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Tonart | Beitrag vom 07.02.2017

Helene Blum: "Droplets of time"Lieder aus dem dänischen Musikerbe ins Heute geholt

Von Grit Friedrich

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Die dänische Sängerin Helene Blum (Foto: Sigrid Nygaard)
Starkes Gespür für Melodien: die Sängerin Helene Blum (Foto: Sigrid Nygaard)

Helene Blums Konzerte mit ihrer Band begeistern verlässlich ein internationales Publikum. Doch auch die solistische Arbeit ist für sie bedeutsam - hier kann sie sich in Titel vertiefen, für die in Band-Formation kein Raum wäre. "Droplets of time" heißt das neue Soloalbum der dänischen Sängerin.

"Ich werde oft ernst und melancholisch, aber eigentlich bin ich ein sehr glücklicher Mensch. Dieses Lied habe ich in wenigen Minuten aufgeschrieben. Es ist ein Liebeslied, das sagt, du sollst den Zug nehmen, wenn er kommt. Wenn es der richtige Zug ist. Einfach einsteigen und dein Leben leben. Ich bin wahrscheinlich nicht die Erste, die ein Lied über einen Bahnhof oder einen Zug singt, aber die Leute in den Konzerten reagieren stark auf diesen Song, denn er ist so zupackend."

In einem früheren Interview erwähnte Helene Blum Alison Kraus, Sting und die schwedische Folksängerin Lena Willemark als Inspirationsquellen. Und sicher wären da noch andere  Namen zu nennen, doch ihre tiefe Liebe zur Musik ist ein Familienerbe. Schon mit zwei Jahren hat Helene Blum ihre erste Geige bekommen, sie lernte Klavier und sang lange im Kirchenchor, studierte aber doch Folkgesang. An der Musikakademie in Odense traf sie ihren späteren Mann den Geiger Harald Haugaard. Durch Dozenten wie ihn wurde Odense zur Wiege der neuen dänischen Volksmusik, die alles andere als verstaubt klingt. Ohne den offenen Geist dieser Akademie wäre Helene Blum vielleicht eine klassische Pianistin geworden.

"Ich wurde anfangs am meisten von dieser gemeinschaftlichen Stimmung in der Folk Music angezogen, davon wie die Leute durch Musik zusammenkamen. Ich verstand sofort, dass das etwas anderes war als meine fünf Stunden einsames Klavierüben jeden Tag. Dann habe ich mein Klavier verkauft und mich an der Musikakademie Odense beworben. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich im Studium all diese alten Fiddler und Akkordeonspieler kennenlernen konnte. Denn man braucht dieses Wissen im Rücken, wenn man sich selbst Volksmusiker nennen will."

Musik, in der die Erinnerung einer Region aufbewahrt wird

Das traditionelle, streichergeprägte Erbe Dänemarks prägt auch das neue Soloalbum "Droplets of Time". Viele Songs drehen sich um die Zeit, andere um Wendepunkte im Leben, wie eine schmerzhafte Trennung. Helene Blum hat mit "One moment of peace" aber auch ein Lied über den preußisch-dänischen Krieg von 1864 geschrieben. Die Idee dazu kam ihr nach einer bewegenden Gedenkveranstaltung mit Menschen von beiden Seiten der dänisch-deutschen Grenze. Man habe immer die Wahl, einen Konflikt zu begraben, sagt Helene Blum. Und man sollte nie die Menschen vergessen, die schon einen Krieg erlebt haben und die ihre Erinnerungen oft unerzählt mit sich herumtragen. Manchmal entdeckt Helene Blum aber auch einen älteren Text und schreibt neue Musik dazu, wie bei "A drop of blod"

"Mir ist sehr wichtig, dass mir die Musik und die Worte etwas sagen, es ist nicht nur wichtig das sie alt, folky oder traditionell sind. Diesen Text hat der dänische Poet Sophus Claussen geschrieben. Mit seinen Gedichten arbeite ich schon seit vielen Jahren. Oft höre ich sofort Musik, wenn ich ihn lese. Dieses sehr einfache Gedicht ist sehr bewegend und stark. Es sagt, dass ein Tropfen Tinte, sehr leicht zu einem Tropfen Blut werden kann. Es ist extrem beängstigend wie aktuell dieser Satz klingt."

Der Text von Sophus Claussen geht so weiter: "Dichter, wer weiß was geschieht, du hast schon viel gesehen, leg Papier bereit und schreib es auf." Genau das macht auch Helene Blum in ihren Liedern. Die Songwriterin aus Fünen hat dabei ein starkes Gespür für Melodien, aber auch für die Konflikte dieser Welt, viel zu lange ungelöste Konflikte die die draußen toben, aber auch innere. Dabei stützt sie sich auf eine Band, die ihr in alle Richtungen folgt, ein mal zartes, mal kräftiges Gewand um ihre aufwühlende Stimme baut. Je nach Arrangement hört man manchmal nur ein Piano und eine fast schwebende Trompete, dann wieder ein dicht musizierendes Ensemble aus Violine, Viola, Kontrabass, Cello, Mandoline, Percussion und Gitarre.

Dem Wald abgelauschte Klänge und andere Schätze

Helene Blum singt auch auf ihrem neuen Album Lieder aus dem dänischen Musikerbe. Schätze, die sie hebt, poliert und ins Heute holt. Wie dieses Liebeslied, das auch etwas über die enge Verbindung unserer Nachbarn zur Natur erzählt, früher ging man nämlich manchmal in den Wald um Trost zu finden, wenn eine Liebe nicht erwidert wurde. Inspiriert von ihrer gemeinsamen Tour durch Nordamerika schrieb Harald Haugaard das Arrangement eines anderen traditionellen Liedes: Like the stars in the sky, beim Harmoniegesang wird Helene Blum von zwei weiteren Folkstimmen Dänemarks begleitet, Karen Mose und Trine Lunau.

Immer wieder baut Helene Blum Brücken in die Vergangenheit. So auch bei einem Schlaflied des dänischen Komponisten Carl Nielsen. Schon zu Lebzeiten war er einer der bedeutendsten skandinavischen Tondichter, Nielsen schrieb Symphonien, Opern und Kammermusik und mehr als 300 Folksongs, von denen viele auch heute noch in Dänemark gesungen werden.  Fast ein Jahr lang war Helene Blum artist in residence beim Sinfonieorchester Odense.

"Ja, das hatte eine Wirkung auf mich und dieses Album. Für mich war eine riesige Erfahrung mit dem Orchester in Odense zu arbeiten. Ich fühlte mich sehr geehrt, das ich an den Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag von Carl Nielsen mitwirken konnte. Harald Haugaard hat dieses Konzert produziert. Es war großartig, dass dieses klassische Orchester offen war für die Idee, dass eine Folksängerin die Lieder von Carl Nielsen singt. Carl Nielsen ist ja selbst mit Volksmusik aufgewachsen und war ein Fiddler, es machte also wirklich Sinn."

Warm und dicht ist der Sound dieses Albums. Helene Blum ist längst nicht mehr nur die zarte dänische Folkstimme der Anfangsjahre, sondern eine tief empfindende Songwriterin und Komponistin. Schade, dass man im Booklet die Texte nur auf Dänisch mitlesen kann.

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