Seit 21:55 Uhr Die besondere Aufnahme

Samstag, 17.02.2018
 
Seit 21:55 Uhr Die besondere Aufnahme

Echtzeit | Beitrag vom 27.01.2018

HeliografieHistorische Kommunikation mit Spiegel und Sonne

Veit Didczuneit im Gespräch mit Mandy Schielke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Abgestorbene Kameldornbäume vor Sanddünen in Namibia. (imago/imagebroker)
Vor allem in Wüstenlandschaften, wie in der früheren Kolonie Deutsch-Südwestafrika wurde die Heliografie erprobt. (imago/imagebroker)

Heliografie ist eine Kommunikation über Lichtsignale, die vor allem in Kolonial- und Gebirgskriegen eine Rolle spielte. Veit Didczuneit, Sammlungsleiter am Berliner Museum für Kommunikation, probiert die historische Methode selbst immer noch gerne auf Reisen aus.

Als die Nachrichtenübermittlung noch in ihren Anfängen steckte, bediente man sich in Sonnenregionen beim Militär und im Postwesen eines Heliographen. Es handelte sich dabei um einen Spiegel zur Reflexion von Sonnenlicht zu einem entfernten Beobachter. Bei einer Bewegung des Spiegels sah der entfernte Beobachter Lichtblitze, die dazu genutzt wurden, Informationen durch eine vordefinierte Signalkodierung zu übertragen.

1810 entwickelte Carl Friedrich Gauß zu Vermessungszwecken das Funktionsprinzip des ersten eigens zur gerichteten Übertragung eines Lichtsignals über große Entfernungen konstruierten Heliographen. Veit Didczuneit, Sammlungsleiter am Berliner Museum für Kommunikation hat diese historische Methode der Kommunikation erforscht und erinnerte in Deutschlandfunk Kultur an ihre Einsatzmöglichkeiten.


Das Interview im Wortlaut:

Mandy Schielke: Und jetzt wollen wir in dieser hellen Sendung, in der wir uns mit den unterschiedlichen Facetten des Lichts befassen, darüber sprechen, wie man mit Licht kommunizieren kann. Und jetzt sind nicht die leuchtenden Displays unserer Smartphones gemeint, sondern wir wollen über die Heliografie sprechen, über Kommunikation durch Lichtsignale, eine doch weitgehend unbekannte, längst überholte Methode, von der wir aber noch viel lernen können. Veit Didczuneit vom Berliner Museum für Kommunikation kennt sich damit aus, hallo, Herr Didczuneit!

Veit Didczuneit: Guten Tag!

Schielke: Sie forschen zur Heliografie. Erklären Sie uns doch bitte kurz, was das genau ist und wie das funktioniert!

Didczuneit: Heliografie ist die Kommunikation über Lichtsignale, über einen Apparat, der sich Heliograf nennt, ein Spiegeltelegraf. Man fängt die Sonnenstrahlen ein, das ist ein Sonnenschreiber, und leitet sie weiter. Und über einen Morsecode sendet man dann Signale und an einer anderen Stelle in der Ferne sieht das jemand mit dem Fernrohr oder mit dem Auge, und wenn der Code stimmt, dann versteht er das auch. Und das ist also eine historische Kommunikationstechnik, die von 1870 bis 1920 international von Bedeutung war in den Ländern, wo es viel Sonne gibt, wo es Wüste gibt, wo es viel Fläche gibt, vor allem dann genutzt im Kolonial- und Gebirgskrieg.

Schielke: Und in welchen Situationen … Sie haben es gerade schon angesprochen, Kriegssituationen, aber in welchen Situationen noch hat man Heliografie benutzt?

Didczuneit: Als Kind hat man Heliografie benutzt, wir alle, indem man einen Spiegel hatte und damit die Familie, Schüler, Mitschüler geneckt hat, indem man einfach die Sonne genutzt hat, um sie zu lenken und damit Reaktionen zu erzeugen.

Sonnenstrahlen und klare, trockene Luft sind nötig

Schielke: Und im professionellen Kontext, welche Voraussetzungen müssen gegeben sein? Sonne sagten Sie schon, was noch, damit man das überhaupt sinnvoll einsetzen kann?

Didczuneit: Man braucht eine direkte Verbindung. Man braucht Sonnenstrahlen, man braucht eine klare, trockene Luft, um diese Sonnenstrahlen lenken zu können. In Deutsch-Südwestafrika, in der ehemaligen deutschen Kolonie hat man am Anfang, als man dann begonnen hat, immer nur von sechs bis zehn Uhr diese Kommunikationstechnik genutzt über weite Entfernungen, weil da das Licht noch am besten war. In Deutschland selbst hat man vor 1900 das Ganze skeptisch gesehen, weil man die Heliografie als wenig effektiv gesehen hat. Man hat langsame Übertragungszeiten, man ist vom Wetter abhängig, man ist von der Geländebeschaffenheit abhängig. Und der Gegner oder ein anderer kann mitlesen, wenn es also um Geheimkommunikation ginge.

Schielke: Wie wusste man damals eigentlich, dass so eine Nachricht im Anmarsch ist? Heute blinkt es auf unserem Telefon oder das Telefon klingelt. Wie wusste man zu dieser Zeit, dass jemand anderes eine Nachricht sendet oder senden will?

Didczuneit: Ja, man hat am Anfang Heliografenlinien errichtet, das heißt also von A nach B mit mehreren Stationen. Und da gab es dann also zwei oder drei Heliografen, die an dieser Station Dienst hatten, und die hatten dann eben auch darauf zu achten, dass von der Stelle, von wo Nachrichten kommen können – das wussten sie ja –, auf einmal ein Anruf kam, ein bestimmter Code in Licht, und der leuchtete dann. Das Ganze war natürlich immer nur eine Kommunikation am Tage, wenn es die Sonne gibt, bei Schlechtwetter sah es schon schwieriger aus.

Und später hat man den Heliografen weiterentwickelt, indem man eine Feldsignallampe entwickelt hat. Man muss sich das so vorstellen wie ein Schweißgerät als Kommunikationsinstrument, in dem mit Sauerstoff und Acetylen und Spiegelkonstruktionen ein Thoriumplättchen zum Glühen gebracht wurde und dies eine Stärke von 80.000 Normalkerzen erzeugte. Und mit dieser Lichtstärke hat man dann also über eine Blende kommuniziert, auch in der Nacht.

Einsatz in den früheren Kolonien

Schielke: Und Sie hatten uns schon davon berichtet, dass das ein Mittel der Kolonialherren war. Wie war das eigentlich mit den Einheimischen, hatten die Zugang zu dieser Technologie?

Didczuneit: Zuerst natürlich nicht, in Gänze auch nicht. Sie hatten ja nicht die Apparate, zumindest nicht in Deutsch-Südwestafrika, …

Schielke: Im heutigen Namibia.

Didczuneit: … im heutigen Namibia, und in anderen Kolonien gibt es Belege, dass dann also auch Aufständische sich mit dieser Technik vertraut gemacht haben und auch dann damit kommuniziert haben. Aber im heutigen Namibia, zur Kolonialzeit Deutsch-Südwestafrika, war es also eine Kommunikationstechnik der damaligen Schutztruppen, des Militärs. Die Einheimischen hatten auch ein anderes Kommunikationsverhalten.

Schielke: Was haben die gemacht, um über weite Strecken zu kommunizieren?

Didczuneit: Na ja, bevor die Deutschen diese Technik nutzten, also vor 1898/1899, hatte man dann eben Meldereiter, man hatte Meldegänger, man hatte Patrouillen. Und so haben also auch die Einheimischen, die Afrikaner in dieser Art dann ihre Nachrichten übertragen, in direkter Kommunikation. Oder man hat dann also auch Trommeln genutzt. Das Thema ist aber insgesamt noch nicht so erforscht, zumindest kenne ich keine Forschungsergebnisse. Es gibt Zeitzeugenberichte, dass also auch die Herero mit Licht kommuniziert haben, aber dann nicht mit künstlichem Licht und auch nicht mit Sonnenlicht, sondern mit Feuer, mit Lampen, aber auch unterschiedlicher Farbe. Das ist aber alles noch nicht ganz erforscht.

Schielke: Wissen Sie trotzdem, ob vielleicht die Bevölkerung nach dem Ende der Kolonialzeit das weiter benutzt hat? Ist das sozusagen irgendwie bestehen geblieben?

Didczuneit: Als die deutschen Schutztruppen 1915 kapitulieren mussten, wurden alle Gerätschaften abgegeben an das südafrikanische Militär, die haben das eingezogen. Und da gab es dann also keine Möglichkeit mehr, mit diesen Apparaten zu kommunizieren, zumal man auch sagen muss, das ist Notbehelfkommunikation.

Vor dem Abmarsch in den Kampf gegen die aufständischen Hereros in Deutsch-Südwestafrika wird im Jahr 1904 die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet. (picture-alliance / dpa - Friedrich Rohrmann)Die deutschen Truppen ermordeten in der damaligen Kolonie Deutsch Südwestafrika tausende aufständische Hereros. Bis heute streiten die Regierung des heutigen Namibias und die Bundesregierung über Entschädigungen für den damaligen Völkermord. (picture-alliance / dpa - Friedrich Rohrmann)

Kenntnis des Morsealphabets

Schielke: Man muss das Morsealphabet beherrschen, haben wir noch gar nicht drüber gesprochen!

Didczuneit: Man muss das Morsealphabet beherrschen, also man muss einen Code festlegen, den der andere Gesprächspartner dann also auch kennt, das Einfachste, und so hat man es auch gemacht, das Morsealphabet. Das ist damals also auch nicht kodiert worden, sodass man geheim kommuniziert hat, weil man auch davon ausging, dass die andere Seite dann es nicht beherrscht, beziehungsweise es ist ja in deutscher Sprache kommuniziert worden.

Schielke: Wodurch ist die Heliografie dann schließlich abgelöst worden und was kam danach?

Didczuneit: Perspektivisch gesehen kam danach die Funktechnik, weil man mit der Funktechnik weiter kommunizieren konnte, es auf der technischen Basis der Funkgeräte einfacher ging. Zurzeit der Heliografie war die Funktechnik auch schon im Einsatz. Sie hat insgesamt also damals bis zu 150 Kilometer gereicht, da waren die Heliografen in der Nacht, die Feldsignallampen mit 160 Kilometern Entfernung schon weiter und auch die Spiegel konnten unter Umständen weiter kommunizieren, bei einem 15-Zentimeter-Spiegel hat man also eine gute Kommunikationsentfernung gehabt von 70 Kilometern, wo die Nachrichten in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, aber auch in der Kolonie Deutsch-Ostafrika gut übertragen wurden. Bei einem 25-Zentimeter-Spiegeldurchmesser konnte man schon 150 Kilometer übertragen und es gab auch 75-Zentimeter-Spiegel, sodass eine Reichweite von 300 Kilometern erreicht wurde.

"Notfallspiegel" statt Handy 

Schielke: Interessant, müsste man eigentlich wiederentdecken! Und das bringt mich gleich zu der Frage: Gibt es eigentlich Kontexte, in denen die Heliografie überlebt hat oder vielleicht sogar wiederentdeckt wurde oder wird?

Didczuneit: Zur Standardausrüstung der Armeen in Australien, in Großbritannien soll bis 1960 noch der Spiegeltelegraf oder ein Notfallspiegel gehört haben. Auch die russische Armee soll 1980, als sie in Afghanistan einmarschiert ist, noch mit diesen Gerätschaften ausgerüstet gewesen sein. Heute ist mir das nicht mehr bekannt, weil man auf andere Techniken setzt, aber …

Schielke: Und so ein Pfadfinder, der lernt, irgendwie sich ohne Technik, vielleicht mit dem Kompass, aber sonst irgendwie in der freien Natur zu bewegen, hat der einen Spiegel im Rucksack?

Didczuneit: Da gibt es sehr viele, Sie brauchen bloß im Internet eingeben "Rescue Mirror", "Notfallspiegel", da gibt es also viele Angebote. Und ich selbst habe auch immer einen dabei, wenn ich also in die Welt reise, nicht nur wegen der Heliografie, sondern um es einfach auszuprobieren. Und es ist in der Tat, wenn es eine Notfallsituation gibt, dann kann man immer noch, wenn die Sonne scheint, auf sich aufmerksam machen.

Schielke: Also wir lernen daraus, wir sollten uns ein bisschen auf alte Techniken besinnen, um auch im Falle des Stromausfalls oder des leeren Handys zu wissen, wie wir kommunizieren können! Veit Didczuneit, vielen Dank für das Gespräch über die Heliografie!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Völkermord an Herero und Nama - Viel Druck im Kessel bei Verhandlungen mit Namibia
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 30.09.2017)

Namibia - Die Mitschuld der Missionare
(Deutschlandfunk, Aus Religion und Gesellschaft, 03.05.2017)

Luther in Afrika - Namibia - das lutherischste Land der Welt?
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 08.03.2017)

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur