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Zeitfragen | Beitrag vom 09.05.2018

Holocaustüberlebende Margot Friedländer"Meine Vergangenheit für Eure Zukunft"

Von Ulrich Ziegler

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Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer  (picture alliance/dpa/Foto: Britta Pedersen)
Die Zeitzeugen werden immer weniger: Margit Friedländer ist bereits 97 Jahre alt, doch sie tritt noch immer öffentlich auf. (picture alliance/dpa/Foto: Britta Pedersen)

Margot Friedländer ging 1943 in den Berliner Untergrund. Dennoch wurde sie von den Nazis nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte den Holocaust und erzählt seitdem ihre Geschichte. Kürzlich besuchte die 97-Jährige eine Berliner Schule.

Die elegant gekleidete Dame sitzt auf dem Podium in der Aula in rotem Kostüm, feine Strumpfhose. Ihre Handtasche Tasche hat sie ordentlich neben dem Tisch abgestellt. Ihre Bücher und CDs sind feinsäuberlich auf dem Tisch gestapelt. Mikrofonprobe. "Eins zwei drei... ich möchte nur ausprobieren, ob man mich hinten hört. Ja? Gut!"

Über 150 Schüler haben in der Aula des Gymnasiums Platz genommen. Kein einziger Stuhl blieb leer. Eltern und Lehrer stehen dicht gedrängt an den Wänden.

Offizielle Begrüßungen scheinen ihr lästig zu sein. Sie will den Kindern und Jugendlichen, die mindestens 80 Jahre jünger als sie sind, etwas mit auf Ihren Lebensweg geben. Margot Friedländer, die 97-jährige Dame, hat etwas zu sagen und will aus Ihrem Buch " Versuche Dein Leben zu leben" lesen.

"Ich freue mich, dass ich Ihnen eine Stunde aus diesem Buch sehr gezielt jetzt vorlesen kann. Danach werde ich noch einige Sätze sprechen um Ihnen zu sagen, warum ich hier bin."

Moritz, er ist Schüler der 11. Klasse, hat sich im Leistungskurs Geschichte intensiv mit der Nazi-Zeit und dem Holocaust beschäftigt.

Wie Fiktion – und doch bittere Wahrheit

"Wir haben ihr Buch gelesen. Das ist uns teilweise so vorgekommen als wäre es Fiktion, und dann ruft man sich immer wieder ins Gedächtnis, dass das wirklich passiert ist, und ich finde, das ist dann wirklich schon schockierend, ehrlich gesagt. Wir haben uns dann auch nochmal getroffen und das besprochen, und da haben wir uns natürlich auch die Frage gestellt, ob Antisemitismus dann heute noch ein Problem ist."

Im Saal ist es mittlerweile mucksmäuschenstill. Margot Friedländer nippt an ihrem Wasserglas, schlägt ihr Buch auf und berichtet über den Tag, der ihr Leben komplett veränderte. Damals, am 20. Januar 1943, wollte sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus Hitler-Deutschland fliehen. Alles war gut vorbereitet. Sie war zu Fuß auf dem Weg nach Hause, zu ihrem Elternhaus in der Skalitzer Straße in Kreuzberg, um dort Bruder und Mutter zu treffen.

"Auf den Hochbahngleisen rattert die U-Bahn. Viele Leute sind zu Fuß unterwegs. Sie haben blasse, verschlossene Wintergesichter. Ihre Blicke sind starr auf den Boden gerichtet. Auch ich bin so in Gedanken versunken, so dass ich den Mann kaum wahrnehme, der ungefähr ein Häuserblock entfernt vor mir hergeht."

Stolpersteine vor einen Haus in der Skalitzer Straße in Berlin Kreuzberg: Sie sind Margot Friedländer (damals noch Bendheim) und ihrer Familie gewidmet. Margot ist die einzige, die den Holocaust überlebte. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)Stolpersteine vor einen Haus in der Skalitzer Straße in Berlin Kreuzberg: Sie sind Margot Friedländer (damals noch Bendheim) und ihrer Familie gewidmet. Margot ist die einzige, die den Holocaust überlebte. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Margot Friedländer, damals war sie 22 Jahre alt und hieß noch Margot Bendheim, traute sich kaum in das Mietshaus zugehen. Denn der unbekannte Mann, der grade noch vor ihr herging, war ebenfalls in das Haus gegangen. "Er steht in der zweiten Etage, direkt vor unserer Wohnung, lehnt mit dem Rücken an unsere Türe. Ich schaue ihn nicht an. Ich starre auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft. Am liebsten würde ich wieder heruntergehen, doch zum Umkehren ist es zu spät. Mir bleibt keine Wahl. Meine Schritte hallen durch das Treppenhaus. Im selben Rhythmus wie bisher. Nicht schneller, nicht langsamer. Noch immer halte ich die Handtasche gegen meine Brust. Dann muss ich an ihm vorbei. Ich bin ihm so nahe, dass er mich berühren könnte. Aber ich schaue ihn nicht an. Ich verwende alle meine Kraft darauf teilnahmslos zu wirken. Was will dieser Mann, warum steht er vor unserer Türe, auf wen wartet er?"

"Ich soll Dir etwas ausrichten" 

Es herrscht absolute Stille in der Aula. Niemand spielt auf seinem Handy. Alle Blicke sind auf Margot Friedländer gerichtet. Die 97-Jährige blättert eine Seite in ihrem Buch um – und fährt mit der Lesung fort. Der Mann, der ihr auf dem Nachhauseweg komisch vorgekommen war, war wohl von der Gestapo, der geheimen Staatspolizei. Aber er erkannte sie nicht als Jüdin. Sie schafft es bis in den dritten Stock, klingelt dort bei einer unbekannten Nachbarin, will wissen, wo ihre Mutter ist.

"Die Frau öffnet mir die Türe. 'Wo ist sie?', frage ich atemlos. Die Frau wartet bis ich im Flur bin, und dann schließt sie die Türe. 'Sie ist gegangen.' Im ersten Moment verstehe ich nicht. Bin ich zu spät? Sucht sie mich? 'Ich soll Dir etwas ausrichten.' Und dann sagt sie mir, was mir meine Mutter nicht mehr selber sagen kann: 'Ich habe mich entschlossen zur Polizei zu gehen. Ich gehe mit Ralph, wohin auch immer das sein mag. Versuche dein Leben zu machen.' Vielleicht stieß sie mich von sich fort, damit ich die Stärke fand, ihr nicht zu folgen. Und alleine unterzutauchen."

Ihr Bruder war verhaftet worden. Ihre Mutter ging daraufhin zur Polizei. Sie wollte ihren Sohn nicht alleine seinem Schicksal überlassen. Beide wurden von Berlin-Grunewald nach Auschwitz deportiert - direkt in den Tod. Margot tauchte für über ein Jahr in Berlin unter. 1944 wurde sie aber doch noch gefasst und nach Theresienstadt gebracht. Aber sie überlebte das Konzentrationslager. Nach der Befreiung im Jahr 1945 begann sie ein neues Leben in den USA mit ihrem künftigen Mann, der ebenfalls den Holocaust überlebt hatte. Erst 64 Jahre später, nach dem Tod ihres Mannes, kehrte sie mit 82 Jahren wieder in ihre Heimatstadt Berlin zurück. In eine Stadt, in der es nicht nur Täter, sondern auch Menschen gab, die ihr damals, als Jüdin, Unterschlupf gewährten.

Margot Friedländer im Jahr 2018 in einer Berliner Schulaula. Eine Stunde konzentriertes Zuhören und Fragen von Seiten der Schüler. Nur: Mit ihren 96 Jahren hört Margot Friedländer nicht mehr so gut. Einige Schüler reichen Ihr einen Zettel mit Fragen auf das Podium. Wann hat sie sich entscheiden ihre Erinnerungen aufzuschreiben?

Nachts kamen die Erinnerungen 

"Nach dem Tod meines Mannes bin ich einem Seniorenklub beigetreten. Und eines Tages fängt ein neuer Kurs an: Memory Writing. Und die Direktorin sagte zu mir. 'Du hast doch viel mehr zu sagen als alle anderen im Kurs.' Und als ich abends nicht einschlafen konnte habe ich mir Papier und Bleistift ins Bett genommen. Alles habe ich nachts geschrieben. Auch mein Buch. Fast nur nachts. Wenn die Ruhe und die Dunkelheit der Gefühle am stärksten waren. Und am nächsten Morgen, bei hellem Licht, war das tiefe Empfinden schwächer geworden. Das tiefe Empfinden war nachts."

Eine andere Frage: Das Thema Rechtspopulismus und der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag. Findet sie das beunruhigend?

"An und für sich antworte ich auf keine politischen Fragen. Das würde zu weit gehen. Aber ob mich die AfD im Bundestag beunruhigt? Ja. Aber ich habe großes Vertrauen, dass ihr immer dafür sorgen werdet, dass es nicht stark wird. Dass es sich nicht ausbreitet. Das ist, warum ich hier bin. Das ist, warum ich zu Euch spreche. Ich bin zurückgekommen um mit Euch zu sprechen, um Euch die Hand zu reichen, Euch zu bitten, dass Ihr die Zeitzeugen sein sollt, die wir nicht mehr lange sein können. Es ist für Euch, für Eure Zukunft. Das darf nie wieder geschehen. Und ihr müsst dafür sorgen, dass es nie wieder geschieht."

Margot Friedländer mit Malin Schwerdtfeger: "Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin"
Rowohlt Verlag, Berlin 2008 
272 Seiten, 19,90 Euro 

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