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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 11.05.2018

Hörspielreihe über Deutschland und Israel"Allen Deutschen fällt was zu Israel ein"

Von Carsten Dippel

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Blick auf das moderne Stadtzentrum von Tel Aviv aus Richtung der Strandpromenande in Tel Aviv Jaffa, Israel (dpa / picture alliance / Andreas Keuchel)
Am Strand von Tel Aviv. Zu Israel hat jeder Deutsche eine Meinung - auch die, die nie dort gewesen sind. (dpa / picture alliance / Andreas Keuchel)

Deutsche, die nach Israel kommen, sprühen oft vor Enthusiasmus für das Land und das Judentum. Zwei israelische Hörspielmacher finden diesen Enthusiasmus unheimlich.

Eine Hörspiel-Szene:

- "Wir haben heute unseren Gast in der Leitung, wir schalten live nach Tel Aviv. Ich begrüße Feigele."
- "Feygele."
- "Oh, Verzeihung, Herr Feygele. Wo sind Sie denn gerade?"
- "Ich bin am Hilton Beach in Tel Aviv. Am Schwulenstrand. Und um mich herum sind lauter eingeölte muscle hunks, Muskeltypen..."

Der Schwulenstrand von Tel Aviv - hier kommen sie von überall her, auf der Suche nach dem heißen israelischen Mann. Feygele findet ein paar deutsche Jungs, die sich in der Sonne brutzeln.

Ein Hörspiel wie eine Radio-Doku

Willkommen bei "We love Israel." Die Szene am Tel Aviver Schwulenstrand ist ein kleiner Ausschnitt aus der Hörspielserie von Noam Brusilovsky und Ofer Waldman. Feygele ist eine fiktive Figur, gesprochen von Tobias Herzberg. Die hübschen Männer am Strand sind jedoch ganz real. Ein Hörspiel, das mit O-Tönen arbeitet und daher wie ein Feature wirkt – wie eine Radio-Doku.

"We love Israel!" ist eine Reise in die oft ziemlich vertrackte deutsch-israelische Gegenwart. Es gehe darum, unterschiedliche Facetten der deutschen Sicht auf Israel zu zeigen, so Ofer Waldman:

"Wie sehen die Deutschen Israel? Was sind ihre Hirngespinste? Es gab uns auch die Gelegenheit als Israelis, die hier in Deutschland leben, auch ein bisschen mit unserer Rolle als jüdische Israelis in Deutschland, in der deutschen Gesellschaft zu spielen. Fragen an uns eigentlich zu stellen. Was ist unsere Stimme?"

Deutsche Sichtweisen

Noam Brusilovsky ergänzt: "Natürlich ist der Satz 'We love Israel' auch eine Zuschreibung. Denn mit diesem Satz fragt man sich schon: Wer sind 'we'? Wer sind die Liebenden, was ist das für eine Liebe?"

Hörspiel-Regisseur Noam Brusilovsky sitzt im Studio und lacht. (Bild: SWR/Thomas Ernst)Regisseur Noam Brusilovsky bei der Arbeit (Bild: SWR/Thomas Ernst)

Brusilovsky ist Hörspielautor und Regisseur. Ofer Waldman Journalist und Musiker. Sie sind tief in deutsche Sichtweisen auf Israel eingetaucht. Ihre Themen waren die christliche, die schwule, die politische Liebe zu Israel. Sie haben mit Menschen am Flughafen gesprochen, mit einem palästinensischen Kochlehrer in Berlin, mit dem Priester der Erlöserkirche, mit einer AfD-Wählerin und mit lauter deutschen Touristen, die sich voller Erwartungen auf die Reise gemacht haben.

"Sie scheinen alle Israel zu lieben", sagt Brusilovsky. "Und das fanden wir sehr überraschend. Warum lieben alle Israel? Wie kann es sein, dass Leute aus verschiedenen politischen Richtungen dieses Land so sehr lieben?"

"Jeder hat eine Meinung"

Die Hörspielserie ist gestrickt als Reise, sie beginnt und endet am Flughafen. Kurz vor dem Abflug haben die beiden Autoren Stimmen am Flughafen eingefangen:

"We love Israel. Worum geht’s denn in dem Hörspiel", fragt ein Mann: "Wer ist denn 'we'? Also insofern kann man nicht sagen, ob es stimmt oder nicht stimmt."

"We love Israel. Wir lieben Israel. Warum nicht, die haben ja nichts getan", sagt eine ältere Frau. "Israel, naja gut, ist ein fremdes Land, aber warum soll ich es nicht lieben? Juden. Naja gut, die haben ja genug hinter sich. Aber jetzt machen sie sich ganz schön breit, muss ich sagen. Jetzt ist es schon manchmal nicht mehr schön."

Und eine jüngere Frau sagt: "We love Israel. Ich find's toll. Ich find's wahnsinnig hübsch."

"Jeder Deutsche, jede Deutsche hat was zu Israel zu sagen", erklärt Waldman. "Auch Menschen, die nie in Israel waren. Die ungefähr wissen, wo Israel ist, die vielleicht in den Nachrichten was hören, natürlich im Geschichtsunterricht, aber jeder hat eine Meinung. Das haben wir auch ein bißchen ironisch kommentiert in dem Hörspiel.

Ja, das kann eine Liebe sein, die sehr sinnlich ist. Aber das kann genauso eine Liebe sein, die sehr gewalttätig ist. Eine Liebe, die sich durch das Essen ausdrückt. Menschen wollen das israelische Essen verzehren, sie wollen das Israelische, das Jüdische verzehren, einverleiben. Das ist verrückt."

Fantasiefläche für kollektive Psychosen?

Wir sind zu Gast bei Dror in Berlin. Er bringt den Leuten bei, wie man Humus macht. Eigentlich.

"Wollt ihr mich ablecken, Stück für Stück, als ob ich so ein Lutscher wäre? Eine Ecstasypille für eure Schuldfantasien?

Doch Dror möchte etwas loswerden: "Ich habe es satt, von Bekannten am Samstag Abend Shabbat Shalom gesagt zu bekommen, mit solchem erwartungsvollen Blick. Wieso? Bin ich eine Fantasiefläche für eure kollektiven Psychosen?"

Regisseur Noam Brusilovsky und die Schauspieler Stephan Wolf-Schönburg und Anna Stieblich stehen in einem Hörspiel-Studio und diskutieren. In der Mitte steht ein Mikrofon. Der Raum ist holzgekachelt, im Hintergrund stehen große Lautsprecher. (Bild: SWR/Thomas Ernst)Im Hörspielstudio des SWR. Von links nach rechts: Noam Brusilovsky (Regie), Stephan Wolf-Schönburg (Erzähler) und Anna Stieblich (Dolmetscherin) (Bild: SWR/Thomas Ernst)

Dror, gesprochen vom Schauspieler Dor Aloni, ist eine fiktive Figur. Er erzählt von seiner deutschen Freundin Kerstin, die sich bald nach dem Kennenlernen einen Davidstern um den Hals hängte und sich fortan auf Facebook Sarah nannte:

"Sie liebte nicht mich, sie liebte den Juden, den Israeli, der vor ihr stand. Sie liebte die Möglichkeit, Sex mit meinem Opfer zu haben. Im Bett sollte ich ihr schmutzige Worte in der heiligen Sprache zuflüstern."

Heidenspaß beim ernsten Thema

Die Liebe zu Israel kann sich, das erfahren wir in den sieben Teilen dieser Serie, aus den verschiedensten Motiven speisen. Ihre ganz eigene Dynamik entfaltet die Serie dabei aus dem permanenten Wechsel zwischen fiktiven und realen Ebenen. Doch bei aller Ernsthaftigkeit, die hinter den aufgeworfenen Fragen zur komplizierten deutsch-jüdisch-israelischen Beziehung steckt: Die beiden Autoren hatten einen Heidenspaß bei ihrer Arbeit.

"Wir haben regelrecht Jagd auf Deutsche gemacht", berichtet Waldman. "In der Grabeskirche. Noam und ich standen da vor dem Eingang und 'Mensch Ofer, da, die sehen deutsch aus, schau, die sind so ordentlich und blicken auch auf unser Mikro komm, komm, die holen wir uns jetzt, die schnappen wir uns.' Und die Menschen hatten immer was zu sagen, was wirklich faszinierend war."

Daniel Barenboim dirigiert das West-Eastern Divan Orchestra (picture alliance / dpa)Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra (picture alliance / dpa)

Ofer Waldman, fasziniert von deutscher Literatur, ging als Musiker ins West-East Divan Orchestra von Daniel Barenboim. Er wuchs in Jerusalem auf. Inzwischen lebt er als Journalist in Berlin und engagiert sich unter anderem im New Israel Fund, einer Plattform für israelische NGOs. Noam Brusilovsky inszeniert Stücke fürs Radio und die Theaterbühne. Auch er ist in Israel aufgewachsen, lebt und arbeitet seit sechs Jahren in Deutschland. Beide befragen mit "We love Israel" auch sich selbst. Und nehmen die Rollen aufs Korn, in die sie als Juden und Israelis in Deutschland oftmals gedrängt werden.

"Ich wasche meine Hände in deutsche Tränen"

"Die ganzen fiktiven Figuren sprechen den Subtext, das, was die Leute im Interview uns nicht gesagt haben", meint Brusilovsky. "Und was wir gewünscht haben, dass sie es sagen. Und wie sie tatsächlich die Realität betrachten und was sich nicht sagen lässt. Deshalb sind die fiktiven Figuren immer sehr unverschämt."

Eine dieser Figuren ist Chaviva, gesprochen von der israelischen Schauspielerin Aviva Yoel: "Ich liebe das, wenn das Publikum weint. Das ist mein Erfolg. Ich lasse sie laufen, beobachte, wie sie weinen. Ganz schön traurig hier."

Sie führt deutsche Touristen durch Israel. Gerade gehen sie die Via Dolorosa entlang: "Das Kreuz auferlegt, Dornenkrone, Schweiß und Tränen. Ich wasche meine Hände in deutsche Tränen."

"Das ist für sie eine Art Rache, zu sehen, wie die deutschen Touristen in Israel heulen und das ist natürlich eine Instrumentalisierung der Liebe", meint Brusilovsky dazu. "Und das ist alles sehr lustig und gleichzeitig sehr schmerzhaft, weil diese Figur im Prinzip sehr sadistisch ist."

Der Eingang zum Garten der Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem (Israel). An dem Ort werden mit Namenstafeln nichtjüdischer Menschen gedacht, die ihr Leben zur Rettung von Juden geopfert haben.  (dpa / Daniel Karmann)Der Eingang zum Garten der Gerechten unter den Völkern in der Gedenkstätte Yad Vashem (dpa / Daniel Karmann)

"In der Grabeskirche: Tränen. Am See Genezareth: Tränen", sagt Chaviva. "Aber vor allem in Yad Vashem. Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust. Dort fließen am meisten Tränen."

"Auch bei uns Nachgeborenen ist immer die Scham, was unser Volk da gemacht hat", sagt ein Tourist.

Was viele denken und keiner ausspricht

"Ich gebe zu, als Noam das geschrieben hat, den ersten Entwurf dieser Figur, dachte ich als Feature-Journalist dachte, nein, das kannst du so nicht machen, das ist zu krass", erklärt Waldman. "Das würde keiner so sagen. Aber dann hat er gesagt: Genau, das würde keiner so sagen, aber du weißt und ich weiß, dass viele so denken."

Die Hörpsielserie "We love Israel" hält den Deutschen den Spiegel vor. Sie zeichnet und karikiert die Deutschen aus der Sicht von Israelis. Das ist mal bitterböse und oft zum Lachen komisch. Auf jeden Fall scheuen sich die beiden Autoren nicht, den Finger auf wunde Stellen zu legen.

Die sieben Episoden von "We love Israel" stehen ab dem 15. Mai 2018, 12:00 Uhr, für einen Monat auf der Website des SWR2.

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