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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.12.2013

HörbuchDie burleske Lust am Frivolen

Giovanni Boccaccio: "Das Decamerone"

Von Andreas Schäfer

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Giovanni Boccaccio (1313 - 1375) in einer undatierten Darstellung (picture alliance / dpa / Röhnert)
Giovanni Boccaccio (1313 - 1375) in einer undatierten Darstellung (picture alliance / dpa / Röhnert)

Das "Decamerone" von Giovanni Boccaccio gilt als berühmteste Novellensammlung der Welt. Zehn Adlige ziehen sich im Pestjahr 1348 aus dem Elend der Stadt in ein Landhaus zurück und erzählen sich Geschichten. Zum 700. Geburtstag Boccaccios erscheint in diesem Jahr das erste Hörbuch.

Am Anfang wütet, als düsterer Hintergrund, vor dem sich der Rest hell absetzen wird, die Pest. Trauer, Jammer, Tote zu Hauf. Florenz im Jahr 1348. Von Asien gelangt die Seuche über Messina nach Italien und rafft allein in Florenz Vierfünftel der Bevölkerung dahin.

"Hier wurden die Leichen aufgehäuft wie die Waren in einem Schiff und von Schicht zu Schicht mit ein wenig Erde bedeckt, bis die Grube bis zum Rand voll war. Es schmerzt mich, so lange bei solch großen Elend zu verweilen, deshalb will ich nun die Erzählung aller jener Ereignisse auslassen, die ich schicklich zu übergehen zu können glaube und sage, dass es sich stattdessen ... zutrug, ... dass sieben junge Damen ... sich an einem Dienstagmorgen in der ehrwürdigen Kirche Santa Maria Novella ... trafen ... Keine von ihnen hatte das 28. Jahr überschritten, keine zählte weniger als achtzehn Lenze ..." 

Und dort, in der Kirche, schließen die sieben Damen, vervollständigt von drei jungen Männern, einen Pakt zur Feier des Lebens. Sie ziehen sich auf ein Landhaus zurück, um lustwandeln, gut zu speisen und erzählen sich am Nachmittag zur Unterhaltung Geschichten. Zehn Tage lang. Deca heißt auf Griechisch zehn, mera bedeutet Tag. Das  Decamerone – das Zehntagewerk - gilt als Ursprung der italienischen Prosa und hat von von Goethe über Lessing bis Pasolini viele unzählige Künstle inspiriert. Geschrieben hat sie Giovanni Boccaccio, unehelicher Sohn eines Kaufmanns, Bewunderer Dantes und Freund Petrarcas. Auch das Hörbuch, das neunundvierzig der hundert Novellen aufnimmt und auf einer Radioproduktion aus dem Jahr 1984 fußt, kann mit großen Namen aufwarten: Gert Westphal, Uwe Friedrichsen, Ernst-August Schepmann.

"Meine Damen, mehr Euer Verstand als Euer Entschluss hat uns hierher geführt. Was ihr mit Euren Kümmernissen anzufangen meint, weiß ich nicht, die meinigen habe ich hinter dem Stadttor zurückgelassen, als ich vor kurzem mit Euch hindurchgegangen. Deshalb entschließt euch nun insgesamt, entweder mit mir zu scherzen, zu lachen und zu singen, so viel sich mit eurer Ehrbarkeit verträgt, oder verabschiedet mich ..."

Dies sagt Dioneo, der spitzfindigste der drei Jünglinge, den Uwe Friedrichsen erfrischend scharf spricht, mit einem inneren, fast rumpelstilhaften Zittern der Vorfreude, in dem die Drohung an die Damen mitklingt, es mit dem Amüsement  durchaus ernst zu nehmen, nämlich bis an die Grenze der „Ehrbarkeit“.

Dioneo ist der modernste Geist in der mittelalterlichen Runde und repräsentiert das, wofür die Novellensammlung berühmt geworden ist. Das Respektlose, die burleske Lust am Frivolen, aus der schon der selbstbewusste freie Mensch der Renaissance hervortritt. Boccaccio entwirft eine Chronik des 14. Jahrhunderts,  ein Wimmelbild der damals noch überschaubaren Welt. Es treten auf: Der geizige Kaufmann, der unehrliche Fürst, der kaltherzige Ehemann, der Einsiedler, und immer wieder verlogene Äbte oder lüsterne Mönche, wie in einer der ersten Geschichten, in der ein Mönch ein Frau zu sich in die Zelle holt. Verächtlichmachung des Klerus und sinnenfrohe Schlüssellochbeschreibung gehen hier Hand in Hand. 

Von den Lastern der Engherzigen zu den Eigenschaften der Selbstlosigkeit 

"Der hochwürdige Herr aber fühlte beim Anblick des Mädchens, das er hübsch und jung fand, so alt er auch war, die fleischlichen Gelüste nicht minder lebhaft als sein junger Mönch sie empfunden hatte. Wahrhaftig, sprach er zu sich selbst, warum soll ich mir nicht ein Vergnügen gönnen, wenn ich es haben kann ... Wer wird es denn erfahren? Bestimmt niemand. Und: heimliche Sünde büßt man geschwinde."

Die Mischung aus schwelgerischer Süffigkeit und Ironie, mit der Uwe Friedrichsen in dieser Szene geradezu badet, zeichnet auch die Stimme von Gert Westphal aus, der als Rahmenerzähler durch die fast zwölfstündige Lesung führt. Wo Friedrichsen brummt wie ein Bär, näselt der 2002 verstorbene Westphal freilich mit österreichischer Noblesse. Im Gegensatz dazu legen die edlen Damen, unter anderem gesprochen von Maria Körber, Thessy Kuhls oder Ingeborg Kallweit, vor allem Wert auf Anmut und Dezenz:

"Der König, der Graf und die übrigen, die bei Tische bedienten, hatten die Jungfrauen eifrig betrachtet und jeder hatte sie bei sich als schön und wohlgebildet, ja aber auch als anmutig und gesittet gelobt."

Das Frivole ist kein Selbstzweck. Die Erzählungen folgen einer inneren Bewegung vom Niederen zum Edlen, von den Lastern der Engherzigen zu den Eigenschaften der Selbstlosigkeit wie Gleichmut und Vergebung.  Der Decamerone  ist auch ein Lob der Tugend, eine verführerische Aufforderung, sein Leben zu ändern, das über die sieben Jahrhunderte nichts von seiner Frische eingebüßt hat und das Gros der heutigen Beratungsliteratur steinalt aussehen lässt.

 

Giovanni Boccaccio: Das Decamerone
Der Hörverlag, München 2013
10 CDs, 11 Stunden, 39,99 Euro

 

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