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Buchkritik | Beitrag vom 15.07.2017

Hilary Mantel: "Der Hilfsprediger"Ein Dorf, das keine Gnade kennt

Von Frank Meyer

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(imago / Joana Kruse / Dumont)
Das Dorf Abbotsbury im ländlichen England (imago / Joana Kruse / Dumont)

Ein Hilfsprediger kommt in ein kaltherziges englisches Dorf und vollbringt Wunder: Whiskyflaschen füllen sich von Geisterhand und fromme Frauen entdecken Gefühle. Hilary Mantel erzählt scharf an der Grenze zum Realen, und blickt mit gnadenloser Komik auf diesen Ort.

Die Frauen in Fetherhoughton amüsieren sich am besten, wenn sie einen Buckligen sehen oder jemanden mit einer Hasenscharte. Sie verlachen alles Abweichende, Besondere oder Originelle:

"Es herrschte ein Geist, der sich so grundsätzlich gegen alle Anmaßung wandte, dass er selbst noch Ehrgeiz und sogar Bildung ablehnte."

Das nordenglische Dorf, von dem Hilary Mantel in ihrem Roman "Der Hilfsprediger" erzählt, kennt keine Gnade, mit einer ebenso gnadenlosen Komik blickt Hilary Mantel auf diesen Ort.

Hilary Mantel ist eine Berühmtheit in der englischsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihre Romane "Wölfe" und "Falken" haben sie bekannt gemacht, zwei historische Romane über das England des 16. Jahrhunderts. Beide Romane wurden mit einem Man-Booker-Preis ausgezeichnet, Hilary Mantel wurde von der Queen geadelt. Das zeigt Größe, denn die scharfzüngige Hillary Mantel hat sich sehr bissig über das britische Königshaus ausgelassen. Die Konservativen ihres Landes hat sie gegen sich aufgebracht, als sie 2014 ihren Erzählungsband mit dem Titel "Die Ermordung Margaret Thatchers" veröffentlichte.

Komödie der Hartherzigkeit

Der Dumont Verlag bringt verdienstvollerweise in den letzten Jahren auch die früheren Bücher von Hilary Mantel bei uns heraus. Ihr Roman "Der Hilfsprediger" ist 1989 zum ersten Mal erschienen. Er spielt im Jahr 1956 in einem fiktiven englischen Dorf, das bevölkert ist von einem typisch mantelschen Personal. Der Geistliche des Ortes, Vater Angwin, hat schon lange seinen katholischen Glauben verloren, er glaubt höchstens noch an den Teufel, den er im örtlichen Tabakhändler zu erkennen glaubt. Die Nonnen des Ortes vollziehen ihre Exerzitien, indem sie die zerlumpten Kinder in der Dorfschule mit Stöcken prügeln. Hilary Mantel zeigt einige Prachtstücke ihres dunkel glitzernden Humors, wenn sie von diesem Landstrich in "Englands herbstlichem Herzen" erzählt.

In einer Regennacht taucht da der titelgebende Hilfsprediger auf. Von ihm gehen wundersame Wirkungen aus, Vater Angwins' fromme Haushälterin spürt so etwas wie ein Gefühl in ihrem Inneren, eine Whiskyflasche füllt sich immer wieder auf, die fiese Klostervorsteherin geht von selbst in Flammen auf. Der Hilfsprediger scheint in das Innere anderer Menschen hineinzusehen, wer ist dieser Mann: Ein Engel, der Teufel, oder gar ein Protestant?

Die britische Autorin Hilary Mantel, hier bei der Verleihung der London Evening Standard Theatre Awards 2014 im Palladium. (imago/Matrix)Die britische Autorin Hilary Mantel, hier bei der Verleihung der London Evening Standard Theatre Awards 2014 im Palladium. (imago/Matrix)

Hilary Mantel ist eine Meisterin der Atmosphären. Eine dichte Geisterwelt wabert durch dieses Dorf, es rumort und klopft und irrlichtert, immer haarscharf an der Grenze zum Realen, eine böse Komödie der Hartherzigkeit. Man liest den Roman mit unheimlichem Vergnügen, auch weil Hilary Mantel für die sympathischen Figuren einige Bröckchen Hoffnung hinstreut.

Hilary Mantel: "Der Hilfsprediger"
Aaus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Dumont Verlag, Köln 2017
220 Seiten, 23 Euro

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