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Tonart | Beitrag vom 28.04.2016

HeimatklängeDas Revival der Volksmusik

Von Wolfgang Meyering

Die Band "Sammant" aus Weimar (Christian Seeling)
Die Band "Sammant" aus Weimar mischt Volkslieder mit Pop und Jazz. (Christian Seeling)

Lange waren sie verpönt, nun werden sie wiederentdeckt: deutsche Volkslieder. Die Weimarer Band "Sammant" arrangiert vergessene deutsche Weisen neu. Und der in Marburg lebende Brasilianer Dago Schelin zeigt, wie das Lied von der Loreley "brasilianisiert" klingt.

"Für mich dann diese Melodien zurückzubringen, das war wirklich eine… Es gibt ein Wort auf Portugiesisch, das heißt Saudade. Es ist ein Gefühl und eine Mischung von Sehnsucht und Fernweh. Und das war für mich eine Art von Saudade." 

Für den Brasilianer Dago Schelin brachte die Beschäftigung mit den Volksliedern seiner deutschen Vorfahren das Gefühl von Saudade hervor. Eine Stimmung, die man nur unzureichend mit Schwermut oder Sehnsucht übersetzen kann. Angefangen hatte alles damit, dass er die Lieder seiner Kindheit, die seine Mutter für ihn gesungen hatte, auch seiner kleinen Tochter vorsingen wollte. Und das war der Beginn seiner wiedererwachten Liebe für die Lieder des Landes, in dem er seit einigen Jahren lebt - Deutschland.

Während für den Brasilianer Schelin der Auslöser in seiner Familie lag, kam der Anstoß, sich mit seinen eigenen Musiktraditionen zu beschäftigen, für den Weimarer Percussionisten Kay Kalytta von außen. 

"Mich hatte eine italienische Sängerin angerufen und mich nach einem Projekt gefragt, bei dem es um Tarantella ging. Ich habe dann nachgeschaut und habe dann herausgefunden, was das bedeutet - und bin auf verschiedene Volksfeste gestoßen und fand das total schön, wie die Leute dort tagelang gesungen und getanzt haben. Das war sehr inspirierend. Ich habe viel gelernt und dann herausgefunden: Wo ist denn jetzt meine Kultur, wo bin ich?"

Um seine eigenen musikalischen Wurzeln zu ergründen, begab sich Kay Kalytta in das Deutsche Volksliedarchiv nach Freiburg, um dort nach Material zu suchen. Zunächst hatte er arge Bedenken, wo er bei den Tausenden von Liedern dort denn anfangen sollte. Aber seine Befürchtungen lösten sich schnell auf. 

"Eigentlich war es gleich das erste Buch, wo ich ganz viel gefunden habe. Ich habe halt geguckt: Sind die Texte zeitlos? Ich weiß nicht, ich habe das eigentlich intuitiv gemacht. Die Melodien auch. Das sie jetzt halt nicht so stark volksliedhaft sind, so das das man auch ein wenig mehr daraus machen kann." 

Der Brasilianer Dago Schelin musste nicht erst ins Archiv, um das Material für zu finden. Die Stücke für seine CD stammen aus einem Heft seiner Urgroßmutter Rosa. Sie hatte dort Volkslieder und Gedichte ihrer "Alten Heimat" aufgeschrieben. Seine Tante fand die Aufzeichnungen aus den 1930er-Jahren zufällig wieder und schickte sie an ihn. Lieder, die teilweise noch in Dago Schelins Kindheit von der Familie gesungen wurde . 

"In diesem Heft gab es keine Noten oder Musik geschrieben, nur die Texte. Noten gab es nicht. Das war alles im Kopf, zum Beispiel das Lied ‚Horch wie der Wind weht‘. Die Melodie ist ganz einfach. Und was wir nicht hundertprozentig hatten, waren vielleicht so fünf Wörter, die hier und da noch fehlten. Wenn man dieses Lied jetzt hört, kann man merken: Oh ja, diese Melodie ist sehr einfach."

Es sind diese schlichten Melodien, die es Dago Schelin besonders angetan haben. Er empfindet sie mittlerweile wieder als einen integralen Teil seines eigenen kulturellen Erbes. Und er hat das Gefühl, sich dadurch hier in Deutschland auch ein wenig als Deutscher und nicht nur als Brasilianer zu fühlen. Und dass in diesem musikalischen Erbe auch ein kreatives Potenzial steckt, stellten auch die Musiker der Gruppe "Sammant" aus Weimar fest. 
 
"Für mich war es natürlich auch - oder für uns - wichtig zu sehen, dass das ja hier genauso da ist. Man muss jetzt nicht unbedingt irgendwo hin, um etwas ganz Originelles zu finden. Weil man hat ja, wenn man sagt, Weltmusik - dann ist es immer… Ja, das sind dann Spanier, die spielen, die spielen ihre Folklore, spielen Ihre Lieder. Und ich sitze da und sage: toll." 

In Brasilien entwickelte sich aus den verschiedenen Musiktraditionen der unterschiedlichen Einwanderergruppen eine neue Musik. Das, was heute in der Weltmusik auch häufig passiert: Dass man Klänge und Stile verbindet, die so noch nie kombiniert wurden. 

Die CDs des Brasilianers Dago Schelin aus Marburg und der Gruppe "Sammant" zeigen sehr anschaulich, wie unterschiedlich und kreativ man mit deutschen Volksliedern umgehen kann.  Auf der einen Seite Melodien im brasilianischen Gewand, auf der anderen die weltmusikalisch-jazzigen Arrangements der Band aus Weimar. Aber beide Gruppen finden einen sehr stimmigen Zugang zu den alten Weisen, die sie in neuem Licht erstrahlen lassen und zeigen, wie viel Potenzial für Weltmusik-Projekte auch in den deutschen Musiktraditionen zu finden ist.

Zwei wirklich gelungene Auseinandersetzungen mit dem eigenen musikalischen Erbe. Und für den Brasilianer Schelin ist dabei gerade die Art der Weise der Mischung das Entscheidende. 

"Das Wichtigste für mich ist diese Mischung, diese gute Mischung von Gefühlen. Für mich persönlich ist diese Saudade von der Vergangenheit, von einer Person, die ich nicht kenne, und die Leuten, die ich kennengelernt habe… Da gibt es diese Gefühle."

Dago Schelin und Band: Rosas Heft – brasilianisierte deutsche Volkslieder
O-Tone Music (Edel)

Sammant: Sammant
Lwenzahn (Galileo Music Communication)

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