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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.09.2011

"Ich habe das Buch ja nicht geschrieben, um mich an meinen Eltern zu rächen"

Oskar Roehler über seinen autobiografischen Roman "Herkunft"

Oskar Roehler im Gespräch mit Frank Meyer

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Oskar Roehler: "Ich glaube, dass meine Elterngeneration, dass die ziemlich fehlgesteuert waren." (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Oskar Roehler: "Ich glaube, dass meine Elterngeneration, dass die ziemlich fehlgesteuert waren." (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Eigentlich habe er "Herkunft" geschrieben, um seine Kindheit zu beschreiben, sagt der Autor und Regisseur Oskar Roehler. In der Folge habe er aber nach Erklärungen gesucht, warum seine Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner, die Familie frühzeitig verließ und der Vater, der Lektor Klaus Roehler, sich nicht um ihn kümmerte.

Frank Meyer: Eine Kindheit zwischen der Spießerhölle der Wirtschaftswunderzeit und dem egomanischen Selbstverwirklichungstrip der nachfolgenden Generation, die lernt man kennen in Oskar Roehlers Roman "Herkunft". Oskar Roehler kennen Sie vielleicht als Regisseur durch seine Filme "Die Unberührbare" oder "Elementarteilchen" oder "Jud Süß – Film ohne Gewissen". Jetzt kann man ihn als Schriftsteller entdecken, willkommen Herr Roehler!

Oskar Roehler: Hallo!

Meyer: Heute wird dieses Buch zum ersten Mal öffentlich vorgestellt, Ihr Roman. Sie erzählen da von einem Jungen, Robert, der Ende der 50er-Jahre in der Bundesrepublik zur Welt kommt, und wenn man das so liest, seine Geschichte, denkt man: Was für ein verdammtes Pech hat dieser Junge! Denn die Großelterngeneration, die schuftet verbohrt fürs Wirtschaftswunder, die Eltern sind in den 60er-, 70er-Jahren so sehr mit Selbstverwirklichung und Systemkritik beschäftigt, dass sie für diesen Jungen überhaupt keinen Sinn und keine Zeit haben, der ist ihnen eigentlich nur im Wege. War das eine schlechte Zeit für Kinder damals?

Roehler: Also, ich glaube, man muss da irgendwie sorgfältig trennen. Also, ich glaube, dass meine Elterngeneration, dass die ziemlich fehlgesteuert waren. Dass die so beharrlich so ihren sogenannten neuen Idealen glaubten zu folgen, also diesem Linkssein, diesem Intellektualismus und so weiter, dass die im Grunde ihres Herzens sich aber selber irgendwie wahrscheinlich gar nicht begriffen haben und dass die im Grunde ganz anders getickt haben. Die waren irrsinnig streng, diktatorisch, die waren fanatisch, mindestens genau so wie, oder eigentlich im Grunde viel fanatischer und sogar auch fast lebensferner als die Generation irgendwie vorher, die haben in der Bundesrepublik ja wenigstens dann auch gerne versucht, ihren Wohlstand in irgendeiner Form zu genießen. Aber das ganze Menschenbild und das politische Bild und alles, das war schon sehr schräg und sehr widersprüchlich und von Zwängen behaftet und von Ängsten behaftet. Und ich glaube, dass auch ganz viel aus der Nazizeit oder aus diesen Erziehungsmethoden da in die Eltern auch eingeflossen ist und dass die da sich gar nicht davon irgendwie befreit hatten, sondern höchstens vielleicht irgendwie versucht haben, den Kopf zu befreien, im Herzen, in der Seele nicht.

Meyer: Ja, im Kopf hatten sie ja ganz andere Ideale, sie wollten ja ganz andere Menschen sein und eine ganz andere Welt eigentlich erschaffen. Aber Sie würden sagen, sie haben eigentlich, was das Praktische anging, die Lebenshaltung der Nazizeit fortgesetzt?

Roehler: Ich weiß nur, dass beispielsweise meine Mutter extrem rigide und brutal abgestraft wurde von dem gesamten Familienclan, als sie den tödlichen Fehler beging, die Ehe in der Form nicht mehr zu respektieren und ihren eigenen Weg zu gehen. Das hatte für sie eigentlich zur Konsequenz, dass sie zu so einer Persona non grata reduziert wurde. Und ich glaube, dass daher auch ganz viel von ihrem späteren Hass wahrscheinlich sogar auch auf mich und auf alle anderen Beteiligten kam. Ich glaube, das war auch noch mal so ein ganz klarer Bruch in ihrer Biografie, dass man ihr nicht verziehen hat, dass sie Talent hatte und dass sie Freiheit für sich beansprucht hat.

Meyer: Ihre Mutter war Gisela Elsner, die Schriftstellerin, die sich 1992 selbst getötet hat. Wie ist das überhaupt mit dem Verhältnis von Fiktion und Biografie in diesem Buch? Sie haben es einen Roman genannt, die Figuren in dem Buch tragen andere Namen, aber man muss überhaupt kein Oskar-Roehler-Experte sein, um zu sehen, es geht schon um Ihre Mutter, es geht um Ihren Vater Klaus Roehler. Wie nah ist das beieinander, die Buchfiguren und Ihre realen Eltern?

Roehler: Sagen wir mal so, ich habe a) eine ganze Menge recherchiert, ich habe b) mich eine ganze Menge erinnert an meine Eltern. Die Vorgeschichte, also die Geschichte der Großeltern, die ich am Anfang des Buchs schreibe, die ist in weiten Parts erfunden und die habe ich einfach nachempfunden, weil ich die Menschen gut kenne, weil ich das Schweigen zwischen meinen Großeltern väterlicherseits gut kenne, weil ich die Atmosphäre kenne, in die die im Wirtschaftswunder sich da so zurückgezogen haben, auf ihre Position. Da ist ganz viel erfunden. Aber ab dem Moment, wo meine Eltern sich treffen, und ab dem Moment, wo ich dann nach Berlin komme, ist das im Grunde so eine ganz prägende Selbsterfahrung gewesen. Und ich erzähle natürlich von mir und ich erzähle auch von meinen Eltern. Weil die Geschichte meiner Eltern, die ist zum Teil in Briefen überliefert, also in Dokumenten, die ich mir angeguckt habe recht genau, und auch in Aussagen meiner Eltern übereinander und so weiter.

Meyer: Ihre Mutter hat eigentlich erst versucht, das beschreiben Sie auch ganz genau in dem Buch, Sie loszuwerden mit allen möglichen und unmöglichen Abtreibungsmethoden, dieses Kind gar nicht erst zur Welt bringen zu müssen. Sie hat eigentlich den Kontakt zu Ihnen immer verweigert und die Familie verlassen, als Sie drei Jahre alt waren. Sie waren dann eine Zeit lang bei Ihren Großeltern, dann hat Ihr Vater Sie nach Berlin geholt, was Sie gerade erwähnt haben. Also, der hat sich schon um Sie gekümmert, aber Sie gleichzeitig auch vernachlässigt und Sie als verwahrlostes Schlüsselkind aufwachsen lassen. Was war da mit Ihrem Vater los, warum hat er Sie einerseits zu sich geholt und Sie andererseits damals so im Stich gelassen?

Roehler: Was war mit meinem Vater los? Ich glaube, die sind alle von den Strömungen der Zeit einfach radikal erfasst worden, jeder auf seine Art. Jeder hatte quasi seine Biografie im Nacken und hatte so seine Vergangenheit im Nacken und dann sind die auf dieses 60er-Jahrzehnt zugesteuert relativ einsam, relativ desillusioniert und, was meinen Vater angeht, eigentlich auch schon zynisch, im Grunde von meiner Mutter literarisch und künstlerisch beschädigt, das heißt, er hatte eigentlich keine Chance mehr, ohne Zynismus in dieses Jahrzehnt zu gehen.

Meyer: Sie hat ihn ausgestochen bei einer Lesung der Gruppe 47, die Szene beschreiben Sie auch in Ihrem Buch ...

Roehler: ... die ist erfunden, die Szene, also im Grunde war das ja so, dass er so ein phänomenales Mädchen kennengelernt hat, die a) gesellschaftlich aus einem anderen Milieu kam, also sprich, ihm da schon in gewisser Weise eigentlich überlegen war, auch nicht so aus der Provinz kam wie er, und b) dann plötzlich mit diesem enormen, frühreifen Talent auftrumpfte. Und er hat sich dann, sagen wir mal, in die Rolle des Ernährers, Beschützers und so weiter begeben und mit mir als Kind konnte er im Grunde ganz wenig anfangen. Er dachte, er müsste mich wahrscheinlich aus dieser provinziellen Enge retten, und hat gar nicht erkannt, dass das eigentlich für mich die Rettung war, diese provinzielle Enge, dass das eigentlich so für mich der einzige Halt war. Und diesen Halt, den hat er mir einfach genommen, indem er so glaubte, dass ich da in so eine aufgeklärte Gesellschaft reinkommen sollte, von der ich gar nichts hatte. Weil er hat weder mit mir gesprochen, noch hat er sich um mich gekümmert, noch hat er mich mit irgendwelchen anderen Leuten zusammengeführt. Das waren alles Schriftsteller, die waren erwachsen, die waren alt, die hatten mit ihren eigenen Problemen irgendwie zu tun, ich war da irgendwie enorm weit abgeschlagen.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, Oskar Roehler ist bei uns, wir reden über seinen Roman "Herkunft". Wenn man Ihr Buch liest, ein Teil der Kraft dieses Buches kommt auch aus der Wut, die da drinsteckt, auch aus so einer scharfen, präzisen Wut, die sich da zeigt in Beschreibung, in Szenen, die Sie schildern. Man hat den Eindruck, das ist eine ganz frische Wut auch, die in diesem Buch wieder zum Ausdruck kommt. Also, das lastet bis heute auf Ihnen, Sie sind ja inzwischen selbst 50 Jahre alt.

Roehler: Ja, aber ich habe das Buch ja nicht geschrieben, um mich an meinen Eltern zu rächen, sage ich mal. Ich habe das Buch ja eigentlich geschrieben, um eigentlich meine Kindheit zu beschreiben. Diese starken, sinnlichen Eindrücke, die man in der Kindheit hat. Und dann wurde das Ganze aber viel größer und dann waren plötzlich so Erklärungsversuche, ich musste mir erklären, warum alles so gelaufen ist. Und ich konnte mich dann plötzlich halt an unglaublich Vieles von meinen Eltern erinnern, was meine sinnliche Wahrnehmung angeht. "Die Unberührbare" war ja im Grunde genommen ein versöhnliches Werk ...

Meyer: ... das war der Film über Ihre Mutter vor zehn Jahren ...

Roehler: ... "Die Unberührbare" war der Film und das war ein versöhnliches Werk und ich habe so eine populäre Schauspielerin wie Hannelore Elsner gehabt, die das dann auch noch, die Figur dann auch noch geliebt hatte und dann auch als sympathisch dargestellt hat. Aber das war ja gar nicht meine Mutter, meine Mutter war ja im Grunde genommen einfach wirklich so eine schwarze Hexe, die vielleicht dazu gemacht wurde, man hat sich ja bitter an ihr gerächt und das Schicksal hat sich bitter an ihr gerächt, man hat sie nämlich eigentlich verstoßen genau so, wie sie mich dann verstoßen hat. Das ist ja im Grunde nur eine Kette, die sich von einem auf den Nächsten überträgt. Meine Mutter wurde ja von der Familie in so einen Giftschrank ... Sie wurde ja nirgends mehr aufgenommen, sie war ja eine Heimatlose.

Meyer: Ihre Mutter war ja so etwas wie eine Starautorin zumindest für einen intellektuellen Zirkel in der Bundesrepublik. Ihr Vater war befreundet mit Ingeborg Bachmann, mit Uwe Johnson, war der Lektor von Günter Grass, also die intellektuellen Lichtgestalten der Bundesrepublik. Sie hätten nun eigentlich mit Ihrem Buch auch die Chance gehabt, so was wie eine intellektuelle Biografie der Bundesrepublik zu schreiben anhand dieser Figuren. Sie haben sich dagegen entschieden und das ganz konzentriert auf die Geschichte dieses Jungen. Warum diese Entscheidung?

Roehler: Ich bin im Grunde genommen in diesen Jahren, zwischen vier und sechs Jahren traumatisiert worden. Die Tatsache, dass ich dann in dieses kalte, völlig abgefuckte, zertrümmerte und kaputte Berlin geworfen wurde, ohne dass sich jemand um mich kümmert, diese Tatsache, die habe ich beschreiben müssen. Auch Ohnmacht. Und das ist vielleicht deshalb, warum ich so wütend bin, ist, dass man als Kind so ohnmächtig ist, dass du bis zu einem gewissen Alter einfach auf die Obhut anderer angewiesen bist und weil du überhaupt kein Verständnis für die Dinge hast, die dich umgeben, wenn du sechs Jahre alt bist, du kennst die Gründe nicht, du kannst das gar nicht rational beurteilen. Es fällt einfach alles auf dich dann nur emotional zurück.

Meyer: Es gibt etwas, was Sie setzen gegen diese Traumatisierung, gegen diese tiefe Erfahrung der Lieblosigkeit, des Im-Stich-gelassen-Werdens als Kind: Das ist so etwas wie eine Utopie der Liebe. Sie haben sie schon erwähnt, die Jugendliebe, Laura heißt sie. Es gibt eine Beziehung zwischen dem Kind, dem Jugendlichen in dem Buch, Robert, das ist der Name, den er trägt, und eben dieser Laura. Und das steht so im Raum, die Liebe zwischen den beiden, das wäre etwas, was ihn vielleicht retten könnte. Im Buch kommt es nicht zustande, aber glauben Sie daran, dass es so eine Rettung durch Liebe gebe vor diesen Erfahrungen der Kindheit?

Roehler: Mit Sicherheit. Ich bin irgendwie seit elf Jahren verheiratet oder seit zwölf Jahren mittlerweile, und genau das ist eingetreten, dass ich einen Lebenspartner gefunden habe und mich eigentlich seit der Zeit zum ersten Mal ausruhen kann und dieses Getriebensein und diese Verlorenheit einfach nicht mehr habe. Also, das ist mir irgendwie zuteilgeworden und das ist für mich auch extrem wichtig. Das ist eigentlich, hat auch sicher sehr viel mit Lebenssinn zu tun, wenn man merkt, dass man in der Lage ist, doch eine Verbindung eingehen zu können. Die kam relativ spät in meinem Leben zustande, vielleicht auch deshalb, weil ich in vieler Hinsicht mir mehr Dinge beweisen musste, ob das Drogen waren, ob das sexuelle Erfahrungen waren, ob das irgendwie, was weiß ich, mein künstlerischer Werdegang war, der sich da ja geformt hat in dem Jahrzehnt, bevor ich meine Frau kennenlernte. Klar ist es dann immer wieder so eine Verbindung, die einen eigentlich, sagen wir mal, zu einem Menschen erzieht und eigentlich auch heilt in gewisser Weise, ganz klar.

Meyer: Oskar Roehler, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

Roehler: Danke Ihnen vielmals!

Meyer: Der Roman von Oskar Roehler heißt "Herkunft", ist im Ullstein-Verlag erschienen, hat 590 Seiten und kostet 19,99 Euro. Wie gesagt, heute wird er zum ersten Mal öffentlich vorgestellt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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