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Studio 9 | Beitrag vom 24.08.2015

Helfer aus DeutschlandEngagiert für Romakinder in Rumänien

Von Thomas Wagner

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Roma-Kinder im Buki-Haus im rumänischen Dorf Cidreag  (Thomas Wagner)
Roma-Kinder im Buki-Haus im rumänischen Dorf Cidreag (Thomas Wagner)

Die soziale Situation der Sinti und Roma in Südosteuropa ist verheerend. Dass sich daran etwas ändern lässt, zeigt eine Initiative aus Schwaben. In einem winzigen Dorf in Rumänien hilft der Verein "Buki-Haus" Roma-Kindern in Not - vor allem mit Bildung.

Cidreag, ein 3000-Einwohner-Dorf im Nordosten Rumäniens: Zwei Dutzend Kinder sitzen um einen Tisch herum. Dass sie gerade die ersten Brocken Deutsch lernen, grenzt an ein Wunder: In den meisten Häusern im Dorf  gibt es kein fließendes Wasser; an den Fassaden ist die Farbe längst abgebröckelt. Im "Buki-Haus" mitten im Ort können die Kinder aus dem Dorf essen, spielen zusammen und vor allem: gemeinsam lernen.

"Ich habe selten etwas Sinnvolleres in meinem Leben gemacht als das hier, unser Projekt."

Stefan Zell, Anfang 50, sieht auf den ersten Blick aus wie ein Tourist: Blaues T-Shirt, Shorts, Turnschuhe. Doch er kommt regelmäßig in den Ferien nach Cidreag, seit sieben Jahren schon. Er ist Vorsitzender des Vereins "Buki-Haus e.V." aus dem oberschwäbischen Bad Saulgau und hilft zusammen mit anderen Ehrenamtlichen und seiner Frau Heidi Haller den Roma-Kindern: "Wir haben Kinder hier, die leben unter wirklich schlimmen Zuständen: Da ist eine Hütte, ca. zehn Quadratmeter groß. Da ist kein Strom, kein Wasser, keine Toilette. Also in einer Familie, die schlafen zu siebt in einem Bett. Die haben eigentlich gar nichts." 

"Die wissen nicht, was ein Stift ist"

Heidi Haller, Stefan Zell und die anderen Helfer wollen etwas tun gegen die Verelendung der Roma in ihrer Heimat. Am Anfang haben sie Hilfstransporte organisiert, dann hat Stefan Zell schnell erkannt: das reicht nicht aus. Was Not tut, ist etwas anderes: Bildung. 

"Die Kinder sprechen Romanes und verstehen nichts, wenn sie in die Schule gehen. Es gibt keine Sprachförderung hier. Die können keine fünf Minuten auf dem Stuhl sitzen. Die wissen nicht, was ein Stift ist. Viele Familien kennen die Zeit nicht. Wenn sie nicht wissen, was halb acht Uhr Schulbeginn ist, dann kommen die Kinder nicht um halb acht, sondern mal um 9 oder 10 Uhr. Und Buki federt genau diese Gegensätze ab."

Zu Fuß unterwegs auf einem Schotterweg: Fünf Minuten sind zu gehen vom Buki-Haus im Zentrum des Dorfes bis in den so genannten "Roma-Slum".

Ein Bett, ein paar Holzhocker, ein Steinboden, auf dem wild verstreut Kartoffeln herumliegen: Hier ist die 20-jährige Heini mit ihren drei Kindern zuhause, drei, fünf und sieben Jahre alt. Der Fernseher auf einem Holzregal wirkt wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt. Heidi Haller kommt herein, umarmt die Kinder und ihre Mutter. Renata, die Nachbarin, kommt vorbei. Sie stammt aus einer 14-köpfigen Familie. Sie war für ein paar Monate in Deutschland, erzählt sie. Als EU-Bürgerin kann sie einreisen.

Von der EU gibt es bisher keine Unterstützung

Ob sie tatsächlich putzen war oder in einem Rotlicht-Viertel gearbeitet hat, wie viele aus dem Dorf munkeln: Es ist egal. Sie hat Geld verdient und deshalb wollen ihre Mutter und ihre Schwestern auch nach Deutschland. Die Kinder bleiben in solchen Fällen zurück, im Roma-Slum von Cidreag.

"Meine Mama geht arbeiten. Und alle Kinder bleiben zuhause. Und meine Schwester, die kleine Roxy, geht auch arbeiten. Und was machen alle Kinder hier? Das ist Scheiße."

Die verlassenen Kinder kommen ins Buki-Haus. Viel lieber wäre es Stefan Zell, die Eltern hätten zuhause eine Zukunft und müssten sich nicht billig verkaufen in Deutschland oder anderswo: "Wenn sie nicht wissen, was Zeit ist, wenn sie nicht wissen, wieviel Geld sie in der Hand haben, dann wissen sie auch nicht, wieviel Geld sie verdienen, wenn sie acht oder zehn Stunden auf dem Acker arbeiten. Dann wissen sie auch nicht, wieviel Geld sie bezahlen müssen, um ein Kilo Kartoffel zu kaufen. Dann wissen sie auch nicht, welchen Wert ein T-Shirt hat. Und damit sind diese Leute nicht nur arm. Sondern sie werden automatisch arm, wenn sie überall betrogen werden."

Der Bürgermeister von Cidreag hat erst ein einziges Mal im Buki-Haus vorbeigeschaut. Das Wohlergehen der Roma-Kinder hat für ihn keine Priorität. Und auch von der EU gibt es bisher keine Unterstützung, dabei müsste Europa dringend etwas zur Verbesserung der Situation der Sinti und Roma in ihren Herkunftsländern tun. Aber der Verein Buki-Haus e.V. erfüllt nicht alle Kriterien der EU, er ist zu klein und zu wenig international aufgestellt.

Die Ehrenamtlichen machen trotzdem weiter. Sommerfest im Buki-Haus, wie jedes Jahr. Die Kinder üben sich im Trampolinspringen, im Sackhüpfen, essen gebratene Würstchen. Heile Welt in Cidreag an einem Tag im Jahr.

Heidi Haller steht neben ihrem Mann, blickt versonnen auf das bunte Treiben der Kinder und der Helfer: "Ich wünsche mir für das Projekt, dass die Kinder einfach eine Chance kriegen, auf Schulbildung, auf eine Ausbildung, auf ein ganz normales Leben wie wir auch. Und dass sie uns vielleicht irgendwann gar nicht mehr brauchen. Das wäre mein Wunsch."

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