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Lesart | Beitrag vom 15.05.2017

Hörbuch: "Arthur Schnitzler. Später Ruhm"Künstlerseele messerscharf zerlegt

Von Andi Hörmann

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Zeitgenössisches Porträt von Arthur Schnitzler. (imago/Leemage)
Zeitgenössisches Porträt von Arthur Schnitzler. (imago/Leemage)

Arthur Schnitzler ist ein Meister des psychologischen Erzählens. Das beweist auch seine Novelle "Später Ruhm", in der er das ganze Dilemma der Künstlerexistenz seziert. Das Hörbuch setzt sie mit sachten Klangbildern und starker Schauspieler-Besetzung in Szene.

Ausschnitt "Später Ruhm":
"Künstler. Wie nur das Wort klang, und mit einem Mal verworrene Bilder in ihm auftauchen…"

Der Traum vom Leben als Schriftsteller, mit dem Alter ist er verblasst. Der Alltag sah für Eduard Saxberger anders aus: Zeitlebens Beamter, nun kurz vor der Pensionierung.

"… Herr Eduard Saxberger kam vom Spaziergang nach Hause und schritt langsam die Stiege zu seiner Wohnung hinauf…"

Vor vielen Jahren hat Saxberger genau ein Buch veröffentlicht. Nun bekommt er Besuch von einem jungen Schriftsteller – dem einzigen Bewunderer seiner längst vergessenen Veröffentlichung.

"Sie haben meine Wanderungen gelesen? Man liest noch meine Wanderungen?
Man liest sie vielleicht nicht mehr. Wir aber lesen sie und bewundern sie. Und ich denke, mit der Zeit wird auch man sie wieder lesen und bewundern."

Ikone der jungen Wiener Bohème

Der vergesse Schriftsteller wird zur Ikone der jungen Wiener Bohème. In ihn projizieren sie ihre Sehnsüchte nach literarischer Anerkennung und verarbeiten so ihr eigenes Scheitern. Der Kreis der jungen Kaffeehaus-Literaten motiviert Eduard Saxberger zum erneuten künstlerischen Schaffen, doch prompt leidet er unter einer Schreibblockade.

"Er kam nicht vorwärts. Er trat ans Fenster.
Erwacht.
Schaute ins Weite, in den grauen Himmel…"

In Arthur Schnitzlers Erzählung "Später Ruhm" steckt das ganze Dilemma der Künstlerexistenz: Das Hadern mit dem Können, das Zweifeln am Genie, der Kampf mit den Erwartungen – den eigenen wie den fremden.

"Ihnen ist es gegangen wie mir. Wissen Sie, zerknetscht haben sie mich, einfach zerknetscht. Und wenn einer mal zerknetscht ist: Was soll er machen?"

Im Alter von 32 Jahren, 1894, hat Arthur Schnitzler diese Erzählung geschrieben, veröffentlicht wurde sie erst knapp 50 Jahre nach seinem Tod. 2014 ist dann eine überarbeitete Fassung erschienen, aus der nun Helmut Peschina und Harald Krewer ein regelrechtes Kammer-Hörspiel machen – mit einem Ensemble glänzender Solisten. Die Burgtheater-Schauspielerin Petra Morzé gibt sich als exaltiert possierliche Muse der Jungliteraten.

"Herr Ober? Herr Ober bringen Sie mir einen Absinth. Ja, für Absinth könnte ich ein Verbrechen begehen: Morden könnte ich für Absinth."

In der Rolle des Erzählers: Michael Rotschopf, distanziert und melancholisch.

"Er sah ein paar Sekunden schweigend vor sich hin, dann drückte er dem alten Herrn die Hand, wieder mit jenem Ausdruck der Teilnahme und seine Virginia rauchend entfernte er sich langsam…"

Sachte Klangbilder für starke Schauspieler

Ein stichelndes Pizzicato als akustisches Sinnbild der gescheiterten Künstlerexistenz. Der Jazzmusiker Max Nagel findet sachte Klangbilder für die starke Schauspieler-Besetzung: Burgtheater-Legende Joachim Bißmeier glänzt als grummelnder Eduard Saxberger und Toni-Erdmann-Star Peter Simonischek gibt sich als dümpelnder Stammtischbruder.

"Ah geh, jetzt hören sie auf. Öffentliche Vorlesung. Was lesen sie denn vor?
Gedichte.
Und die Schauspielerin liest vor? Sie, Saxberger, da müssen wir doch alle hinein. Ja, natürlich. Das ist ja eine Grand Hetz."

In dieser Inszenierung wird die Künstlerseele zwar messerscharf zerlegt: aber dennoch mehr leise als laut.

"Als die Gesellschaft auf die Straße hinaus trat, lag eine milde, blaue Nacht über der Stadt. Alle empfanden diese kühle und weiche Luft nach dem schwülen und augenbrennenden Dunst des Wirtshauses wie eine Wohltat."

Eine sensible Umsetzung. Ein tolles Hörspiel!

"Warum all das erst jetzt, so spät?"

Hörbuch: Arthur Schnitzler. Später Ruhm
Hörspiel mit Michael Rotschopf, Joachim Bißmeier, Peter Simonischek u.a., Musik von Max Nagl
speak low, Berlin 2017
1 CD Seiten, 14,90 Euro

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