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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 21.05.2012

"Ich war wütend auf die Männer"

Vor 10 Jahren starb die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle

Von Vanessa Loewel

Eine bunte Nana der Bildhauerin  Niki de Saint Phalle steht auf dem Dachgarten der Bundeskunsthalle in Bonn. (picture alliance / dpa)
Eine bunte Nana der Bildhauerin Niki de Saint Phalle steht auf dem Dachgarten der Bundeskunsthalle in Bonn. (picture alliance / dpa)

Ihre Kunst steht nicht nur in den großen Museen: Die Werke von Niki de Saint Phalle prägen das Stadtbild von San Diego, Hannover oder Paris. Vor allem ihre Nanas, diese riesigen, knallbunten Frauenskulpturen, bevölkern als Ikonen der Popkultur unsere Welt.

"Ich hoffe, Sie sehen die Dimension des Gigantismus dieser Frau. Diese Gewalttätigkeit und diese ungeheuere und wirklich ganz fabelhafte Kraft, die daraus steigt."

Sagte Jean Tinguely über seine Lebens- und Arbeitsgefährtin Niki de Saint Phalle. Deren Nanas, diese fröhlichen Riesinnen im Flower-Power-Outfit, wirken heute harmlos. In den 60er-Jahren aber, als die Künstlerin sie auf die Öffentlichkeit losließ, waren sie ein Skandal. "Das Zeitalter der Schweine" und "Genug jetzt" titelte die Presse 1966, da hatte Niki de Saint Phalle im Museum für Moderne Kunst in Stockholm ihre erste Nana gebaut: eine 29 Meter große Schwangere aus Pappmaschee und Hühnerdraht. "Weg mit den Nanas" forderte auch eine Bürgerinitiative in Hannover, wo Niki de Saint Phalle 1974 drei ihrer Frauenfiguren aufstellte. Am Ufer der Leine präsentieren sie bis heute ihre ausladenden Brüste, die dicken Bäuche und riesigen Hintern.

"Ich war vollkommen überrascht, dass sie so eine Empörung auslösten. Ich glaube zwar nicht, dass die Nanas meine besten Werke sind, aber ich habe damit den Zeitgeist getroffen. Der Feminismus kam gerade auf, und auch wenn ich nie offiziell in der Frauenbewegung war, bin ich durch und durch Feministin. Das war in meinem Leben immer ein starker Motor. Und wenn man sich meine Generation anguckt, da bin ich vielleicht die Künstlerin, die die größten Skulpturen gebaut hat. Ich bin verrückt nach Größe, ich habe einen Größenwahn – aber einen weiblichen, das ist etwas anders."

Sagte Niki de Saint Phalle 1991 in einem Interview mit Radio France.
1930 wurde die Künstlerin in Paris geboren, als Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle. Ihr Vater, ein Banker, entstammte einem alten französischen Adelsgeschlecht. Sie wuchs in New York auf, arbeitete als Fotomodell, heiratete früh den amerikanischen Schriftsteller Harry Mathews und ging mit ihm nach Frankreich. Mit 23 Jahren, nach der Geburt ihres zweiten Kindes, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Die Kunst wurde in dieser Zeit zum Ventil ihrer Verzweiflung: Mit ihren Bildern verarbeitete sie die Wut gegen ihren Vater, der sie als Mädchen sexuell missbraucht hatte. Sie füllte alte Büchsen mit Farbbeuteln, montierte alles auf ein Holzbrett, übergoss das Ganze mit Gips, nahm ein Gewehr und schoss, bis die Farbe aus den Einschusslöchern tropfte, das Bild blutete.

"Ich war wütend auf die Männer, auf die Gesellschaft, wütend, weil ich ein hübsches Mädchen war und meine Eltern mich gut verheiraten wollten. Glücklicherweise hatte ich die Kunst, um mit dieser Wut umzugehen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich zur Zeit des Terrorismus geboren worden wäre. Das wäre schlimmer ausgegangen."

Mit ihren Schießbildern gewann die Autodidaktin in den frühen 60er-Jahren die Anerkennung der Künstlerszene. Ihre "shootings" wurden zu Happenings, zu denen Robert Rauschenberg, Yves Klein, John Cage, Jane Fonda kamen. Hier tauchte auch Jean Tinguely auf. Niki de Saint Phalle verließ ihre Familie und zog in das Atelier des Schweizer Bildhauers und Pioniers der kinetischen Kunst. Zusammen eroberten sie die Kunstwelt: 1967 entwarfen sie einen Skulpturengarten für den französischen Pavillon der Weltausstellung in Montréal, 1972 entstand in Jerusalem ein Kinderspielplatz, 1982 der Stravinski Brunnen vor dem Centre Pompidou in Paris. Zu den Nanas gesellten sich Monster, Fabelwesen, Schlangen, Herzen oder Totenköpfe. 1979 begann Niki de Saint Phalle mit ihrem größten Projekt: In der Toskana sollen 22 begehbare Skulpturen entstehen – für jede Trumpfkarte des Tarot eine.

"Als ich 25 war, habe ich zum ersten Mal Gaudis Garten in Barcelona gesehen, diesen großen, wunderbaren, einzigartigen Garten. Und da wusste ich: Das ist mein Schicksal. Eines Tages werde ich auch so einen Garten machen."

Erst 1998 erfüllte sich ihr Lebenstraum, der Tarot-Garten konnte eröffnet werden. Niki de Saint Phalle hatte in ihn all’ ihr Geld und all’ ihre Kraft investiert – und das, obwohl sie immer wieder schwer krank wurde. Sie litt unter Atemnot. Das Polyester, aus dem viele ihrer lebensfrohen Nanas bestehen, hatte die Lungen der Künstlerin zerfressen. Wegen des milden Klimas zog sie nach Kalifornien. Niki de Saint Phalle starb am 21. Mai 2002 in San Diego, 71 Jahre alt.

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