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Mahlzeit | Beitrag vom 17.02.2017

Hevea brasiliensisKautschuk ist ein Garant für die Ernährungssicherheit

Von Udo Pollmer

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Naturkautschuk läuft aus dem Baum in eine halbe Kokosnuss. (Deutschlandradio / Jenny Marrenbach)
Naturkautschuk läuft aus dem Baum in eine halbe Kokosnuss. (Deutschlandradio / Jenny Marrenbach)

Ein wenig beachteter, aber essentieller Rohstoff für die Weltwirtschaft ist der Naturkautschuk. Ein Lehrstück in Sachen Ökologie und Risiko, meint der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

Die Lebensmittelindustrie ist bekanntlich auf Rohstoffe wie Weizen, Milch oder Zuckerrüben angewiesen. Weniger bekannt ist, dass sie auch von einer Pflanze abhängig ist, die als ungenießbar gilt. Ohne diese käme die Versorgung mit Nahrung schnell ins Schlingern. Es handelt sich um den Kautschuk – als Rohstoff so wichtig wie Getreide oder Erdöl.

Zwar gibt es synthetischen Kautschuk auf Erdölbasis, aber dieser vermag das Naturprodukt nur teilweise zu ersetzen. Naturkautschuk kommt aufgrund seiner unübertroffenen Eigenschaften vor allem bei Dichtungen für Maschinen zum Einsatz. Auch die Fließbänder, die Brötchen, Fischstäbchen oder Bonbons transportieren, sind mit Kautschuk beschichtet. Er verursacht wenig Abrieb, das schützt die Ware. Handschuhe aus Latex sorgen für Hygiene bei Erhalt des Fingerspitzengefühls. Den Löwenanteil verbrauchen natürlich die Reifenhersteller. Dank Kautschuk rollt der Nachschub.

Der Kautschukbaum, Hevea brasiliensis, ist ein Geschöpf des brasilianischen Regenwaldes. Dort wird bis heute nach jahrhundertealter Tradition geerntet: Die Einheimischen ritzen morgens die Stämme an, tagsüber tropft der klebrige Milchsaft in ein Gefäß, vor Einbruch der Dunkelheit wird die Ernte eingesammelt.

Als in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Nachfrage nach dem perfekten Rohstoff für Reifen rasant anstieg, versuchten viele Unternehmer den Anbau in eigener Regie. Einer der Pioniere war der Automagnat Henry Ford, ihm folgten alle großen Reifenhersteller.

Doch der Baum wollte sich in seiner Heimat nicht der industriellen Produktion beugen. In jeder Plantage, die die Konzerne mit gigantischen Geldsummen anlegten, wurden die Bäumchen von einem Pilz namens Microcyclus ulei befallen und vernichtet. Noch heute ist die Geisterstadt Fordlandia im Amazonas Symbol für die gescheiterten Versuche, den Baum mit Gewalt zu domestizieren.

Lediglich die natürlichen Bestände bleiben von der Pilzkrankheit verschont. Im Regenwald stehen die Bäume weit auseinander und sie sind genetisch uneinheitlich. In den Plantagen wurden hingegen nur Bäume mit hohem Ertrag angepflanzt – möglichst in Reih und Glied als Monokultur. Und das ging schief.

Gift gegen die Fraßfeinde

Gegen den Erreger ist bis heute kein Kraut gewachsen. Er ist extrem anpassungsfähig, als Quelle seiner Kraft nutzt er die Abwehr der Pflanze. Der Baum bildet hochgiftige Blausäure, um Fraßfeinde und Krankheitserreger abzutöten. Der Pilz gewinnt aus dem Gift seine Energie. Pflanzenschutzmittel sind wenig hilfreich, denn man müsste sie in 40 Meter Höhe über den Baumkronen versprühen. Bisher hat der Erreger auch alle Versuche mit resistenten Bäumen überwunden.

Im Grunde wäre der Kautschuk ein exotisches Produkt geblieben, hätten nicht britische Biopiraten vor 100 Jahren Saatgut aus Brasilien nach Südostasien geschmuggelt. Dort wurde die Plantagenwirtschaft zu einem hochprofitablen Geschäft, weil es gelang, den Pilz außen vor zu halten. Nicht Brasilien, sondern Länder wie Thailand, Indonesien oder Malaysia bedienen den Weltmarkt, sie liefern etwa 90 Prozent des Kautschuks. Um die steigende Nachfrage zu decken, werden rücksichtslos unberührte Wälder abgeholzt. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis Microcyclus ulei auch dort eingeschleppt wird.

Dass diese Länder bisher verschont geblieben sind, hat zwei Gründe: Erstens unverschämtes Glück und zweitens der Umstand, dass die Sporen die Schiffspassage von Brasilien nach Südostasien nicht überleben. Aber per Flieger sieht das ganz anders aus. Bisher gab es offenbar noch keine direkten Flugverbindungen zwischen Brasilien und Südostasien, aber das ändert sich mit dem wirtschaftlichen Boom. Zudem ist der Erreger im Konfliktfall leicht zu beschaffen und zu verbreiten.

Die Folgen wären aus der Sicht von Fachleuten wie Professor Thomas Miedaner von der Universität Hohenheim verheerend – nicht nur für die Lebensmittelversorgung. Auch mit modernen Züchtungsmethoden würde es dann wohl ein Jahrzehnt dauern, bis die Kautschukproduktion wieder Tritt gefasst hat. Mahlzeit!

Literatur:

de Souza LM et al: (2015) Genetic diversity strategy for the management and use of rubber genetic resources: more than 1,000 wild and cultivated accessions in a 100-genotype core collection. PLoS ONE 2015; 10: e0134607
Lieberei R: South American leaf blight of the rubber tree (Hevea spp.): New steps in plant domestication using physiological features and molecular markers. Annals of Botany 2007; 100: 1125–1142
Miedaner T: Pflanzenkrankheiten, die die Welt beweg(t)en. Springer, Heidelberg 2017
Fang Y et al: De novo transcriptome analysis reveals distinct defense mechanisms by young and mature leaves of Hevea brasiliensis (Para Rubber Tree). Scientific Reports 2016; 6: e33151
Marques JRB et al: Diversidade genética entre acessos clonais de seringueira (Hevea spp.) utilizando marcadores moleculares RAPD. Agrotrópica 2016; 28: 5 - 12
Onokpise O, Louime C: The potential of the South American leaf blight as a biological agent. Sustainability 2012; 4: 3151-3157
La Rue CD: The Hevea rubber tree in the Amazon valley. US Department of Agriculture Dept. Bulletin No. 1422, Washington 1926

Mehr zum Thema:

Thailands Wirtschaft - Gefährliche Abhängigkeit von Kautschuk
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 17.3.2016)

Der Gummimann
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 1.7.2010)

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