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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2010

"Inception"

Hans-Ulrich Pönack über einen wahnsinnigen Erlebnisfilm

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Intellektuell, dramaturgisch, visuell eine Herausforderung: Christopher Nolan wagt mit "Inception" ein ganz und gar außergewöhnliches Thriller-Abenteuer.

USA/GB 2009/2010, Regie: Christopher Nolan, Hauptdarsteller: Leonardo di Caprio, Marion Cottilard, Ken Watanabe, 142 Minuten

Der am 30. Juli 1970 in London geborene Regisseur, Drehbuch-Autor und Produzent Christopher Nolan zählt derzeit zu den innovativsten und originellsten Filmemachern überhaupt. Er hat mit seinen bisherigen sechs Kinofilmen - "Following" (1998); "Memento" (2000, der erste halb "rückwärts" erzählende Film); "Insomnia" (2002; mit Al Pacino + Robin Williams); "Batman Begins" (2005); "The Prestige" (2006) sowie dem Mega-Hit "The Dark Knight" (2008/zwei "Oscars") - viel spannende Filmkunst hervorgebracht. Mit uneinheitlichem Erzählen, kunstvollen Tricks und Gedanken, mit cineastischen Anspielungen und reizvollen Täuschungen. Und mit seinem Dauerthema: Menschen in und um grenzwertige Seelenpositionen, inmitten von belastungsvollen, außergewöhnlichen Aktionen.

Auch hier wieder, bei diesem Big-Budget-Projekt (zwischen vermuteten 160 und 200 Millionen Dollar Produktionskosten), geht es um Grenzregionen menschlicher Verhaltensauffälligkeiten und Möglichkeiten. Denn alles hat sich wieder einmal technisch "nach vorne" bewegt. In Sachen Betrug. Einbruch. Einbrechen. Aber nicht in irgendein Gebäude, in irgendwelche Räume, sondern beim Menschen direkt. In sein Gehirn. In seine Träume. Cobb heißt der Typ. Der ist Spezialist. In Angelegenheit "Extraktion". Einer besonderen Form des Diebstahls.

Cobb stiehlt wertvolle, verborgene menschliche Geheimnisse. Aus den Tiefen des Unterbewusstseins. Und zwar immer dann, wenn Verstand wie Körper am verwundbarsten, angreifbarsten sind - beim Träumen. Folglich ist Cobb "heiß begehrt". Der Hirn-Spion hat sich viele Feinde gemacht. Die haben es erreicht, dass er nicht mehr zu seiner bürgerlichen Familie in die USA zurückkehren kann. Cobb ist dort als Krimineller ausgeschrieben, verpönt. Ein neuer und letzter illegaler Auftrag könnte dies ein für alle Mal ändern. Ihn wieder "normal" leben lassen. Ihm müsste allerdings dafür das bislang für Unmöglich-Gehaltene gelingen. Nicht irgendetwas aus einem Gehirn klauen, sondern eine "düstere" Idee, einen bestimmten Gedanken dort unterbringen. Damit der sich fortpflanzen kann. Und zu einer bestimmten Handlung führt.

Ein hochkarätiger asiatischer Industrieller, Mr. Sato, möchte so einen unliebsamen Konkurrenten ausschalten. Dafür winkt Cobb Freiheit und Für-Immer-Auskommen. Mit einem Team von Ebenfalls-Spezis wagt sich Cobb (Leonardo Di Caprio) an die umfangreichste Manipulation aller Zeiten. Muss dabei mehrere Unterbewusstseins-Ebenen durchbrechen. Bekommt es mit vielen "Abwehrkräften" zu tun. Und gelangt schließlich, in der untersten Traumwelt, zu seinem eigenen Psycho-Trauma. Zu seiner Frau Mal, die sich einst umbrachte, weil sie sich von einem gemeinsamen Leben im Traumland "mehr" erhoffte als in der Wirklichkeit. Und die Spuren so legte, dass er als ihr Mörder gilt. Für Cobb wird es auch privat zutiefst gefährlich.

Die tückische Story, die schwer zu durchdringen ist; die irrsten Tricks und Spezialeffekte, die es bislang auf der Leinwand überhaupt gab; die verwirrenden Details und diese bisweilen unüberschaubaren Figuren. Ein "wahnsinniger" Erlebnisfilm. Intellektuell, dramaturgisch, visuell eine Herausforderung. Gedanken, die nicht mehr frei sind, sondern auch geklaut werden können. Menschen, die "so etwas" inzwischen perfektioniert haben. Action-Motive im weiten, tiefen Traum-Kosmos. Das ist gedanklicher wie emotionaler und optischer Augenschmaus. Mit stimmungsvollem Philosophie-Appeal. Aber auch dann - mit Verfolgungsjagden im Schnee à la James Bond. Absolut unüberschaubar. Mit vielem Gewummer (Musik: Hans Zimmer), Geballere, nicht zu definierendem Jagdgewusel. Eindeutig an die Adresse des "schlichteren" Popcorn-Publikums und dessen Dröhn-Geschmack gerichtet.

Dennoch, Fazit: Christopher Nolan wagt den bei ihm - jederzeit interessanten, reizvollen, wagemutigen, aufregenden Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Denn sein unter anderem in Paris, Tokio, London, Marokko und den kanadischen Bergen gedrehter Film lässt letztlich niemanden kalt. Kopf und Sinne werden permanent beschäftigt. Was hier ist Wahrheit, Wahrnehmung, Täuschung, Trickserei. List? Es macht Spaß, dies staunend zu interpretieren. Zu suchen. Zu fühlen. Sich zu ergeben, um sogleich und mittendrin neu anzufangen. Um die Zusammenhänge zu finden. Man ist als Zuschauer ununterbrochen "beschäftigt". Ein ambitioniertes Science-Fiction-Epos. Bei dem die Akteure zuallererst die faszinierende "Gedanken-Technik" zu bedienen, zu erklären haben.

Star-Man Leonardo Di Caprio (35) als Cobb führt ein Ensemble an, in dem sich weitere namhafte Akteure wie Ken Watanabe ("Letters From Iwo Jima"); "Oscar"-Lady Marion Cottilard ("La vie en rose"), Ellen Page ("Juno") und Tom Berenger ("Tod im Spiegel" von Wolfgang Petersen) befinden. Sie alle zeigen sich als ordentliche Erfüllungsgehilfen für ein wagemutiges, nervenaufreibendes, ganz und gar außergewöhnliches Thriller-Abenteuer mit ungewöhnlich vielem spannendem Kopf-Tiefgang.

"Inception", also "Anfang/Beginn" oder - Hollywood war ja schon oft seiner Zeit weit voraus. Wann also wird dies wohl machbar, möglich, durchführbar sein? Dass man auch noch konkret in das menschliche Unterbewusstsein hereinkommt, um es kriminell oder "amtlich" zu dirigieren?

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