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Im Gespräch | Beitrag vom 18.05.2018

Historiker Tom Segev"Es ist nicht leicht, in Jerusalem zu leben"

Moderation: Ulrike Timm

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Tom Segev, israelischer Historiker und Journalist (Dan Porges)
Tom Segev, israelischer Historiker und Journalist (Dan Porges)

In Israel beginnt die Geschichtsschreibung erst 1980, meint Tom Segev. Zuvor habe es Ideologie, Mythologie und furchtbar viel Indoktrination gegeben. Der Historiker spricht auch darüber, warum er erwägt, seine Geburtsstadt Jerusalem zu verlassen.

Tom Segev ist einer der bekanntesten Journalisten und Historiker Israels. Scharfzüngig kritisiert er die aktuelle israelische Politik. In seinen Büchern zerstört er die Legenden der israelischen Gründungsgeschichte. Er selbst wurde noch vor der Staatsgründung, nämlich 1945 als Sohn deutscher Einwanderer in Jerusalem geboren.

Erst 1980 öffnen in Israel bedeutende Archive für die Öffentlichkeit. Tom Segev gehört zu den ersten, die dort Akten über die Gründungsgeschichte Israels wälzen:

"Sie kommen in ein Archiv, Sie bestellen eine Akte, Sie nehmen ein Dokument in die Hand und Sie sagen: Wow, so habe ich es nicht in der Schule gelernt, weil wir eigentlich bis dahin gar keine Geschichtsschreibung hatten. Wir hatten Ideologie, wir hatten Mythologie, wir hatten sehr, sehr viel politische Indoktrination. Und als wir das dann zum ersten Mal sahen, ist uns vieles klar geworden, was heute eigentlich allgemein bekannt ist, aber wir waren die Ersten, die das entdeckt haben in den Dokumenten."

Neues Buch über Staatsgründer Ben Gurion

Für sein neuestes Buch "Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis" hat Tom Segev sechs Jahre lang recherchiert. Er entdeckt: Der Gründungsvater und erste Ministerpräsident Israels, Ben Gurion, wollte die Herrschaft der britischen Mandatsmacht 1947 eher verlängern als schnell loswerden.

"Gurion sagte schon vor fast 100 Jahren, die Palästinenser wollen Palästina als Nation; die Juden wollen Palästina als Nation und deshalb besteht eine Kluft, die man vielleicht managen kann, aber nicht lösen."

Auch Segev meint: Der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis werde seit Jahren schlecht gemanagt, mit dem Ergebnis, dass die Palästinenser weder Perspektiven noch Hoffnung hätten. Auch die Zweistaatenlösung sei keine realistische Alternative mehr.

Erfolgsgeschichte mit unklarer Zukunft

Andererseits erfülle das heutige Israel den Traum seines Gründungsvaters Gurion:

"Wenn Sie internationale Statistiken nehmen von der UNO oder von der UNESCO oder der Weltgesundheitsorganisation, dann sind da immer ungefähr 170 Länder, und Israel ist immer unter den Top 15. Also es geht den meisten Israelis besser als den meisten Menschen der Welt. Und Israel ist eine Demokratie, die meisten Menschen leben nicht in Demokratien – es ist schon eine wirklich sehr dramatische Erfolgsgeschichte. Nur die Zukunft ist leider sehr, sehr unklar."

Brennpunkt dieser seit Jahrzehnten bestehenden Konflikte ist Jerusalem. Auch Segev spielt deshalb mit dem Gedanken, seine Geburtsstadt zu verlassen und nach Tel Aviv umzuziehen:

"Es ist nicht leicht, in Jerusalem zu leben. Jerusalem ist eine sehr fanatische Stadt und sehr intolerant, auch eine sehr arme Stadt."

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