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Sonntag, 19.11.2017

Lesart | Beitrag vom 07.09.2017

Ijoma Mangold: "Das deutsche Krokodil"Anders, doch deutscher als die Deutschen

Von René Aguigah

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Eine Wiese neben einem Rapsfeld in Bayern von oben. darauf platziert das Cover des Buches "Das Deutsche Krokodil" (Cover: Rowohlt/Hintergrund: imago)
Sein Anderssein hat Ijoma Mangold nie als Diskriminierung empfunden. In "Das Deutsche Krokodil" blickt er auf seine Geschichte. (Cover: Rowohlt/Hintergrund: imago)

Ijoma Mangold wächst in Heidelberg auf, die Mutter aus Schlesien, der Vater aus Nigeria. In „Das deutsche Krokodil“ erkundet er seine eigene Biografie. Da geht es ums Anderssein und ums Dazugehören, um Anpassung und um die Sorge, es könnte doch einmal etwas Schlimmes geschehen.

Die Geschichte des deutschen Literaturkritikers Ijoma Mangold beginnt mit den Eltern, die nach Süddeutschland zugewandert sind, die Mutter aus Schlesien, der Vater aus Nigeria. 1971 geboren, wächst Mangold in Heidelberg auf, mit dunkler Hautfarbe, mit krausen Haaren – ohne den Vater. Mangold erzählt vor allem, wie sehr er nicht diskriminiert wird und doch handelt seine Geschichte vom Anderssein. Nicht nur seine Hautfarbe und Vaterlosigkeit weichen ab von der Norm, auch die kulturellen Vorlieben, die er früh entwickelt: Thomas Mann, Richard Wagner, preußische Geschichte. Als er Anfang zwanzig ist, taucht sein Vater plötzlich auf – und mit ihm jener Teil seines eigenen Lebens, der ihm bis dahin fremd gewesen ist.

Der Literaturwissenschaftler Carlos Spoerhase hat kürzlich den Begriff "Autosoziobiografie" verwendet, um etwa zu erklären, warum Didier Eribons "Rückkehr nach Reims", die autobiografische Erkundung der eigenen proletarischen Herkunft, im vergangenen Jahr ein so überwältigender Buch-Erfolg geworden ist. Mangold, anders als Eribon, ist kein theoriebewehrter Soziologe. Aber tatsächlich landet "Das deutsche Krokodil" nicht deshalb auf den Bestseller-Listen, weil sein Autor so prominent wäre wie Boris Becker; eher weil es, wie Eribons Buch, innerhalb der Lebensgeschichte auch von der Gesellschaft erzählt, die den Helden umgibt.

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Und Ijoma Mangold erzählt in einer Weise, die das biodeutsche Publikum nicht vor den Kopf stößt: Die Mitmenschen sind freundlich, der Held ist mustergültig integriert, die deutsche Hochkultur ist bei ihm in allerbesten Händen, Nigeria betrachtet er – erst abwehrend, dann sich annähernd – mit staunenden Augen.

Bleibt zu wünschen, dass die kleineren und größeren Brüche dieser Geschichte nicht übersehen werden: Wie kommt es, dass dieser Held deutscher wirkt als die Deutschen? Und warum wird er jene Sorge aus der Kindheit niemals los: dass eines Tages doch etwas Schlimmes passieren könnte wegen seiner Hautfarbe?

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017
352 Seiten, 19,95 EUR

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