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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 12.10.2016

Im Vorzimmer der EmanzipationAls Frauen nur Sekretärin werden konnten

Von Matthias Dell

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Fernschreiber mit Lochband an der Universität Jena im Juli 1966 (picture alliance / dpa / FSU-Fotozentrum)
Fernschreiber mit Lochband an der Universität Jena im Juli 1966 (picture alliance / dpa / FSU-Fotozentrum)

Eine Sekretärin soll dienen - so ist ihr Beruf ursprünglich definiert. Aber ist das die ganze Wahrheit angesichts des - wenn auch langsamen - Aufstiegs von Frauen in Führungspositionen? War das weiblich besetzte Sekretariat historisch betrachtet der Einstieg zum Aufstieg?

Die erste Folge der amerikanischen Serie "Mad Men" wurde im Sommer 2007 ausgestrahlt. Sie beginnt mit dem Vorspann, der acht Jahre lang noch 91 weitere Folgen einleiten sollte: einem animierten Film, in dem der Schattenriss eines Mannes den Halt verliert und aus einem Büro herabstürzt, an Wolkenkratzern entlang, durch Bilder des kommerziellen Begehrens und familiären Idylls hindurch.

Die erste Folge geht weiter mit einem Insert, das den Seriennamen wie ein Lexikon erklärt: Der in den späten 1950er-Jahren geprägte Ausdruck "Mad Men" meint die Leute aus den Werbefirmen in New Yorks Madison Avenue, die etwas zu sagen haben.

Und dann etabliert die erste Folge Protagonisten und Motive, die, vom Ende sieben Staffeln später betrachtet, schon alles enthalten, worum es in "Mad Men" gehen wird.

Ein Mann sitzt in einer Bar, trinkt und raucht und sucht nach einer Idee, um Zigaretten zu bewerben in einer Zeit, in der selbst der Reader's Digest weiß, dass Rauchen der Gesundheit schadet, und in der es einen Grenzübertritt bedeutet, mit dem schwarzem Kellner zu reden. Dann geht der Mann zu einer Frau in ein Apartment und hat Sex. Und dann beginnt ein neuer Tag im Büro.

Es ist 1960, der Anfang der modernen Zeit, und der Mann, mit dem alles beginnt, der Mann von dem Schattenriss, ist zweifellos der Protagonist der Erzählung: Don Draper, Werber und Raucher, Trinker, Schwerenöter, wobei man auf die letzten drei Attribuierungen nur von heute aus kommt. "Mad Men" handelt ja davon, dass das damals so war bei leitenden Angestellten, bei weißen Männern in Manhattan: Ehefrau und Kinder im Vorort, Geliebte in der Stadt, Arbeit und Rausch.

Je länger "Mad Men" läuft, desto mehr handelt die Serie indes davon, wie diese Welt, wenn nicht zerfällt, so doch zumindest erschüttert wird in der Zeit zwischen Kennedys Versprechen einer Mondfahrt und den Bildern von dieser Mondfahrt. Männer in der Krise: Den 60er-Jahren wachsen in "Mad Men" Koteletten und am Ende sitzt Don Draper in Kalifornien und macht "Ommm". Der Held meditiert auf der Suche nach seiner neuen Rolle, seiner Identität, auf der Suche nach Halt im Fallen. Das ist die eine Geschichte, die "Mad Men" erzählt.

Die andere ist die wohl interessantere, zumindest die überraschendere. Sie beginnt in der dritten Szene der ersten Folge, mit dem Tag im Büro. Wir sehen nämlich nicht Don Draper mit Aktenkoffer, Hut und Trenchcoat von der Geliebten an seinen Schreibtisch kommen – wir sehen eine Frau, die in einen Fahrstuhl steigt.

Peggy Olson, die neue Sekretärin, "the new girl", wie es im Original heißt, die sich von den drei jungen Werbeleuten hinter ihr anzügliche Blicke gefallen lassen muss. Der Weg von Peggy Olson führt nach oben, es ist ein langer Weg, ein schwieriger Weg, mit lauter Hindernissen, Rückschlägen und Opfern. Aber das Interessante und Überraschende daran ist, dass Peggy Olson diesen Weg findet, dass sie ihn überhaupt entdeckt.

Für die "Mad Men" ist alles da, die Karriereschritte tragen männliche Bezeichnungen vom "Werbetexter" über den "leitenden Angestellten" bis zum "Partner". "Mad Women" sind dagegen nicht vorgesehen. Bis auf ein paar Telefonistinnen heißen alle Frauen im Büro Sekretärin, und es gibt eine, Joan Holloway, die Chefsekretärin, Büroleiterin ist, "Head of".

Die Sekretärinnen füllen den offenen Großraum, die Männer verschwinden hinter Türen. Und das mit den Namen ist eine entscheidende Sache.

Unbehagen, für das es noch keinen Begriff gab

1963 erschien in Amerika Betty Friedans Buch "The Feminine Mystique", das ein Bestseller wurde und in Deutschland unter dem Titel "Der Weiblichkeitswahn" veröffentlicht wurde. Eine Erkundung jener Ehefrauenwelt, die "Mad Men" auch rekonstruiert: eine Studie über die Unzufriedenheit der im Vorort festgesetzten und durch Konsum stillgestellten Ehefrau. Es ist die Welt, die Peggy Olson bei ihrer Einführung durch Joan Holloway als Ziel ihrer Bemühungen beschrieben bekommt, süffisant, aber ohne Ironie:

Joan Holloway in "Mad Men": "In ein paar Jahren wirst du die Züge wie wir nehmen. Und wenn es ganz gut läuft, musst du gar keinen Zug mehr nehmen, dann landest du im Vorort."

"The Feminine Mystique" ist ein zentraler Bezugstext des "Second Wave"-Feminismus – er spielt dennoch im Rücken des feministischen Charakters Peggy Olson (und auch im Rücken von Joan Holloway, der anderen Emanzipationsfigur aus "Mad Men"). Denn die Pionierleistung von Betty Friedan war es, ein Unbehagen zu beschreiben, für das es noch keinen Begriff gab: "the problem that has no name".

Darunter leidet in "Mad Men" exemplarisch Betty Draper, die erste Ehefrau von Don, die draußen im Einfamilienhaus die Idylle warmhält.

Betty Draper in "Mad Men": "Ich habe im Büro angerufen, sie haben gesagt, dass du schon weg warst. (…) Du störtst mich nicht. Ich dachte, du übernachtest wieder in der City. Im Ofen steht noch was zu Essen, wenn Du hungrig bist."

Betty wird ganz am Ende von "Mad Man" sterben.

Don Draper in "Mad Men": "Ich bin gleich zurück, warte hier auf mich."

Das Problem der Peggy-Olson-Figur besteht dagegen nicht darin, dass es auf keinen Begriff zu bringen ist, sondern dass auf ihre beruflichen Ambitionen in den modernen Bürowelten Anfang der 60er-Jahre nur ein Name wartet: "Sekretärin".

Zitator: Erste Frage: Wie geht das - nur Sekretärin werden zu können?

Heide Sommer: "Dann hab ich hier meine Schule gemacht, damals war noch sechs Jahre Grundschule, und in der 7. Klasse dann Gymnasium, und ein wunderbares Abitur Und dann bauten meine Eltern ein Haus, und mein Vater sagte zu mir, ja bau ich nun das Haus oder willst du studieren? (Sie lacht) Ja, entweder oder. Und die Hilfen, die es damals auch schon gab, die hab ich mir gar nicht erst überlegt. Ich hab dann lieber den direkten Weg in die Arbeitswelt gewählt, das entsprach mir mehr. Vor allem fand ich es grässlich, dass alle meine Klassenkameraden, wirklich fast alle, Lehrer wurden. Da hab ich gedacht, nee, die gehen ja ihr ganzes Leben in die Schule, dann gehen sie in die Uni, und dann gehen sie wieder in die Schule. Das wär nicht mein Weg gewesen."

Das ist Heide Sommer aus Hamburg, Jahrgang 1940, also ziemlich genau so alt, wie Peggy Olson in "Mad Men" gewesen sein soll. Heide Sommer ist Sekretärin bis heute. Sie wird hier noch öfter zu Wort gekommen.

"Sekretär" galt als nobler als der "Schreiber"

Zitator: Eine lange Vorgeschichte: als Sekretärin ein Männerberuf war

Lesenkönnen bedeutete Schreibendürfen, um ein hübsches Wort des Medienphilosophen Friedrich Kittler abzuwandeln, denn beides war Männern vorbehalten – selbst wenn es in klösterlichen Schreibstuben des Mittelalters Nonnen mit Zugang zu Tinte und Schreibzeug gegeben hat. Am Beginn von neuzeitlicher Verwaltung, Bürokratie, staatlicher Organisation ist der Sekretär ein Funktionsträger der höfischen oder städtischen Politik, Teil der Elite. Schriftverkehr musste geregelt, Briefe und Urkunden, Mandate und Privilegien nicht nur ausgestellt und kopiert, sondern auch registriert und archiviert werden.

Für diese Bürotätigkeiten gab es verschiedene, mitunter synonyme Bezeichnungen, denen nicht immer gleich viel Wertschätzung entgegengebracht wurde. So galt der "Sekretär" als noblerer Posten im Vergleich zum "Schreiber", was als Echo bis in Herman Melvilles berühmte Negationserzählung "Bartleby der Schreiber" reicht: Die miserable, weil monoton-freudlose Arbeitssituation, der sich der Titelheld durch sein "Ich möchte lieber nicht" verweigert, ist kaum geeignet, um das Ansehen des Berufsbilds zu steigern.

Über Begriffskarrieren schreibt der Mediävist Jan-Dirk Müller:

Ausschnitt aus einem Text Jan-Dirk Müllers:
"Während das 'Kanzler' als Chef der Kanzlei mit der Regierungsbehörde, die er zu leiten hatte, aufstieg, stiegen die Amtsbezeichnungen 'Schreiber' und 'Sekretär" meist ab zur Benennung untergeordneter Posten. Um 1500 dagegen sind subalterne und herausgehobene Tätigkeiten noch ungeschieden. Dem Namen einer Funktion war deshalb meist nicht viel über deren Rang zu entnehmen. Erst später heftete sich die Funktionsbezeichnung entweder an die eine oder die andere Tätigkeit und stieg mit ihr auf oder ab."

Der Kanzler, im Grunde ein anderes Wort für Bürovorsteher, hat es in Deutschland zu höchsten Ehren gebracht, während es mit Sekretär reputationsmäßig bergab ging, wo er seine prominente Stellung durch Inflationierung des Berufs verlor. Nach Goethe gab es keinen Eckermann mehr. Diese Entwicklung wird durch ein ganzes Bündel von technischen, ökonomischen und politischen Prozessen bedingt – und beim allem Wandel geht es doch immer auch darum, dass die Hierarchien nicht durcheinander geraten.

Heide Sommer: "Ja, ich war die Älteste in der Familie, meine Brüder, vier und fünf Jahre jünger. Der eine ist Diplomingenieur geworden und der andere Germanist . Besonders wichtig waren dann für mich die tollen Leute, für die ich gearbeitet habe. Und ich hab mir immer was abgeguckt, unbewusst bestimmt zu erst, aber später auch ganz bewusst."

Frauen als Pufferzone des Prekariats

Frauen finden im Industriezeitalter neue Jobs, aber sie müssen sich hinten anstellen, also unten an der Leiter, die den Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung weist.

Das Schreibendürfen scheidet sich mit steigender Alphabetisierungsrate und wachsenden Bildungschancen in singuläre Autorschaft und massenhafte Datenverarbeitung. Ersteres bleibt eine Männerdomäne, während Zweiteres bald von namenlosen Frauen erledigt wird.

In den Handelskontoren und Kanzleien differenziert sich das Spektrum der Tätigkeiten aus, und die Arbeitsteilung wird entlang von Geschlechtergrenzen festgelegt. Dass Frauen Berufe ausüben, die lange Männern vorbehalten waren, ist diesen Männern nicht geheuer. Gegen die Konkurrenz wird mit Petitionen und Flugschriften agitiert, junge Kaufleute wehren sich 1848 in Berlin gegen die neuen "Ladendemoiselles".

Die Furcht vor der weiblichen Konkurrenz sei unmännlich, ermuntert sich ein Text über Frauenarbeit im Handel von 1907, aus dem die Arbeitssoziologin Ursula Holtgrewe in ihrem Buch "Schreib-Dienst" zitiert:

Zitat: 
"Jeder Kollege muss freilich seine Kräfte zusammennehmen und dafür sorgen, daß er bei dieser neuen Arbeitsteilung auf die richtige Stelle kommt (...) Daß viele kleine Arbeiten ausgeschieden und von den weiblichen Angestellten erledigt werden, während den Männern die höhere Arbeit bleibt, ist doch auch eine Hebung der Männerarbeit."

Die Sekretärin ist für diese Promotion total wichtiger Männerarbeit eine ideale Figur. Sie übernimmt nicht nur langweilig-mechanische Tätigkeiten, wie das Formulare-Ausfüllen oder Maschineschreiben, das Männern mit Blick auf so was wie Arbeitsfreude schon auch "entwürdigend" erschien, weshalb sie dagegen eine "dünkelhafte Abneigung" pflegen.

Heide Sommer: "Und dann wurde es Mode, dass die Ehefrauen Bücher schrieben und ich weiß noch genau, wie die ganze Journaille sich über die Bücher der Ehefrauen lustig gemacht, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Aber diese Häme. Da hab ich mir geschworen, ein Buch schreibst du nie. Dem wollte ich mich nicht aussetzen."

Sie dichtet den Mann auch ab – auf dem Arbeitsmarkt gibt es mit den Frauen in prekären, schlecht bezahlten, austauschbaren Jobs eine Pufferzone, die männlichen Angestellten die Angst vor einem Abgleiten ins Proletarische lindert. Und im Büro gibt es ein Vorzimmer, das allein auf den Mann ausgerichtet ist und den Zugang zu ihm erschwert.

Charakterisierung der Sekretärin als "Mami"

Peter Huth, Jahrgang 1969, Chefredakteur der "B.Z." und einer, der als origineller Boulevardjournalist gilt, hat ein launig geschriebenes Buch über "Das Büro" veröffentlicht.

Zitat aus dem Buch:
"Eine ideale Sekretärin ist: natürlich blond. Sie ist wohlgeformt, fraulich und hat einen sexuellen Ehrenkode aus dem Herrenwitz der fünfziger Jahre. In ihrer Stimme liegt ein girrendes Verlangen, aber am Telefon kann sie durchaus energisch sein. Der Kaffee, den sie kocht, schmeckt besser als bei Starbucks, und alle Geburtstage der Kollegen hat sie in ihrem Kalender notiert."

Gäbe es nicht das Gegenwartszeichen "Starbucks", würde man auf die Idee kommen, dass Huth diesen Text im Jahr 2007 verfasst hat? Also in dem Jahr, in dem die Serie "Mad Men" für die historischen Arbeitsverhältnisse eine kanonische Form fand? Interessant ist bei Huth die Charakterisierung der Sekretärin als "Mami", weil sich darin eine gewisse Distanz zum Klischeebild zeigt, dass der putzige Peter Huth immer noch ausmalt. Denn ins Büro kommt die Frau, wie in "Mad Man" noch deutlich zu sehen ist, als eine Ehefrau avant la lettre, als potentielle Gattin, deren Anstellung enden wird, sobald ein Mann hinter der Tür sie heiratet.

Heide Sommer: "Damals waren wir Sekretärinnen mit den Männern zehn Stunden am Tag zusammen, mindestens, und die Ehefrauen hatten den Anfang und den Rest, wenn die Männer noch müde oder schon wieder müde waren. Für mich war's die Liebe, ich hab sonst nicht rumgeflirtet, ich hab den einen Mann geliebt, den hab ich nur zufällig da kennengelernt."

"Typewriter ist zweideutig: Das Wort hieß Schreibmaschine und Schreibmaschinistin: für US-Amerika eine Quelle zahlloser Cartoons. (...) Aber der Zusammenfall eines Berufs, einer Maschine und eines Geschlechts sagt die Wahrheit."

Schreibt Friedrich Kittler in seinem Buch "Grammophon, Film, Typewriter", um gleich darunter eine Statistik zu präsentieren, die klare Zahlen spricht: 1870 betrug der Anteil von weiblichen Stenografen und Maschinenschreiberinnen in den USA gerade 4,5 Prozent vom Gesamt, 1930 waren es 95,6 Prozent. Vielleicht muss man angesichts dessen also nicht fragen, wie die Frau an der Maschine landet, sondern warum die Maschine bei der Frau landet. Denn die Maschine ist nur das sichtbarste Zeichen eines Optimierungsprozesses, der das Industriezeitalter von Beginn an begleitet und der lange Zeit Rationalisierung hieß.

Also immer gleiche Abläufe zu vereinfachen, Zeit zu sparen. Der Wunsch nach Standardisierung trieb die Sehnsucht an, Sprech- und Schreibtempo synchronisieren zu können. 1874 bringt die Firma Remington, die bislang unter anderem Nähmaschinen produziert hatte, einen Prototypen von Christopher Sholes zur Serienreife, der über die bis heute geläufige QWERTZ-Tastatur verfügt.

Die Verbindung von Maschine und Frau

Es dauerte noch einige Jahre, bis die neue Erfindung sich tatsächlich durchsetzte. Die Arbeitssoziologin Ursula Holtgrewe schrieb:

"Um die Erfindung zu nutzen, mußten Schreiberinnen erst angelernt werden. Folgerichtig verlegte die Werbung sich auf Demonstrationen. Remington-Vertretungen stellten Vorführdamen ein, in den besten Großstadthotels wurden Schreibdienste für Geschäftsreisende eingerichtet, auf der Jahrhundertausstellung 1873 schrieb eine junge Frau für 25 Cent kurze Briefe für die Messebesucher. Die Assoziation von Frauen und Schreibmaschinen war also zu Anfang eine warenästhetische. Dekorative Weiblichkeit schmückte die Maschinen und hob die Einfachheit der Bedienung hervor. Was als Werbekampagne begonnen hatte, wurde zum Ansatzpunkt für die (Büro)Technikeinführung mit Systemcharakter: Der Gerätehersteller übernahm Arbeitsorganisation und Qualifizierung der Bedienerinnen. Nachdem Firmen beim Kauf einer Schreibmaschine gleich die Vorführdamen abwarben, eröffnete Remington Schreibmaschinenschulen mit Stellenvermittlung."

So steht bei der Einführung der Schreibmaschine, beim Erschaffen eines neuen Berufsfelds schon ein Aspekt, der in der gerade beginnenden Moderne an Bedeutung gewinnen wird, den Siegfried Kracauer später in seiner Studie über die Angestellten beschreiben wird und den "Mad Men" aus Perspektive der Imaginationsproduzenten erzählt: die Verknüpfung von Konsum und Begehren in einem Bild, das durch Massenmedien wie Filme, Zeitschriften und Plakatwände in den gewachsenen urbanen Gemeinschaften zirkuliert.

Die Verbindung von Maschine und Frau, die, wenn sie aus dem Bürgertum kam, durch das Klavierspiel quasi schon auf den Beruf "hingeübt" hatte und durch ihre schöne Seele automatisch "monotonieresistent" war, wird in dieser Zeit als etwas Naturgegebenes erzählt.

"Das notwendige Sicheinschmiegen in einen vorgegebenen Ablauf von Verrichtungen, ohne sich von ihm völlig einlullen zu lassen, gelingt offensichtlich Frauen sehr viel besser als Männern. (...) Männer, die zu vergleichbaren Routinearbeiten herangezogen werden, haben viel eher die Tendenz, entweder abzustumpfen oder auszubrechen. Oder aber sie zwingen sich ständig zur Arbeit, was dann auf die Dauer zu Verkrampfung und zu nervlichen und psychischen Schäden führen kann."

Heißt es bei dem Soziologen Heinz Bahrdt 1958. Der Idee, dass die Verbindung von Frau und Maschine im Grunde geschlechtsneutral ist und aus dem Umstand resultiert, dass Frauen in der Zeit auf den Arbeitsmarkt drängten, in dem die Schreibmaschine dort neue Betätigungsfelder anbot, erteilt die Soziologin Holtgrewe eine Absage:

"1889 führte Richard Siering die Zehnfinger-Blindschreibmethode in Deutschland ein, um die Schnelligkeit zu steigern und Ermüdungen vorzubeugen. Durchgesetzt wurde sie über Schnellschreibwettbewerbe, das Schreiben nach Grammophonmusik und in den Betrieben durch Akkordbezahlung, die im Endeffekt zur Senkung des Einkommens der Stenotypistinnen von 160 – 180 Reichsmark auf 120 bis 160 Reichsmark führte. Festgeschrieben wurde mit der Rationalisierung des Maschineschreibens und seiner Zuweisung an die Frauen auch die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit im Büro, denn die nun erreichbaren Schreibgeschwindigkeiten schlossen gleichzeitiges Nachdenken und Texte-Erstellen aus."

Beruf der Sekretärin verschafft jungen Frauen Spielraum

Heide Sommer: "Die schrieben von Hand ihren Artikel, es gab ganz selten einen Kollegen, der einen fertig geschriebenen Artikel mitbrachte. Man sagt immer so - das ist natürlich ein pauschales Urteil, und soll jetzt niemanden diskriminieren -, dass diejenigen, die wirklich gute Artikel schreiben und gründlich recherchierte Artikel schreiben, von Hand schreiben. Es schreibt sich anders von Hand, also ich kann's für mich nicht bestätigen."

Wir halten fest: Wenn die Arbeit mechanisch und monoton wird und wenn sich keine Aufstiegschancen mehr bieten, wird aus dem Sekretär ein Frauenberuf.

Zitator: Eine kleine Emanzipationsgeschichte – Die Sekretärin nimmt am modernen Leben teil 

Aller Verpflichtung auf den Platz am Gerät zum Trotz – der Beruf der Sekretärin verschafft jungen Frauen Bewegungsspielraum. Die Dequalifizierung, die die stupiden Arbeiten an der Maschine bedeuten, ermöglicht unter der Hand auch eine Qualifizierung. Es braucht Zeit, bis diese Chancen sichtbar werden, und Geschicklichkeit, sie zu nutzen.

"Maschinenschrift besagt Desexualisierung des Schreibens"

Heißt eine medientechnologisch-euphorische Hoffnung von Friedrich Kittler. Und fürs erste gestattet die Arbeit in den neuen Bürowelten den Frauen, wenn auch auf bescheidenem Niveau, ein selbständiges, unabhängiges Dasein. Und vor allem: eine Beschäftigung in der Stadt, im Zentrum des modernen Lebens. Die Komplexität dieser widersprüchlichen Existenzen charakterisierte die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Alice Rühle-Gerstel in einer oft zitierten Beschreibung:

"Ein halbseidener Beruf, halbseiden wie ihr Gemüt und ihre Gedankenwelt. Es versteht sich, daß mit dem Wort 'halbseiden' kein abfälliges Werturteil gesprochen werden soll, sondern nur eine Zuordnung jener 1,5 Millionen Frauen, die sich in einem sozialen Zwischenland angesiedelt finden: ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation gemäß Proletarierin, ihrer Ideologie nach bürgerlich, ihrem Arbeitsfeld zufolge männlich, ihrer Arbeitsgesinnung nach weiblich – schillernde Gestalten, oft von schillernder Fragwürdigkeit, auf alle Fälle von schillernder Sicherheit ihres sozialen und seelischen Daseins."

Heide Sommer: "Das war Geld verdienen und Anstellung haben und sich auch mal ein schönes Kleid kaufen, und schicke Schuhe. Das war Lebensqualität. An der Uni rumhängen, das hätte mich total gelangweilt, und ich weiß nicht, ob mir das was gebracht hatte."

Die mühsamsten Anforderungen an den Sekretärinnenberuf

Es gibt in "Mad Men" ein Art Mise en abyme, wenn Don Draper zu Rona Jaffes Bestseller "The Best of Everything" von 1959 greift, der auf dem Nachttisch seiner unglücklichen Frau Betty liegt. Denn "The Best of Everything", ins Deutsche seinerzeit etwas weniger fordernd als "Alle meine Träume" übersetzt, handelt von den Frauen, die ihren Platz in der schillernden Welt, dem schillernden New York suchen, in dem auch "Mad Men" spielt.

Zitat aus "Alle meine Träume":
"Jeden Morgen sieht man sie aus den U-Bahn-Schächten hervorquellen, aus dem Grand-Central-Bahnhof herausströmen, sieht sie Lexington- und Park- und Madison-Avenue und die Fifth Avenue überqueren, alle diese Hunderte und Aberhunderte von jungen Mädchen. Manche sehen lebhaft aus, andere blicken mürrisch drein, und wieder andere machen den Eindruck, als wären sie noch nicht aus dem Bett heraus. Manche von ihnen sind schon seit halb sieben Uhr auf, alle, die aus Brooklyn und Yonkers, New Jersey und Staten Island und Connecticut kommen."

Peggy Olson kommt aus Brooklyn, wie sie in der ersten Folge erklärt, aus einer engen, weil streng katholischen Familie. In der zweiten Staffel von "Mad Men" ändert sie Frisur und Kleidungsstil, in der dritten Staffel zieht sie nach Manhattan.

Das Beste von allem in der deutschen Sekretärinnenwelt sucht "Gilgi, eine von uns", die Protagonistin von Irmgard Keuns gleichnamigem Roman von 1931. Das Buch ist seiner Zeit voraus. Die Soziologin Holtgrewe schrieb:

"Irmgard Keun schildert die Unabhängigkeitsbestrebungen ihrer Heldin als Individualisierungsprozess, wie er sich gesamtgesellschaftlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln konnte – einschließlich der schmerzhaften Trennungen, die die neuerworbene Freiheit mit sich bringt."

Gilgi, eigentlich Gisela, ist Stenotypistin, lernt Fremdsprachen und hat mit Olga eine Künstlerfreundin, deren Selbstbewusstsein ihr Vorbild ist. Im rasanten Tempo von Keuns umstandsloser Erzählung landet die Geschichte gleich am Anfang bei den mühsamsten Anforderungen an den Sekretärinnenberuf, die Gilgi kühl kalkuliert.

Zitat aus "Gilgi, eine von uns":
"Gilgi ist ein erfahrenes Mädchen. Sie kennt Männer und die jeweiligen Wünsche und Nichtwünsche, die sich hinter dem Ton ihrer Stimme, ihren Blicken und Bewegungen verbergen. Wenn ein Mann und Chef wie Herr Reuter mit unsicherer Stimme spricht, ist er verliebt, und wenn er verliebt ist, will er was. Früher oder später. Bekommt er nicht, was er will, ist er erstaunt, gekränkt und ärgerlich. (...) Gilgi überlegt. Sie hat keine Lust, mit Herrn Reuter ein Verhältnis anzufangen, und sie hat keine Lust, sich ihre Stellung bei ihm zu vermurksen, sie eventuell zu verlieren. Er ist ein guter Chef. Er bezahlt Überstunden, nutzt seine Angestellten nicht aus, ist freundlich und angenehm. Gilgi hat schlechtere Chefs gehabt."

Gilgi findet eine Lösung. Sie bittet Olga, das Interesse von Herrn Reuter von ihr abzulenken. Zu der smarten Modernität von Irmgard Keuns Buch gehört, dass es das literarische Feld reflektiert, in dem es sich bewegt. An einer anderen Stelle, als es wieder darum geht, einen zudringlichen Mann abzuwehren, ohne ihm dabei vor den Kopf zu stoßen, sagt Gilgi:

Zitat aus "Gilgi, eine von uns":
"Ich find' das ganz normal und natürlich. Hauptsache: Man versteht, ihnen geschickt auszuweichen. Bloß keine Beleidigungstragödie à la 'Schicksale hinter Schreibmaschinen'."

Aus der Sekretärin kann die leitende Angestellte werden

"Schicksale hinter Schreibmaschinen" hieß ein Sekretärinnenroman von Christa Brück, der 1930 erschienen war und politisch und stilistisch wesentlich konservativer daherkam als "Gilgi".

Heide Sommer: "Also wenn es sich wirklich um die Position der Sekretärin handelt, wo ja das Wort, secret, Sekret auch - aber wir wollen jetzt nicht frivol werden, so kann man mit Sprache spielen, ist doch hübsch. Bei mir war's mehr das Geheimnis, als Geheimnisträgerin verbracht, was ich weiß über die Menschen, für die ich gearbeitet habe, das wird nie in einem Buch stehen. Ich werde also nicht wie alle anderen nun auch schreiben: 'Meine Jahre mit…' Ich werde höchstens mal schreiben: 'Meine Jahre mit Henry Roth', das sind nämlich die fünf wahnsinnig guten und wichtigen Bücher, die ich übersetzt habe, wo ich 15 Jahre meines Lebens dran gearbeitet habe, mit Unterbrechungen, das ist mein Chef d'oeuvre."

Peggy ist Gilgi und auch wieder nicht. Für Tricks, Deals, das Spiel, auch die größeren Erniedrigungen ist die von Christina Hendricks gespielte Joan zuständig. Peggy Olson ist die Frauenfigur, die ihren Weg rationalisiert, einklagt, offensiv behauptet. Natürlich ist Peggy Olson auf Hilfe und Unterstützung angewiesen: durch Joan, durch Freddie Rumsen, der die Möglichkeit gibt, das Talent als Texterin zu zeigen, das sie hat. Und durch Don Draper, der ihr in der ersten existentiellen Krise, der Geburt eines unehelichen Kindes, sein eigenes Lebensmotto überlässt:

Don Draper in "Mad Men":

"Mach weiter. Es ist leicht so etwas zu vergessen, als man denkt."

Im Mai 2015 wird die letzte Folge von "Mad Men" ausgestrahlt.

Die 60er-Jahre sind vorbei. Der Mann, dessen Schattenriss durch den Vorspann stürzt, ist aus den Halterungen seiner bürgerlichen Existenz gefallen. Die Frau aus dem Fahrstuhl ist dagegen immer noch da. Fast als einzige, fast an der Spitze. Zum Abschied schenkt die Serie ihr aus lauter Begeisterung ein romantisches Happy End:

Peggy und Stan in "Mad Men":

"What are you sayin?" – "I love you"

Das mag so kitschig sein, wie es sich anhört. Aber Peggy Olson ist auch deshalb die interessanteste und überraschendste Figur, weil sie die größte Entwicklung durchmacht. Betty Draper verschattet und stirbt. Joan sieht zu Beginn schon so toll und schön aus wie zum Ende, ihre Herausforderung besteht in einer Art Energieumwandlung: aus dem männlichen Begehren, das auf sie gerichtet ist, gewinnt sie Kapital für ihre Unabhängigkeit. Peggy dagegen sammelt Erfahrungen, die einen Weg ergeben, der nur zu ahnen war: die Karriere einer Frau in der Nachkriegsjahren, am Anfang der modernen Zeit. Aus der Sekretärin kann die leitende Angestellte werden.

Zitator: Eine letzte Frage an Heide Sommer – Wenn Sie heute jung wären, was würden sie werden?

Heide Sommer: "Managerin, das würde mich reizen, das würde mich sehr reizen."

Die 60er-Jahre, davon erzählt "Mad Men" eigentlich, sind eine Zeit des politischen und kulturellen Wandels. Ein Modernitätsschub. Peggy Olson ist die Stellvertreterin einer Generation, die einen Möglichkeitsraum erkundet. Und Peggy Olson ist eine Kippfigur: In ihrem Weg nach oben, in der Ausnahme, die sie ist, und dem Reststück Karriere, das bis zur Spitze bleibt, steckt immer auch das Wissen ums Scheitern, dass Chancen nicht eingelöst werden können.

Und Peggy Olson ist auch schon die Agentin aus dem Gestern, die sich in Bahnen bewegt, die Männer vorgegeben haben. Barbra Streisand hat einmal gesagt, sie habe ihre charakteristischen Fingernägel deshalb so lang wachsen lassen, um von Anfang an klar zu machen, dass sie nie Sekretärin werden wird.

Bleibt eine allerletzte Frage, wenn wir die ganze Zeit nur von Geschichte reden: Ist das alles so lange vorbei, wie es in Jahren zurückliegt?

Ausschnitt aus einem Lied von Hildegard Knef:
"Ich brauch' Tapetenwechsel sprach die Birke. Und macht' sich in der Dämmerung auf den Weg. Ich brauche frischen Wind um meine Krone. Ich will nicht mehr in Reih und Glied. In eurem Haine stehen, die gleiche Wiese sehen. Die Sonne links am Morgen, abends rechts."

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