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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 04.05.2012

"Ich kämpfe doch nicht gegen den lieben Gott"

Der Rettungsmediziner Leo Latasch ist der erste Jude im Ethikrat

Von Michael Hollenbach

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Leo Latasch (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Leo Latasch (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Zu den neuen Mitgliedern des Deutschen Ethikrats gehört Leo Latasch, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Frankfurt und Direktoriumsmitglied des Zentralrates der Juden. Seine Maxime für diese Arbeit lautet: "Zuerst kommt der Mensch und dann erst Religion".

Die Bundesregierung und der Bundestag haben für die kommende vierjährige Arbeitsperiode neue Mitglieder in den Deutschen Ethikrat berufen. Eigentlich hat Leo Latasch gar keine Zeit für ein neues Amt. Hauptberuflich ist er Chef des Frankfurter Rettungsdienstes, ehrenamtlich engagiert er sich in mehreren jüdischen Gremien und ärztlichen Fachverbänden. Doch als ein Staatssekretär ihn anrief und fragte, ob er im Deutschen Ethikrat mitarbeiten könne, da hat er sofort zugesagt:

"Ich sehe das auch als Anerkennung, dass die Anzahl der Juden in Deutschland eine Größe erreicht hat, dass man nicht mehr sagen kann, naja, das ist eine kleine Splittergruppe, sondern die sind da und die wollen auch bleiben."

Der Anästhesist und Rettungsmediziner weiß, dass er die Rückendeckung des Zentralrates der Juden hat. Aber der 59-Jährige hat dennoch nicht Anspruch, nun vor allem die jüdischen Positionen im Ethikrat durchzuboxen:

"Die jüdische Religion hat zwar Gesetze niedergelegt vor über 5700 Jahren, aber die alle diskussionsfähig sind, weil man verschiedene Auslegungen zulassen kann."

Deshalb zieht Leo Latasch seine eigene Schlüsse zum Beispiel beim Thema Organtransplantation. Eigentlich sollte ein Leichnam nach jüdischer Lehre möglichst unversehrt bleiben, sagt Latasch, der sich ehrenamtlich als Sozialdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt engagiert:

"Meine Meinung ist ganz klar: Wenn ich sage, ich kann durch Organtransplantation Leben retten, steht der Wert für mich, ein Leben zu retten, über dem der Religion, die sagt, der Körper sollte unbeschadet beerdigt werden."

Der Bundestag will mit einem neuen Organspendegesetz erreichen, dass der Bürger immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, ob er zu einer Organspende bereit ist. Das geht dem Frankfurter nicht weit genug. Er plädiert für die österreichische Widerspruchslösung: Wer nicht ausdrücklich widerspricht, ist potentieller Organspender.

"Bei den Österreichern wissen Sie ganz klar, woran Sie sind. Wenn Sie keinen Ausweis einstecken, wo drin steht: Nein, ich möchte es nicht, heißt es automatisch Ja."

Im Gegensatz zu den christlichen Kirchen haben jüdische Ethiker eine wesentlich liberalere Position, wenn es um den Beginn des Lebens geht. So ist die Embryonenforschung in Israel so weit fortgeschritten wie in kaum einem anderen Land; und beim Thema Präimplantationsdiagnostik plädieren fast alle jüdischen Gelehrten für einen Embryonencheck und eine mögliche Selektion, wenn beim Embryo die Anlagen für eine schwere vererbbare Krankheit erkannt werden. Im Gegensatz zur katholischen Kirche ist die künstliche Befruchtung für jüdische Ethiker gar kein Problem. Jonah Sievers, Landesrabbiner in Niedersachsen, erläutert, dass nach jüdischer Lehre ein Embryo noch nicht beseelt sei:

"Wenn man zum Beispiel Embryonen oder Föten hat, die sich aus Abtreibungen ergeben, dann steht aus jüdischer Sicht der Stammzellenforschung nichts entgegen."

Der Rabbiner sieht einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der jüdischen und der christlichen Ethik. Während vor allem katholische Moraltheologen oft warnen, man dürfe Gott nicht ins Handwerk pfuschen, sehen das jüdische Gelehrte liberaler und auch offensiver, meint Jonah Sievers:

"Indem wir sagen würden, dass die Welt nicht komplett ist. Gott hat sie nicht komplett erschaffen, und wir sind Partner dabei, und Gott hat uns den Verstand gegeben, wir können daran mitwirken, die Welt mitzugestalten. Das würden die christlichen Kollegen wahrscheinlich etwas defensiver sehen."

Leo Latasch ist Leiter des Rettungsdienstes in Frankfurt. Bei seiner Arbeit ist er früher oft mit den Themen Sterben und Tod konfrontiert worden. Er habe im Laufe seiner Arbeit lernen müssen, dass man nicht immer mit allen Mitteln um eine Wiederbelebung kämpfen müsse:

"Wenn Sie das dann hören: Wir haben den Kampf verloren. Ja, gegen wen denn? Wir sind doch nicht omnipotent, ich kämpfe doch nicht gegen den lieben Gott."

Und dann erzählt er ein dramatisches Beispiel, als er mit einem Kollegen zu einer Frau gerufen wurde, die sich vor einen Zug geworfen hatte:

"Der Zug hatte dieser Patientin beide Arme und beide Beine abgetrennt und der Kollege hat dann eine Wiederbelebung begonnen und hat es tatsächlich geschafft, dass diese Patientin überlebte. Ich hätte gezögert, sage ich ganz ehrlich. Jemand, der so verzweifelt ist, dass er sich vor einen Zug wirft aus was für Gründen auch immer und dabei die Extremitäten abgetrennt bekommt, den wiederzubeleben, dass er dann da irgendwo sitzt, nicht mehr allein essen kann, trinken kann, nicht mehr weglaufen kann. Das hat schon was von Ironie."

Madonna gehörte auch zu den Patientinnen von Leo Latasch. Denn der jüdische Mediziner trägt auch den Ehrentitel Rockdoc. Seit Ende der 70er-Jahre hat er nebenbei für den Konzertmanager Marek Lieberberg gearbeitet, ebenfalls Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, und Popstars wie eben Madonna, Elton John, Pink Floyd oder die Rolling Stones medizinisch betreut. Eine tolle, aber auch sehr anstrengende Zeit, seufzt der Mann mit dem grauen Haar und dem Drei-Tage-Bart. Denn für die Wehwehchen der Stars musste er Tag und Nacht zur Verfügung stehen.

Nun ist er das erste jüdische Mitglied im Deutschen Ethikrat. Seine persönliche Maxime für diese Arbeit sieht er im Einklang mit seiner Religion: "Zuerst kommt der Mensch und dann erst Religion."

Er betont immer wieder, dass in erster Linie seine Kompetenz als Mediziner im Ethikrat gefragt sei: "Ich bin religiös, aber nicht fromm. Es wird sicherlich Fragen geben, wo ich auf die Rabbiner zugehen werde, um mich beraten zu lassen."

Aber auf welche Rabbiner? Jonah Sievers sieht da ein Problem:

"Erst mal muss man sagen, dass es die Position im Judentum sowieso fast nie gibt, sondern dass es unterschiedliche Meinungen gibt."

Der niedersächsische Landesrabbiner hatte schon lange gefordert, dass im Deutschen Ethikrat auch die jüdische Position zu Wort kommen soll. Aber er weiß auch, dass die Aufgabe für Leo Latasch nicht einfach sein wird:

"Denn das Judentum ist breit gefächert, so dass es für Herrn Latasch eine große Aufgabe sein wird, seine Meinung aus den verschiedenen Meinungen zu destillieren."

Vor möglichen Anrufen aufgebrachter Rabbiner, die ihre Position im Ethikrat vertreten sehen wollen, graut dem Frankfurter aber nicht. Er habe den Zentralrat hinter sich, sagt Leo Latasch selbstbewusst: "Ich habe ein breites Kreuz, davor habe ich überhaupt keine Angst."

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