wenn wir das vergleichen mit den Konzentrationen, die wir in europäischen Kläranlagen finden: Hier sind es meistens Nanogramm pro Liter. In Indien war die Konzentration bis zu eine Million Mal höher."

Die Brühe ist so giftig, dass kein Fisch darin überlebt. Im Labor konnte Larsson zeigen, dass selbst bei einer Verdünnung von 90 Prozent Zebrafisch-Embryos ihre Färbung und Bewegungsfähigkeit verlieren. Kaulquappen wurden bei einer 150-fachen Verdünnung nur halb so groß wie ihre Artgenossen in sauberem Wasser. Außerdem entdeckte Joakim Larsson im Wasser und bei den Menschen vor Ort resistente Keime. Die meisten Antibiotika sind gegen sie machtlos. Bislang galt vor allem der übermäßige Einsatz von Antibiotika als Ursache von Resistenzen. Die Herstellung der Medikamente hatte niemand in Verdacht.

"Diese kontaminierten Gebiete sind der ideale Nährboden für die Entwicklung von multiresistenten Bakterien. Riesige Mengen an Bakterien sind über einen sehr langen Zeitraum riesigen Mengen von Antibiotika ausgesetzt, so dass sie sich zu resistenten Bakterien entwickeln können. Das ist die allergrößte Gefahr. Denn sie ist global und kann sich in vielen Gebieten ausbreiten."

Experten schätzen, dass inzwischen bis zu 200 Millionen Inder resistente Keime in sich tragen. Weltweit sind schon über einhundert Menschen an einem multiresistenten Erreger gestorben, der vor einigen Jahren in Neu Delhi erstmals auftauchte.

Der Westen soll sich nicht weiter wegducken

Seit Kurzem werden die Abwässer nicht mehr direkt in den Fluss geleitet, sondern über eine kilometerlange Leitung ins Kanalisationsnetz von Hyderabad. Dort vermischen sie sich mit den Abwässern der Stadt und gelangen auf der anderen Seite Hyderabads in den Fluss Musi – eine Kloake mit riesigen Schaumkronen, die bei Windstößen hoch aufgewirbelt werden. An einem Wehr verkeilt treibt eine tote Kuh, aufgebläht wie ein Ballon.

Im Büro von Anil Dayakar versucht derweil Tomas Nilsson, Doktorand aus Schweden, die Auftraggeber der indischen Pharmahersteller aufzuspüren.

"Wenn man die Verbindungen zwischen den europäischen und amerikanischen sowie den indischen Medikamentenherstellern finden will, braucht man gar nicht auf die Webseiten der westlichen Konzerne gehen. Denn die sind wegen der Verschmutzungen nicht darauf erpicht, über ihre indischen Dienstleister zu sprechen. Ganz anders die indischen Unternehmen. Sie sind sehr stolz, dass sie für berühmte Konzerne arbeiten, und sie reden auch darüber. Lee Pharma zum Beispiel. Ein Dienstleister, das massive Verschmutzungen in Patancheru verursacht."

Bayer, Merck, Sanofi Aventis, GlaxoSmithKline. Kaum ein Pharmakonzern, der nicht die Produktion von Wirkstoffen nach Asien, und vor allem Indien ausgelagert hat. Das ist billiger – nicht nur, weil die Arbeitskräfte hier weniger kosten, sondern weil Umweltschutz keine Rolle spielt.

"Man kann also sagen, dass die europäischen und amerikanischen Verbraucher ihre Umweltprobleme nach Indien und China verlagert haben."

Obwohl Anil Dayakar mit seiner NGO seit Jahren gegen die lokalen Pharmaproduzenten vorgeht und bereits mehrere vor Gericht gebracht hat – seine Erfolge sind bescheiden. Nur ein einziges Unternehmen musste vor einigen Monaten seine Tore schließen. Andere setzten lediglich für kurze Zeit die Produktion aus und machten danach weiter wie zuvor. Auch die Umleitung der Abwässer aus der Kläranlage ins Kanalisationsnetz von Hyderabad geht auf Anils Eingreifen zurück. Doch das ist nicht mehr als ein Pyrrhussieg, da der Schmutz jetzt nur besser verteilt wird.

"Es ist zum Verzweifeln. Und enttäuschend. Trotzdem müssen wir weiter unsere Stimme erheben und für die Sache kämpfen."

Und der Westen, so Anil Dayakars Forderung, solle sich nicht weiter wegducken und endlich seine Verantwortung wahrnehmen.

"Wir haben die ersten Schritte unternommen. Jetzt richten wir uns an die westliche Welt. Wir erwarten, dass Sie das System ändern. Auch Sie haben eine Verantwortung für das, was hier geschieht."

Auch der Arzt Kishan Rao setzt seine Hoffnungen nach Jahren des erfolglosen Kampfes auf den Westen.

"Lassen Sie uns nicht im Stich. Stoppen Sie den Bezug von Medikamenten aus dieser Gegend. Sie kaufen hier, um Ihr Leben zu retten, auf Kosten anderer. Ist es denn ein Verbrechen, Bewohner dieser Gegend hier zu sein?"

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