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Montag, 18.12.2017

Mahlzeit | Beitrag vom 24.11.2017

ImkereiNeue Gefahren für die Bienen

Von Udo Pollmer

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Eine Honigbiene (Apis mellifera) auf der Blüte des Löwenzahn (Taraxacum). Sie sammelt dort Pollen und Nektar für ihr Volk. Kleinschmalkalden, Thüringen, Deutschland, Europa Datum: 16.05.2017 | Verwendung weltweit (dpa)
Bienen: Bedroht vom kleinen Beutenkäfer und der Kirschessigfliege. (dpa)

Brut, Honig, Waben. Der Beutenkäfer zerstört alles, wenn er in die Behausungen der Bienen eindringt. Da hilft nur sofortiges Abfackeln befallener Bienenvölker. Oder konventionelles statt Bio-Obst und -Gemüse essen, meint unser Kolumnist.

Unseren Bienen droht neues Ungemach: Der kleine Beutenkäfer ist wieder da. Bereits 2004 hatte er versucht, in Europa Fuß zu fassen, konnte aber erfolgreich abgewehrt werden. Doch nun hat er sich im Süden Italiens festgesetzt. Der Käfer dringt in die Beuten ein – so heißen die Behausungen der Bienenvölker - und seine Larven fressen die Bienenbrut, ruinieren den Honig, zerstören die Waben. Ist das Werk vollbracht, verpuppen sie sich. Wenn die nächste Generation geschlüpft ist, machen sich die Käfer auf die Suche nach neuen Bienenstöcken.

Eine Bekämpfung ist derzeit nur möglich durch sofortiges Abfackeln befallener Völker. Wenn die letzte Biene tot ist und der Stock in Asche liegt, werden am gleichen Standort neue Völker platziert. Nun beobachtet man aufmerksam, ob es erneut zu einem Befall kommt. Falls ja, wird wieder verbrannt, bis die letzte Käferbrut ausgerottet ist. Natürlich gäbe es auch chemische Mittel wie das Pestizid Coumaphos, aber diese besitzen, weil sie auch den Bienen schaden können, bisher keine Zulassung.

Man mag sich über das Verbrennen eines Bienenstockes angesichts der Diskussion ob eines globalen Bienensterbens ereifern. So vermeldete das Magazin Focus, in den USA würde jedes Jahr ein Drittel der Völker jämmerlich zu Grunde gehen. Doch wer reflexartig an Pestizide denkt, täuscht sich: Nach getaner Arbeit, also wenn die fleißigen Immen die Honigernte eingebracht haben, werden sie samt und sonders vom Imker getötet – so lässt sich der Honig ohne lästige Bienen ernten und er muss sich im Winter nicht um seine Schützlinge kümmern und sie gar füttern.

Im Frühjahr bestellt er im Bienen-Shop frische Paketbienen. Die heißen so, weil sie als Paket mit ca. anderthalb Kilo Bienen samt befruchteter Königin verschickt werden. Das ist auch bei uns populär, manche Imker sprechen bereits vom "Paketbienenwahn", der um sich gegriffen habe.

Die Lösung: Konventionelles Obst und Gemüse essen

Um das Gerede vom Bienensterben zu durchschauen, braucht es keine Spezialkenntnisse. Der gesunde Menschenverstand genügt: Würde sich die Biene tatsächlich vom Acker machen, würde auch der Honig knapper, und schon würden Preise durch die Decke gehen. Tun sie aber nicht. Durch die wachsende Nachfrage nach Honig ist die Zahl der Bienenvölker seit zwei Jahrzehnten weltweit im Steigen begriffen.

Der Österreichische Erwerbsimkerbund empört sich über ein Insektengift namens Spinosad. Dieses Hard-Core-Mittel habe bereits zu großen Bienenschäden geführt. Sein Einsatz ist im Biosektor weit verbreitet – im Weinberg ebenso wie im Obst- und Gemüsebau. "Uns ist schon bewusst", schreiben die Imker unter der Überschrift "Bienentod durch Bio-Landbau", "dass die Biobetriebe bei Beerenobst und Weinbau durch die Kirschessigfliege mit dem Rücken zur Wand stehen. Der bienengefährliche Wirkstoff Spinosad ermöglicht hier einfache Lösungen."

Doch die Wirkung gegen die Kirschessigfliege ist nicht immer befriedigend. Dafür vernichtet Spinosad neben den Bienen auch allerlei Nützlinge. Den konventionellen Obstbauern stehen hingegen bienenungefährliche Mittel zur Verfügung.

Seltsam, dass dies kein Thema in einer Öffentlichkeit ist, die vorgibt, ihr sei das Wohlergehen unserer Immen eine Herzensangelegenheit. Dabei wäre Abhilfe sehr einfach: Bis auf weiteres konventionelles Obst und Gemüse bevorzugen. Unseren Bienen zuliebe. Mahlzeit!

Literatur

Broeg H: Unsere Bienen – Vom Aussterben bedroht. Focus 2016, H.32, Titelstory

Moritz RFA, Erler S: Lost colonies found in a data mine: Global honey trade but not pests of pesticides as a major cause of regional honeybee colony declines. Agriculture, Ecosystems and Environment 2016; 216: 44-50

Böhme T: Unser Honig: Geliebt und gefährdet. NDR Sendung vom 3. Juli 2017

Anon: Honeygate: How Europe is being flooded with fake honey. Euractiv.com 7. Sept. 2017

Österreichischer Erwerbsimkerbund: Bienengift im Bio-Landbau. www.erwerbsimkerbund.at abgerufen am 17. Nov. 2017

Kulke U: "Ohne mich", sagte die Biene zum Bienensterben. Achgut blog vom 5. August 2017

Rutherford BS et al: Residues of spinosad in meat, milk, and eggs. Journal of Agricultural & Food Chemistry 2000; 48: 4428-4431

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Friedrich-Löffler-Institut: Leitlinie zur Bekämpfung des Kleinen Beutenkäfers (Aethina tumida) und der Tropilaelapsmilben. Mai 2014

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Zugelassene Pflanzenschutzmittel. Auswahl für den ökologischen Landbau nach der Verordnung (EG) Nr. 834/2007. Stand: Oktober 2017, Braunschweig 2017

Wichura A, Weber RWS: Die (un)bekannte Kirschessig­fliege Drosophila suzukii: ein Überblick. Mitteilungen des Obstbauversuchsrings 2015; 70: S.275-286

Daniel C et al: Bekämpfung des Apfelblütenstechers mit Spinosad im biologischen Anbau. Schweizerische Zeitschrift für Obst- & Weinbau 2005; Nr. 4: S.9-12

Europäischer Fonds für regionale Entwicklung, Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz: Die Kirschessigfliege Drosophila suzukii. Informationen und Empfehlungen für den Obstbau 2017

National Honey Board: International bulk prices. www.honey.com

European Commission: Honey Market Presentation. Committee for the Common Organisation of the Agricultural Markets, 18 June 2015

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