Donnerstag, 23.11.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.02.2006

Im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus

Walter Hinck: "Die Wunde Deutschland"

Rezenisert von Martin Sander

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Viele Deutsche glauben, dass es Heinrich Heine vor allem darum ging, Hohn und Spott über Deutschland auszuschütten. Dass der Literat Liebe und Zuneigung für sein Heimatland empfand, belegt der Kölner Germanist Walter Hinck in seinem bereits 1990 erschienenen Band "Die Wunde Deutschland".

Bis in die jüngste Gegenwart hinein gleicht das Bild, das sich die Deutschen von Heinrich Heine machen, eher einem Zerrbild: Heinrich Heine, 1797 als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren und 1856 in Paris, dem Ort seines freiwilligen Exils gestorben, ging es immer noch verbreiteten Vorstellungen zufolge vor allem darum, seinen Spott über Deutschland auszuschütten, wenn ihn nicht gerade einmal das Heimweh packte.

Solche Vorstellungen können allerdings nicht einmal die Wahrheit eines Klischees für sich beanspruchen. Denn ein Großteil von Heines Werk, darunter auch seine berühmten Deutschland-Satiren, bringen die unverbrüchliche Zuneigung, ja Liebe zum Ausdruck, die der Autor Zeit seines Lebens für Deutschland empfand.

Diese Ansicht vertritt der Kölner Germanist Walter Hinck in seiner 1990 im Insel Verlag erschienenen, unverändert aktuellen Studie zu Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus.

"Die Wunde Deutschland", der Titel des 300 Seiten umfassenden Buchs, spielt in kritischer Absicht auf "Die Wunde Heine" an, einen Essay von Theodor Wiesengrund Adorno, in dem Adorno die "Geläufigkeit" von Heines Sprache aus dem nachahmenden Übereifer des Ausgeschlossenen und dem Fehlen einer heimatlichen Geborgenheit in der deutschen Sprache erklärt.

Von sprachlicher Ungeborgenheit, erklärt dagegen Walter Hinck, könne im Falle Heines nicht die Rede sein. Denn gerade das Deutsche sei dem durch seine Herkunft zum Außenseiter bestimmten Dichter zur Zuflucht und Heimat geworden, und zwar anders als das Jiddische, das er auch beherrschte.

Schließlich hatte bereits der junge Heine bemerkt, das deutsche Wort sei "ein Vaterland selbst demjenigen, dem Torheit und Arglist ein Vaterland verweigern".

In vierzig, mehr oder minder der Chronologie von Leben und Werk folgenden Kapiteln, entwirft der Autor ein Mosaik deutscher Kulturgeschichte im europäischen Kontext am Beispiel Heine. Walter Hinck führt dem Leser einen eher pathetischen denn ironischen jungen Autor vor, der sich mal für Napoleon begeisterte und mal in deutschtümelnden Klischees erging, um doch bald zum Meister einer deutschen Volksdichtung zu werden, die außer Goethe und Brentano seines gleichen nicht gehabt habe.

Hinck zeigt, wie der begeisterte Verbindungsstudent unter fadenscheinigen Vorwänden, hinter denen sich antijüdische Ressentiments verbergen, aus der Burschenschaft ausgeschlossen und von der Universität Göttingen relegiert wird und so ein bitteres Gefühl seiner Ausgeschlossenheit und eine wachsende Abneigung gegen die "Wortführer in deutschen Bierstuben und Palästen" entwickelt, eine Abneigung, die sich dann in der Tat in mancher scharfen Polemik des Dichters entladen wird.

Hinck analysiert das komplexe Verhältnis Heines zum Religiösen, den protestantischen Eifer des Getauften, das schlechte Gewissen desjenigen, der dem Glauben seiner Vorfahren den Rücken gekehrt hat, seine Begeisterung für den religiösen Sozialismus eines Saint-Simon.

Und Hinck zeichnet das komplexe Verhältnis Heines zur deutschen und französischen Linken seiner Zeit nach, seine Begeisterung für die Idee der sozialen Gerechtigkeit auf der einen und seine Abneigung gegen eine Demokratisierung der ästhetischen Ausdruckswelt auf der anderen Seite, mit anderen Worten: den Kampf des politischen Dichters gegen die Gesinnungsästhetik seiner Zeitgenossen.

Kaum ein anderer Dichter seiner Zeit, sagt Walter Hinck, habe sich so intensiv mit Deutschland auseinandergesetzt wie Heinrich Heine. Dabei sei Heine, auch wenn sich die Wunde Deutschland für ihn Zeit seines Lebens nicht geschlossen habe, nie nur ein deutscher Jude gewesen, sondern stets auch jüdischer Deutscher.

Walter Hinck: Die Wunde Deutschland.
Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus
(1. Auflage 1990)
Insel Verlag, 309 Seiten

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