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Länderreport | Beitrag vom 31.08.2017

Helga Weyhe, Deutschlands älteste BuchhändlerinEin Laden wie aus der Zeit gefallen

Von Christoph D. Richter

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Die Buchhändlerin Helga Weyhe steht in ihrer Buchhandlung in der Hansestadt Salzwedel (Sachsen-Anhalt).  (dpa / Jens Wolf)
Helga Weyhe ist die älteste aktive Buchhändlerin Deutschlands. Die traditionsreiche altmärkische Buchhandlung wurde 1840 gegründet und wird in dritter Familiengeneration geführt. (dpa / Jens Wolf)

Wer die Buchhandlung Weyhe betritt, fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Seit 1840 werden hier Bücher verkauft. Durchgehend. Helga Weyhe, Deutschlands älteste Buchhändlerin, verkauft hier seit 1945 Bücher. Doch nach 177 Jahren droht ihrem Laden das Aus

Wer in Salzwedel im Nordwesten Sachsen-Anhalts die Buchhandlung Weyhe betritt, begibt sich auf eine Zeitreise. Denn die Innenausstattung – die kakaofarbenen vertäfelten Regale stammen aus dem Jahr 1880. Den Buchladen selbst gibt es seit 1840 durchgehend. 

1871, zu Zeiten Bismarcks, kurz nach dem deutsch-französischen Krieg kauft Helga Weyhes Großvater den Buchladen, erzählt Helga Weyhes

"Hier hat schon mein Großvater gewirkt, der ist 1846 geboren."

Helga Weyhe liest jedes Buch – zumindest quer

Der Laden ist ein Buch-Kontor. Keine dieser seelenlosen vollklimatisierten und trittschall-gedämpften Buchhandlungen, mit den immer selben Büchern, wo sich nur die Bestseller stapeln. Hier kann man tief eintauchen, sich verlieren.

Beraten wird man dabei von Helga Weyhe. Jahrgang 1922. Friedrich Ebert ist zu der Zeit Reichspräsident, Stalin wird gerade Generalsekretär der KPdSU. Seit 1945 steht Weyhe hinter dem Buch-Tresen. Von Bestsellern hält sie nicht viel. "Wird so viel Quatsch gedruckt", sagt sie. 

"Ich habe auch ein anderes Sortiment als andere. Wenn sie mal hier durchgucken, da sehen sie keine Stapelware. Man muss sich schon ein bisschen absetzen."

Krimis mag sie gar nicht, findet man daher auch kaum im Laden. 

"Diese Taschenbücher, es wird mit Krimis alles so vollgedröhnt. Deshalb denke ich, da kann man schon mal eine Agatha Christie nehmen. Auch bei Hoffmann & Campe gibt es schon mal gute Krimis. Aber diesen Durchschnitt, den habe ich nicht."

Jedes Buch, das im Laden steht, kennt sie. Sie werden von Deutschland ältester Buchhändlerin Helga Weyhe alle gelesen. Wenn sie es nicht schafft die Bücher durchzulesen, dann werden sie zumindest quer gelesen.

"Ich muss zumindest mal reingucken, da kann ich am Besten verkaufen."

Im Stockwerk über der  Buchhandlung wurde sie geboren

Während sie erzählt, streicht Helga Weyhe mit ihren zarten Händen fast liebevoll über die Bücher. Die sie wie kleine Juwelen zart in den Fingern hält. Helga Weyhe ist eine elegante, zierliche Dame mit wachen Blick, weltoffenem Geist und klarem Kompass. Ihr Credo: Lesen weitet die Seele. Den Gehstock nimmt sie nur selten in die Hand.

Und: Die 95 Jahre sieht man ihr auch nicht an. Nur ein Tribut zollt sie dem Alter: Mittags braucht sie zwei Stunden Pause und schließt den Laden. Der residiert in einem alten Salzwedeler Fachwerkhaus, ein Stockwerk drüber wurde Helga Weyhe geboren. 

Die Buchhändlerin Helga Weyhe steht am 03.12.2012 im Büro ihrer Buchhandlung in der Hansestadt Salzwedel (Sachsen-Anhalt) vor Porträts ihres Großvaters Heinrich (oben) und ihres Vaters Walter. Die am 11.12.1922 hier geborene Frau ist die vermutlich die älteste aktive Buchhändlerin der Nation. Sie handelt seit 1945 in ihrem Geburtshaus mit Literatur. Die traditionsreiche altmärkische Buchhandlung wurde 1840 gegründet und wird in dritter Familiengeneration geführt. (picture-alliance / dpa / Jens Wolf)Die Buchhändlerin Helga Weyhe steht vor Porträts ihres Großvaters Heinrich (oben) und ihres Vaters Walter. (picture-alliance / dpa / Jens Wolf)

Sechs Tage ist die Buchhandlung Weyhe geöffnet. Ihren letzten Mitarbeiter hat sie vor Jahren schon in Rente geschickt. Die Kundschaft kommt aus der ganzen Welt, erzählt Helga Weyhe.

"Meine Kundschaft ist von Boston bis Bombay."

Helga Weyhes größter Schatz: ein Kinderbuch von Erika Mann

Im Büro von Deutschlands ältester Buchhändlerin sieht man nur einen alten, äußerlich schon vergilbten Computer, ein Faxgerät; ansonsten nur Bücher. Einen Internet-Auftritt gibt es nicht. Wer etwas bestellt, der bekommt es auch. Ihr Lieblingsbuch: "Stoffel fliegt übers Meer" von Erika Mann. Es ist die Geschichte eines kleinen blinden Passagiers. 1932: Als Helga Weyhe zehn Jahre wird, schenkt ihr Vater eine der Erstausgaben. 

"Kennt kein Mensch. Nicht mal Buchhändler kennen dieses Buch."

Bei Helga Weyhe liegt es am Tresen, direkt neben der Kasse.

Um fünf Ecken mit Karl Marx verwandt

Die Ururgroßmutter von Helga Weyhe ist die Patentante von Jenny von Westphalen, der späteren Frau von Karl Marx. Ihr Onkel: Erhard Weyhe. 1914 ist er nach New York ausgewandert. Macht einen Kunstbuchladen auf, organisiert die erste Ausstellung von Matisse in New York. Als junges Mädchen träumt Helga Weyhe von der großen weiten Welt, will bei ihrem Onkel im Laden in Manhattan stehen und Bücher verkaufen. 

"Also das hätte ich schon gerne gemacht. Aber erst waren die Braunen da, dann kam der Krieg, dann kamen die Roten. Dann war das auch nicht möglich. Aber wir haben in immer in Verbindung gestanden."

Erst 1985 – als Helga Weyhe schon Rentnerin war – wurde der Traum wahr. Und sie flog über Prag mit einer klapprigen Iljuschin-Maschine nach New York, um den Buchladen ihres da schon verstorbenen Onkels zu sehen. Helga Weyhe hängt den alten Geschichten nicht nach, sagt sie. Lediglich ein Straßenschild mit der Aufschrift "794, Lexington Ave", das an einem ihrer Regale hängt, zeugt von der alten Sehnsucht nach der großen weiten Welt. 

Der Geruch vergangener Zeiten

Die Kunden in Salzwedel, wie Edeltraut Oswalt, sind begeistert von Helga Weyhes Buchhandlung 

"Das ist ja gerade das Schöne und das Besondere daran, das der Laden wie aus der Zeit gefallen ist. Die meisten freuen sich über die alten Dielen, manche sagen, das riecht hier auch ganz anders. Und wir haben eine perfekte Buchhändlerin hier. Die nicht gerade nach der Bestenliste geht, sondern nach Inhalte sucht. Und findet."

Eigentlich wollte Deutschlands älteste Buchhändlerin Helga Weyhe nie in Salzwedel bleiben. Die Kleinstadt-Enge habe sie immer bedrückt, erzählt sie. Anfang der 1940er Jahre beginnt sie in Breslau, Königsberg und Wien Deutsch und Geschichte zu studieren, durch die Kriegswirren kann sie das Studium nicht beenden.

1945 kehrt sie nach Salzwedel zurück, wird Buchhändlerin im Laden ihres Vaters. Der ein großes Gespür gehabt habe, wo man auch in Zeiten des Mangels Bücher herbekam.

Eine Enteignung durch die SED konnte verhindert werden

Ende der 50er Jahre konnte er auch die Enteignung durch das SED-Regime verhindern, erzählt Helga Weyhe. Während sie warm lächelnd, fast keck durch die schmale Lesebrille schaut. 

"Wir müssen Leute gehabt haben, die gut für uns gesprochen haben. Es gab ja eine Zeit, wo sie in der DDR planmäßig die privaten Buchhandlungen geschlossen haben. Aber da muss jemand gewesen sein, der gesagt hat: Da lassen wir die Finger davon. Also haben wir es überstanden."

Nach 177 Jahren droht der Buchhandlung das Aus

2017: Die Zukunft der Buchhandlung Weyhe steht in den Sternen, eine ganze Tradition vor dem Aus. Denn weil Helga Weyhe ihr Leben lang alleine blieb, gibt es auch keine Nachfahren. Nachfolger sind ebenfalls nicht in Sicht, bedauert Helga Weyhe.

"Leider nicht."

Dabei schaut sie fast ein bisschen melancholisch, als wisse sie, dass die Tage der romantischen Buchhandlung Weyhe – der Traum eines jeden Buchliebhabers –in Salzwedel gezählt sind.

Einen Traum hätte sie noch, erzählt sie: Eine Lesung mit Paul Auster in ihrer Buchhandlung in Salzwedel. Das wär doch was, sagt die 95-jährige Helga Weyhe fast etwas verträumt: Deutschlands älteste Buchhändlerin.

 

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