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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.02.2016

Horrorfilme auf der BerlinaleVon Ungeheuern, die sich im Schlaf zeigen

Von Christian Berndt

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Horrorfilme: Ein Mann hält die Hände vor's Gesicht. (dpa / picture alliance / Patrick Sheàndell O' Carroll)
Auf der Berlinale stellt das Horror-Genre in diesem Jahr vor allem psychologisches Grauen in den Fokus. (dpa / picture alliance / Patrick Sheàndell O' Carroll)

Horror kann vieles bedeuten: Monster, Geister und Gemetzel, aber auch psychologisches Grauen ohne Blutvergießen. Auf der diesjährigen Berlinale sind einige Horrorfilme zu sehen, die sich sehr subtil und sogar politisch mit dem Genre auseinandersetzen.

Der frühere Kommissar Takakura lehrt Kriminalpsychologie an der Universität. Ein Kollege macht ihn eines Tages auf den ungeklärten Fall einer verschwundenen Familie aufmerksam, und der Serienmord-Experte Takakura beginnt zu recherchieren. Aber er ahnt nicht, wie nahe er dem Mordfall bereits ist, und wie weit das Verbrechen in sein Privatleben und seine Ehe eingedrungen ist. Wie immer beim japanischen Meister des psychologischen Horrors, Kiyoshi Kurosawa, sind es auch in "Creepy" soziale Verwerfungen – Entfremdung von Ehepaaren und gesellschaftliche Isolation – aus denen die Manipulationskräfte psychopathischer Verbrecher erst ihre Kraft ziehen.

Auch in "While the Women Are Sleeping", dem ersten japanischen Film des amerikanischen Regisseurs Wayne Wang, ist der Beginn des Horrors eine persönliche Krise. Der junge Schriftsteller Kenji macht Urlaub. Er leidet unter einer Schreibblockade, aber seine Frau drängt ihn, weiter zu arbeiten. Für Wayne Wang beginnt schon hier der Horror:

In "While the Women Are Sleeping" passiert der Horror im Kopf

"Horror als Genre hat Zombies, Geister und Teufel und so was. Dieser Film hat nichts davon. Es spielt sich stattdessen im Kopf von Kenji ab, es geht um seine eigenen Ängste, die Konflikte mit seiner Frau. Da ist eine Menge Horror des realen Lebens drin, seine Frau manipuliert ihn. Das ist für mich eine Art Horror."

Regisseur Wayne Wang im Berlinale-Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)Regisseur Wayne Wang im Berlinale-Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)

Kenji beobachtet am Pool einen älteren Herrn, der mit einem jungen Mädchen angereist ist. Als er mit Sahara, wie der Alte heißt, eines Tages ins Gespräch kommt, erzählt der ihm Ungeheuerliches. Sahara erzählt Kenji, dass er das Mädchen seit zehn Jahren jede Nacht im Schlaf filmt – wie ein Insektenforscher. Kenji ist so fasziniert von dieser eigenartigen, platonischen Beziehung, dass er das Paar regelrecht zu stalken beginnt.

Seltsame Träume überfallen ihn, Realität und Traum verschwinden und irgendwann erfährt man in den Nachrichten von einem Mord im Hotel – wie in David Lynchs "Lost Highway" stellt sich die Frage, ob der Schriftsteller vielleicht zum Mörder geworden ist. Kenji und der Zuschauer sind in diesem Film Voyeure des Geschehens, ohne aber der Wahrheit dadurch irgendwie näher zu kommen:

"Das Höhlengleichnis von Platon beschreibt, wie eine Gemeinschaft die Schatten an der Wand betrachtet und sie für echt hält. Aber hinter der Wand stehen Leute mit Puppen, sie manipulieren damit die Wahrnehmung der Zuschauer. Das ist bereits ein erster Kommentar über das Filmemachen, in einer sehr interessanten Weise auch über Voyeurismus. Wir sollten nicht zu schnell als echt oder unecht, als moralisch oder unmoralisch akzeptieren, was wir sehen."

Alptraumhafte Tiefen des Unterbewusstseins

Im französischen Film "The End" von Guillaume Nicloux ist es ein einsamer Jäger, gespielt von Gerard Depardieu, der sich rätselhafterweise im heimischen Wald verläuft und dann auf eigenartige Gestalten trifft. Eine ans absurde Theater angelehnte Geschichte, die alptraumhaft in die Tiefen des Unterbewusstseins steigt. Und im dänischen Film "Shelley" sind Traum und Wirklichkeit auf eine sehr vieldeutige Weise vermischt. Für den iranischen Regisseur Ali Abbasi gehört beides zusammen:

"Schon als ich im Iran als Autor anfing, war ich an Träumen, irrationalen Gedanken und dem Unterbewussten interessiert. Ich hoffe darauf, dass es mehr gibt in dieser Welt, als wir sehen können, auch wenn ich es nicht glaube. Unsere Träume sind genauso wichtig, wie unser waches Leben. Ich denke, das sind zwei Realitäten."

In "Shelley" kommt die junge Rumänin Helena als Haushaltshilfe zu Louise und Kasper, einem in ländlicher Idylle lebenden dänischen Paar. Man versteht sich gut und bald rücken die beiden mit einem Anliegen heraus: Louise kann keine Kinder bekommen und sie möchte, dass Helena für sie als Leihmutter ein Kind austrägt – gegen eine großzügige Entlohnung. Helena ist dazu bereit, aber es läuft völlig anders als gedacht.

Ihr geht es während der Schwangerschaft immer schlechter, sie bekommt das Gefühl, eine Satansbrut auszutragen. "Shelley" entwickelt sich zum Horrorfilm mit geisterhaften Schockelementen, aber immer könnten die eigentlichen Ursachen des Grauens auch Angst und innerer Widerstand gegen die Schwangerschaft sein. Louise setzt alles daran, dass dieses Kind zur Welt kommt – ein Interessenkonflikt, in dem es auch um Klassenfragen geht:

"Wenn der Überlebensdrang rücksichtslos wird, wird es böse"

"Es geht um die Machtstrukturen. Das reiche Europa schaut auf das arme Europa herab,  das reiche Europa nutzt das arme Europa als Arbeitskraft. Es ist auch ein Kampf um diese Machtstrukturen, den die beiden Frauen führen. Und es geht um den Überlebensdrang, sich reproduzieren zu wollen. Wenn dieser Drang rücksichtslos wird, dann wird es böse."

So sehr sich das Paar um Helena bemüht, mit der Leihmutterschaft beansprucht es auch Verfügungsgewalt über Helenas Körper. Der diesjährige Horrorfilm der Berlinale erzählt alptraumhaft vom sozialen Kontext seiner Figuren und zeigt Ungeheuer, von denen wir erst im Schlaf erkennen, wie nahe sie uns wirklich sind.

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