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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 13.11.2009

Hilfe vom Rabbi

Nea Weissberg-Bob schreibt in "Die Hand der Miriam" über ihr behindertes Kind

Von Alice Lanzke

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Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Wenn Eltern feststellen, dass ihr Kind unter einer unheilbaren Krankheit leidet, anders ist als andere, dann haben sie mit Gefühlen zu kämpfen, über die selten gesprochen wird: Wut, Enttäuschung, Angst. In dem Buch "Die Hand der Miriam" hat Nea Weissberg-Bob die Emotionen gegenüber ihrer autistischen Tochter Janina verarbeitet. Sie zeigt auch auf, wie jiddische Melodien Zugang zu ihrem Kind finden.

Die lebendigen jiddischen Lieder nehmen das Mädchen gefangen. Für einen Betrachter kein besonderes Bild: eine Enkeltochter, die dem Gesang ihrer Großmutter lauscht. Doch das Mädchen selbst ist besonders: Es ist autistisch, lebt in seiner eigenen Welt. Einer Welt, zu der die jiddischen Melodien Zugang finden. Einer Welt, aus der das Kind mit Hilfe von Aquarellen berichtet.

Diese Bilder illustrieren nun ein Buch, das die Mutter des Mädchens geschrieben hat: In dem Märchen "Die Hand der Miriam" erzählt Nea Weissberg-Bob von den widerstreitenden Gefühlen gegenüber ihrer Tochter Janina.

Nea Weissberg-Bob: "Der ursprüngliche Titel des Märchens war ‚Meine Wunde ist mein Kind’. Ich dachte da an mein Kind mit Autismus, an meine Tochter. Und ich dachte an mein inneres verletztes Kind - durch die Situation, in die wir gemeinsam reinfielen, und lernen mussten, dieses doch sehr schwere Schicksal anzunehmen."

"Die Hand der Miriam" ist ein modernes jüdisches Märchen. Es erzählt die Geschichte einer Mutter, die erschöpft in einen tiefen Schlaf fällt. Darin hat sie phantastische Träume, die von einem zornigen Geist bestimmt werden. Doch anstatt Angst erweckt der Geist Mitleid: So hilflos wirkt er in seiner Wut, die alles in einen eisigen Schneesturm verwandelt. Hilfe verspricht ein Rabbi.

Märchen: "Ein Wunderrabbi, der zu dieser Stunde in den Himmel sah, um nach verzweifelten Träumen zu suchen, entdeckte den zornigen und entmutigten Geist, der in rasender Fahrt durch den Orkan tobte. Geschwind zückte er sein Schmetterlingsnetz und fing den umherirrenden Traumgeist ein. Der weise Rabbi verstand sich auf das Lesen von Ängsten und Träumen, konnte überdies mit den Seelen der Menschen sprechen und gab einem jeden guten und tröstlichen Rat."

Nea Weissberg-Bob hat sich für die Form des Märchens entschieden, weil dies in ihren Augen Schutz bedeutet: Ein Märchen erlaube mit all seiner Symbolkraft doch mehr Distanz, sagt sie. In "Die Hand der Miriam" kommen so in den lebhaften Träumen der Mutter viele Ebenen im oft schmerzhaften Umgang mit der Krankheit ihrer Tochter zum Vorschein. Selbst die Familiengeschichte der Berliner Jüdin, deren Eltern den Holocaust überlebten, findet indirekt ihren Weg in das Buch.

Nea Weissberg-Bob: "Der entscheidende Satz ist für mich des Rabbis: Lass uns die Finsternis hell machen. Das ist wie es in meiner Familie war: Trotz allem zu lachen, nicht zu verzweifeln. Und in diesem Sinne gibt mir der Rabbi in dem Märchen Trost. In der Wirklichkeit komme ich aus einem traditionellen jüdischen Haus, lebe aber selber nicht mehr so. Mein Alltagsleben ist von ganz anderen Dingen geprägt, aber wenn, dann ist es der Rabbi, der für mich wichtig ist, und nichts anderes."

Bei allen zornigen Geistern und eisigen Schneestürmen spendet "Die Hand der Miriam, veröffentlicht unter dem Pseudonym "Nejusch", doch Trost. In dem Märchen erkennt die Träumerin mit Hilfe des Rabbis, dass sie das Schicksal ihrer Tochter akzeptieren und annehmen muss.
In der Realität hat es lange gedauert, bis sich Nea Weissberg-Bob von den Ängsten um ihre Tochter Janina frei machen konnte. Vor allem die Tatsache, dass ihr Kind aus einer jüdischen Familie stammt, hat dabei eine Rolle gespielt.

Nea Weissberg-Bob: "Das stimmt allemal, und zwar in dem Sinne, dass das Bewusstsein, in Deutschland ein jüdisches, behindertes Kind zu haben, mir am Anfang sehr sehr lange Jahre sehr viel Angst gemacht hat, weil ich wusste, dass es die Euthanasie gab, dass die Euthanasie vor dem Holocaust war und ich den Schrecken hatte, dass sich hier beides verknüpft: jüdisch und behindert zu sein. Das hat meine Angst verdoppelt, ganz am Anfang."

Diese Angst führte dazu, dass Nea Weissberg-Bobs Tochter lange Zeit zu Hause lebte. Erst nach 27 Jahren, so alt ist Janina heute, konnte sie loslassen. Jetzt hilft sie anderen Familien mit autistischen Kindern, indem sie Benefiz-Lesungen zugunsten eines neuen Autismus-Zentrums in Berlin veranstaltet. Für diesen offenen Umgang mit ihrem Schicksal und dem ihrer Tochter hat Weissberg-Bob viel Kraft und Zeit gebraucht - den Weg dorthin beschreibt sie in "Die Hand der Miriam".

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