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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.04.2016

Heinz Bude: "Das Gefühl der Welt"Enttäuschung und Überdruss

Von Bodo Morshäuser

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Der Kasseler Soziologe Heinz Bude  (imago/Christian Thiel)
Der Kasseler Soziologe Heinz Bude (imago/Christian Thiel)

Wie entstehen kollektive Lebensgefühle? Warum ziehen sich manche Menschen in die Schweigespirale zurück, während andere wählen gehen? Der Soziologe Heinz Bude erklärt in seinem Buch, warum die gegenwärtige Atmosphäre im Land so aufgeladen ist.

Die in mehreren Anläufen durchgespielte Frage dieses Buches lautet: Auf welche Weise verändern sich kollektive Lebensgefühle? Wie wird das Gefühl einer Minderheit zum Gefühl der Mehrheit?

Bude meint, jemand anderes müsse aussprechen, was man selbst fühlt, dann erst sei man in der Lage, es zu denken. Es beginnt mit der Beschreibung eines Überdrusses oder einer Lust. Sie ist Antwort auf eine enttäuschende Gegenwart. Und sie enthält das Angebot eines anderen Blicks auf die Welt. Entweder ist die Zeit nun dafür reif, also reif für einen Stimmungswechsel, oder die Funksignale gehen ins Leere. So kündigten sich, schreibt Bude, die 60er- bis 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts jeweils deutlich früher an.

Cover - Heinz Bude: "Das Gefühl der Welt" (Hanser)Cover - Heinz Bude: "Das Gefühl der Welt" (Hanser)"Wenn Elvis zum 'Jailhouse Rock' bereits 1957 in schwarzer Sträflingskluft die Hüften kreisen lässt, dann ist der Damm zu 'Sex, Drugs and Rock'n Roll' gebrochen. Mit 'I can't get no satisfaction' von den Rolling Stones aus dem Jahr 1965 klingt schließlich ein ganz anderes Register von Erregungen an als mit 'Money, money, money must be funny in the rich man's world' von ABBA von 1976 und 'We are stayin' alive' von den Bee Gees von 1977. Hier zeigt sich der Wechsel vom Befreiungspathos zur Überlebenskunst: Die Konfession des Unmöglichen ('can't get no') wird durch die Behauptung des Durchkommens ('stayin' alive') ersetzt."

Bude zieht den Politökonom Albert O. Hirschman heran, der herausgefunden hat, dass Wechselstimmungen dann entstehen, wenn die Mehrheit negative Konsum-Erfahrungen macht. Konsumieren täten schließlich alle. Wen der Konsum dagegen befriedige, der stelle die Verhältnisse nicht infrage.

Hysterische Stimmungsmedien

Dann führt Bude den lange vergessenen Soziologen Gabriel Tarde heran, der der Frage nachging, wie Individuen, die verstreut leben und sich nicht kennen, überhaupt dazu kommen, sich als Teil einer gemeinsamen sozialen Welt zu sehen. Tardes Antwort, vor über hundert Jahren: durch die Presse. Der nächste Schritt: durch das, was Medien drucken oder senden. Dabei spiele die Aktualität des Mitgeteilten nicht einmal eine besonders große Rolle. Denn man spreche über das, was Medien drucken oder senden. Aktuell und Thema der Leute kann somit auch ein alter Weltkrieg sein, sofern er einen Jahrestag hat.

Auch im Internetzeitalter, so setzt Bude den Gedanken fort, gehe es eher um affektive Publikumsansprache und weniger um Information pur, besonders in den Rückkoppelungen von Foren und Kommentarspalten, wo jedermensch affektive Ansprachen an alle halten könne.

Die Rebellion der Wut? Nur folgerichtig

Das Internet ist wohl der prominenteste soziale Ort der Gegenwart. Es kommt heischend bis hysterisch rüber, weil es das Stimmungsmedium par excellence ist. Online-Seiten von Tageszeitungen unterscheiden sich inzwischen affekttechnisch nicht sonderlich vom Gedröhn in den Netzforen. Heinz Bude sieht im Netz eine Art von Rebellion am Werk.

"Der eine Souveränität anderer Art beanspruchende Netzbürger konstituiert eine Publikumsdemokratie, die sich gegen die vermittelnden Instanzen der Repräsentation eines allgemeinen Interesses wendet. Es ist nur konsequent, dass sich dieses verborgene, aber sich mächtig fühlende Volk in Blogs und sozialen Netzwerken kommunikative Katakomben einer rebellischen Grundstimmung aufbaut. Die Affekte der Rebellion sind Wut und Zorn, die sich gegen diejenigen richten, die in den 'frivolen Jahren' des Neoliberalismus unermesslich reich und unglaublich verlogen geworden sind."

Das erklärt, wie kollektive Lebensgefühle entstehen. Wie es darüber hinaus Leuten mit Minderheitenmeinung geht, erklärt Bude mit der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann und ihrem Begriff der "Schweigespirale". Menschen würden sich mit ihrer Meinung danach richten, was die Mehrheit meint. Fühlen sie sich als Minderheit, schweigen sie lieber, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Wird ihre Minderheitenmeinung aus irgendeinem Grund plausibel, beenden sie ihr Schweigen und stehen offensiv zu ihrer lange verheimlichten Meinung.

Aus der Schweigespirale ins Wahllokal

Auf einmal zeigt sich öffentlich eine Kraft, die es vorher scheinbar nicht gegeben hatte. Der Weg für einen allgemeinen Stimmungswechsel ist geebnet. Beim folgenden Zitat von Heinz Bude darf man an jüngste Wahlergebnisse denken.

"Dieses Ich ist schreckhaft und schweigsam, wenn es sich allein gelassen fühlt, und es blüht auf und findet Anklang, wenn es glauben kann, dass viele andere auch so denken und fühlen wie es selbst. Gestimmt ist es im Rückzug wie im Auftritt. Es kommt nur darauf an, wo es die Stimmung der Mehrheit vermutet. Ob das Ich sich zusammen mit jenen, die ihre Lippen aufeinander beißen, in die Schweigespirale verzieht oder ob es im Einklang mit jenen, die redebereit sind und sich sichtbar machen, die Stimmung beherrscht."

Diagnose: Komplett verkantet und gereizt

Und in welcher Stimmung leben wir heute? Bude meint, gegenwärtig geben zwei Typen den Ton an. Zum einen sogenannte "heimatlose Antikapitalisten", die sich über eine Politik ohne Alternative, über Lügenpresse und Volksverdummer empören. Zum anderen sogenannte "entspannte Systemfatalisten", die die Normalität des Durchwurstelns und die Relativität der Wahrheiten hochhalten. Beide Positionen seien komplett ineinander verkantet und vor Gereiztheit außerstande, ihre eigenen Wahrheiten im Gespräch aus einem Abstand heraus zu betrachten oder betrachten zu lassen. Vielmehr seien beide Lager jederzeit zum sofortigen Schlagabtausch bereit. Die gegenwärtige Stimmung in unserem Land sei geprägt von dieser Aufladung.

Nicht nur diese aktuelle Beobachtung – vieles in dem Buch von Heinz Bude bietet Bausteine an, um die Welt, in der wir hier und heute leben, besser zu verstehen. Das Buch ist klug und inspirierend und soll gelesen werden.

Heinz Bude: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen
Hanser Verlag, München 2016
160 Seiten, 18,90 Euro

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