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Freitag, 15.12.2017

Tonart | Beitrag vom 30.12.2016

In den Bars von MedellinRum, Tango und Vinyl

Von Victor Coco

Tangotänzer Alexandra Yepes (l) und Edwin Espinosa (r)  (picture alliance/dpa/Foto: Luis Eduardo Noriega)
Medellin hat sich zum Tango-Zentrum in Kolumbien entwickelt. Dort findet auch ein Internationales Tango-Festival statt wir hier 2014. (picture alliance/dpa/Foto: Luis Eduardo Noriega)

Nicht nur Shakira und Juanes, sondern eine ganze Generation von kolumbianischen Reggaetón- und New Cumbia-Künstlern ist mittlerweile erfolgreich. Und Medellín hat sich zu einem Zentrum für Musikkultur mit Leidenschaft entwickelt.

Wir sind in Envigado, in der Vorstadt von Medellín. Einstöckige Häuser mit rustikalen Dachziegeln vermitteln eine verschlafene Dorfatmosphäre. Und aus der "Cabaña del Recuerdo", der "Kneipe der Erinnerung", schallen Stimmen und Musik aus einer anderen Zeit.

"Freitag und Samstag legen wir Schallplatten mit 78 Umdrehungen auf, mit Musik aus den 30er- und 40er-Jahren. Wir spielen kubanische Boleros, Tangovals, kolumbianischen Pasillo oder Bambuco. Je nachdem was die Gäste wünschen, passen wir uns an."

Diskjockey Sandra ist etwa Anfang 40, unauffällig gekleidet und plaudert mit den Gästen, während sie alte Schellackplatten auf einem Grammophon abspielt. Über 4000 Platten stapeln sich an den Wänden – ohne Schutzhüllen, ein Markenzeichen der Bar, genauso wie die kleinen Rundtische und die mit Wildleder bezogenen Stühle. Ana und Eduardo, beide Mitte 30, kommen öfters.

"Der Laden versprüht eine gewisse Magie. Und am interessantesten ist das Publikum. Einerseits die Stammgäste, durchaus 70- bis 80-Jährige. Es ist ihre Musik, ihr Ambiente. Aber ich sehe auch immer viele junge Leute hier."

"Das Lokal ist dekoriert mit alten Sammlerstücken. Blasinstrumente, Gitarren, Geigen. Bilder von Tango-Sängern wie Carlos Gardel und der Tango-Geschichte von Medellín, alte Poster."

Tango – ein Lebensgefühl der Menschen

Medellin liegt zwar einige Tausend Kilometer von Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires entfernt, gilt aber als Hochburg des Tangos. Auch, weil der vielleicht berühmteste Tango-Sänger, der Argentinier Carlos Gardel, hier 1935 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Tango drücke ein Lebensgefühl der Menschen aus Medellin aus, sagt DJ Sandra. 

"Wir sind hier sehr leidenschaftlich und wer Tango mag ist immer leidenschaftlich. Vielleicht ist hier Tango hier sogar beliebter als in Argentinien selbst! Der Tango handelt auch von den Themen unserer Alltags: Trauer, Politik, Liebe, Armut."

Seit fast zwanzig Jahren balanciert Hugo sein Holztablett durch die Cabaña. Beim Trinken sind die Paisas, wie man die Menschen in der Provinz Antioquia nennt, stolze Regionalisten, erzählt er.
 
"Hier bestellen die Gäste hauptsächlich Schnaps und Rum. Rum aus Medellín, drei und acht Jahre gereift und Aguardiente, also Zuckerrohrschnaps, auch aus Antioquia."

Ganz wichtig und typisch für Medellins Bars: Es gibt immer ein Glas Wasser dazu, Salzknabbereien und eine beeindruckende Auswahl an gesunden Häppchen.

"Schauen Sie mal, wir servieren dazu verschiedenes Obst. Möhren, Mango, Physalis, Orangen, Baumtomaten, Kokosnussstückchen, Weintrauben…"

Im dunklen Innenraum kuscheln Pärchen

Die kleinen, engen und urigen Bars gehören zum Stadtbild von Medellin, es gibt sie in allen Teilen der Stadt. Auch Mitten im geschäftigen Zentrum der drei Millionen Metropole. Ein Klassiker ist die "Taverne Diogenes". Hier geht es deutlich lauter zu. Im dunklen Innenraum kuscheln Pärchen und Affären, draußen vor dem Lokal erfrischt sich Jung und Alt nach dem Feierabend.

"Meine Frau trinkt ein helles Bier, aber als 'michelada' wie wir sagen, also mit Salz und Zitrone. Dafür wird der Glasrand mit Zitronensaft angefeuchtet und danach in Salz gewendet. Ebenso kommt etwas Zitronensaft in das Bierglas. Beim Trinken, vermischt sich also der Biergeschmack mit etwas Salz und Zitrone, das ist sehr erfrischend."

Fabio ist Arzt und trägt wie üblich in Südamerika seinen grünen Kittel auch nach der Arbeit. Die Paisas gelten als emsige Arbeiter aber auch als extrem feierfreudig. Früher, zu Zeiten der Gewalt, musste man sich nach einem zwölf Stunden Arbeitstag in die eigenen vier Wände zurückziehen. Das hat sich geändert. Heute sind die Bars Ausdrucke eines neuen Lebensgefühls der Stadt.

"Ich hab bis halb sieben gearbeitet und meine Frau hat mich abgeholt, damit wir hier ein etwas Zeit miteinander verbringen. Ein Bier trinken, ein bisschen plaudern. Wir verbringen sowieso zu wenig Zeit miteinander. Nicht alles im Leben sollte sich um die Arbeit drehen. Auch das Vergnügen brauch seine Momente!"

Bereits am Nachmittag werden auf zwei Bildschirmen Musikdokumentationen abgespielt. In den späten Abendstunden wird hin und wieder auch getanzt, erzählt der Barmann José.

"Früher während des Studiums hab ich schon hier gekellnert und jetzt bin ich seit zwei Jahren wieder dabei. Die Bar ist ein sehr angenehmer Ort, frei von allen Lastern. Man kann in Ruhe Salsa-Klassiker hören. Außerdem ist die Lage hier im Zentrum der Stadt sehr gut. Viele kommen direkt nach der Arbeit und ansonsten viele Musikliebhaber, richtige Fachleute."

Die Musikfachleute an der Theke nicken anerkennend in Richtung DJ, José serviert die nächste Runde michelada-Bier und die Pärchen kommen sich näher – natürlich nicht nur um gegen den Lärmpegel anzukämpfen. Bis spät in die Nacht herrscht gute Stimmung in den Bars von Medellín.

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