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Profil / Archiv | Beitrag vom 04.12.2008

"Ich darf das, ich bin Jude!"

Der Komiker Oliver Polak

Von Rebecca Maskos

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Vor dem Auftritt (Stock.XCHNG / Billy Alexander)
Vor dem Auftritt (Stock.XCHNG / Billy Alexander)

Wenn er auf die Bühne kommt, macht er seinem Publikum ein Angebot: Er und die anderen Juden würden die Sache mit dem Holocaust vergessen, dafür soll das Publikum ihnen Michel Friedman verzeihen. Darf man solche Witze machen? Oliver Polak darf das - das sagt er zumindest von sich selbst. Denn Oliver Polak ist Komiker und Jude, und genau das macht er auf der Bühne schonungslos zum Thema.

Auf der Bühne des Jugendzentrums im ostfriesischen Leer steht ein lebensgroßer Schäferhund. Aus Pappe, versteht sich. Auf dem Kopf hat er eine SS-Mütze, um den Hals eine Kette. Daran hängt ein großer Davidstern. Im Hintergrund läuft ein Medley aus Klezmer-Musik, Udo Jürgens und dem Deutschlandlied, dann kommt Oliver Polak auf die Bühne: Jogginghose, strubbelige Haare und ein bisschen übergewichtig.

"Ja, moin. Für diejenigen, die mich noch nicht kennen: Mein Name ist Oliver Polak, ich komme aus Papenburg im Emsland und ich bin Jude. ... Ihr müsst trotzdem nur lachen, wenn es Euch gefällt."

Noch fällt dem hauptsächlich jungen Publikum das Lachen ganz schön schwer. Doch irgendwann kommt aus allen Ecken politisch unkorrektes Kichern, wenn Oliver Polak Witze macht über Beschneidung und Bar Mitzwa - das jüdische Fest, bei dem die Jugendlichen in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen werden. Er als Jude darf das, sagt er. Allein das Cover seines Buches ist Provokation: Da posiert Polak zusammen mit dem durch den Davidstern gezähmten Nazi-Schäferhund.

"Also der Verleger ist ein kölscher Verleger, der sagte: 'Also weißte was, Juden und Tiere, dat kommt immer super.' Also falls jemand ein Foto machen möchte – Nazi Rex und ich – wär jetzt ein ganz guter Zeitpunkt."

Papenburg und jüdische Identität – das scheint irgendwie nicht zusammen zu gehen. Doch Oliver Polak hat beides erlebt: eine typisch deutsche Provinzjugend in einer ostfriesischen Kleinstadt. Und eine jüdische Jugend, mit Chanukka Geschenken, Thora-Unterricht und Schabbatgottesdiensten. In Papenburg war der 32-Jährige damit ziemlich allein: Sein Vater ist der einzige Jude der Stadt, der den Holocaust überlebt hat – und nach mehreren KZ-Gefangenschaften wieder nach Papenburg zurückgekehrt ist. Warum sein Vater das getan hat, konnte der Teenager Oliver Polak oft nicht verstehen – abgesehen von der Meyer-Werft gab es für ihn hier nur grenzenlose Langeweile.

"Damals war alles sehr eng, schlicht und klein. ... Wenn man zuwenig getrunken hatte, lief man Gefahr, dass man einen klaren Moment hatte, und die Eintönigkeit erkannte. Wenn man zuviel getrunken hatte, musste man einfach nur ins Taxi steigen und konnte sich sicher sein, dass man wohlbehalten nach Hause gebracht wurde, da ja eh jeder wusste, wo jeder wohnte."

Papa Polak war das lebende Mahnmal, sagt Sohn Oliver. Und er sei "Mahnmal the next Generation" gewesen – ob er wollte oder nicht. Über seine Familie habe jeder Bescheid gewusst, erzählt er in der Pause.

"Es gibt schon so komische Situationen, da stehst Du da in der Disco und dann kommt so ein Typ auf dich zu und sagt 'Ey, bist du nicht der Sohn von - damals haben ja meine Eltern Deinen Vater im Keller …' demnach müssten wahrscheinlich 50.000 Juden Holocaust im Keller in Papenburg überlebt haben."

Ein bisschen wundert sich Oliver Polak immer noch über die vielen angeblichen Retter der Papenburger Juden. Trotz der Heuchelei – Polak mag seine Heimatstadt. Im Jugendzentrum des benachbarten Leer war er früher oft, zum Beispiel mit seiner Band "Sternzeit". Jetzt sitzt er wie damals im Backstage-Raum mit Linoleumfußboden, Energiesparlampen und 80er-Jahre Charme. Polak ist mittlerweile andere Bühnen gewohnt – den Quatsch Comedy Club in Hamburg und Berlin, Theater und Talkshowstudios. In Comedy-TV Serien hat er mitgespielt und beim Fernseh-Musiksender Viva moderiert. Doch auch in Leer ist er nervös, der Blick wandert unruhig hin und her. Ein bisschen überfordert wirkt er – alle wollen plötzlich Interviews von ihm, im Fernsehen soll er über Antisemitismus und Literatur reden. Der jüdische Humor sei zurück in Deutschland, jubelt sein Verlag.

"Ich merke, dass viele Leute einen gerade in eine Schublade pressen wollen. Also ich bin Jude und ich bin Komiker, und das steht irgendwie über allem. Ich gehe auf die Bühne und erzähle meine Geschichten – ich spreche nicht für die Juden in Deutschland, sondern ich spreche für mich, als Komiker. Und das Jüdische ist Teil meiner Identität genauso wie es das Deutsche ist. Das ist ja normal, das benutze ich wie Oliver Pocher in jedem zweiten Interview erwähnt, dass er Zeuge Jehovas ist, und das gehört irgendwie auch dazu."

Sein Abitur machte er am jüdischen orthodoxen Carmel College in England. Einen Hochschulabschluss hätten seine Eltern auch noch gerne gesehen, jetzt ist ihr Sohn von Beruf Tabubrecher. Klischees bilden seine Fundgrube, in der er in seinem Leben bisher ausgiebig graben konnte.

"Was seltsam war in England, da bist auf dem jüdisch orthodoxen Internat und da bist du der Jude und dann gehst du in eine Kneipe, sagst Du kommst aus Deutschland, und dann sagen die 'you fucking german nazi'. Ja, also das ist dann auch etwas verwirrend – also, wie hätten sie’s denn gern, soll ich heute der Jude sein oder lieber der Neonazi?"

Was viele Nicht-Juden an seinem Humor irritiert, das kommt bei viele Juden in Deutschland gut an. Schriftsteller Maxim Biller zum Beispiel hat ihn ermutigt, das Buch herauszubringen. Trotzdem – sein Leben bestimmt das Jude-Sein nicht. Koscheres Essen isst Polak nur an Feiertagen, in die Synagoge geht er selten. Den Umgang mit den Juden findet er viel zu verkrampft in Deutschland, in jeder Hinsicht. Den Zentralrat der Juden mag er nicht besonders, Michel Friedmann ist ihm peinlich. Ob er mit seinem Programm auch den Antisemitismus seines Publikums bedient, darüber denkt er nicht so gerne nach. Dennoch, sein Programm hat eindeutige Grenzen - Witze über den Holocaust würde er niemals machen, sagt er.

"Ich mein, ich denke da geht es immer wieder um die Stilfrage und um die Grenzenfrage. Also jeder darf alles, aber ich will hier auch nicht irgendwie ne Schranke öffnen, dass jeder jetzt hier irgendwelche Witze machen kann, ich möchte niemanden für irgendetwas eine Absolution erteilen."

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