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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.07.2013

"Ich habe meinen Roman umgebracht"

Die Schriftstellerin Juli Zeh reflektiert ihre Poetik-Vorlesung in Frankfurt

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Juli Zeh findet, sie habe keine Poetik. (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)
Juli Zeh findet, sie habe keine Poetik. (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)

Ein Jahr lang hat die Schriftstellerin Juli Zeh die Frankfurter Poetikdozentur bestritten. Dabei hat sie über die Entstehung eines neuen Romans gesprochen - und dabei festgestellt, dass sie nicht abstrakt über ihre Arbeit reden und gleichzeitig schöpferisch tätig sein kann.

Die Poetikdozentur in Frankfurt gibt es seit 1959. Von Ingeborg Bachmann über Friedrich Dürrenmatt bis Heinrich Böll traten hier viele prominente Autoren ans Mikrofon. Abgeschaut hatte sich die Frankfurter Universität die Idee in Oxford, wo man die Tradition, Dichter als Dozenten einzuladen, längst pflegte. In diesem Semester war die Schriftstellerin Juli Zeh Vordenkerin im Frankfurter Hörsaal.

Ihr erste Reaktion allerdings sei ablehnend gewesen: "Was will ich denn da, ich habe doch gar keine Poetik." So habe sie ein Unbehagen, das Gefühl von Unvermögen, zunächst überwinden müssen. Gehalten hat die Schriftstellerin ihre Vorlesungen dann in Form eines E-Mail-Wechsels.

Nur so habe sie tatsächlich etwas ausdrücken können, sagt Zeh, die heute ihre letzte Vorlesung hält. Literaturwissenschaftler könnten ohnehin viel besser über Literatur sprechen als Autoren, findet Zeh: "Wir Autoren wissen höchstens besser, wie dich das Schreiben anfühlt." Darüber zu sprechen sei ihr aber nur möglich gewesen, indem sie eine "fast schon exhibitionistische Authentizität" hergestellt habe - durch das Verfassen von Briefen an fiktive Freunde.

Um Distanz zu vermeiden, habe sie schonungslos ehrlich sein müssen - doch die Schilderung profaner Dinge wie blinkende Cursor und plötzliche Putzanfälle habe das Schreiben fast entzaubert.

Dabei sei sie selbst überrascht gewesen, dass ihre steile Ausgangsthese "Wer Bücher schreibt, hat keine Poetik" im Laufe der Vorlesung bestätigt wurde. Sie habe für die Vorlesung versucht, den Entstehungsprozess eines Romans zu kommentieren, den sie ohnehin schreiben wollte. "Am Ende wurde mir klar, dass ich diesen nie schreiben werde", sagt Zeh. Sie haben den Roman quasi umgebracht, indem sie im Entstehungsstadium über diesen gesprochen habe. Ihre Erkenntnis: "Ich kann nicht abstrakt über meine Literatur reden und gleichzeitig schöpferisch tätig sein."

Das vollständige Gespräch mit Juli Zeh können Sie bis mindestens 10. Dezember 2013 als MP3-Audio in unserem Audio-On-Demand-Angebot nachhören.

Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons"Spaß wie auf einer Geisterbahn"
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood blickt am 15.10.2017 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt am Main (Hessen) in die Runde. Die 77 Jahre alte Autorin wird für «Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz» in ihrem umfangreichen Schaffen geehrt. Die renommierte Auszeichnung, die seit 1950 vergeben wird, ist mit 25 000 Euro dotiert.  (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat sich Margaret Atwood mit einer Fabel bedankt. Die habe zuviel fatalistische Metaphorik, bemängelt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Atwood selbt sagt im Interview mit der "Welt", sie habe Spaß am Schreiben, "Horrorspaß".Mehr

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