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Sonntag, 19.11.2017

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 16.09.2009

"Heimat" als Chronik des 20. Jahrhunderts

Regisseur Edgar Reitz und sein 16-stündiges Filmexperiment

Von Hartmut Goege

Edgar Reitz, Regisseur (AP Archiv)
Edgar Reitz, Regisseur (AP Archiv)

Vor 25 Jahren stand das fiktive Hunsrück-Dörfchen Schabbach sechs Wochen lang im Mittelpunkt der deutschen Fernsehwelt. Vor den Augen der Zuschauer breitete sich mit der ARD-Serie "Heimat" von Edgar Reitz eine spannende Dorf- und Familienchronik aus, die nahezu dokumentarisch sechs Jahrzehnte deutscher Geschichte beschrieb.

Mit diesem melancholischen Soundtrack kündigte sich am 16. September 1984 in der ARD - zur besten Sendezeit gleich nach der Tagesschau - ein Stück monumentaler deutscher Fernsehgeschichte an. An elf Abenden, zweimal die Woche, sechs Wochen lang, saßen regelmäßig zehn bis zwölf Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm, um die Alltagsgeschichten rund um das fiktive Hunsrück-Dörfchen Schabbach zu verfolgen. Schabbach als Mikrokosmos deutscher Historie beschreibt den Weg in den Faschismus, die Kriegsjahre, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder; vertreten durch zwei Familien, die Simons und die Wiegands; besetzt mit unbekannten Schauspielern und Laiendarstellern:

"Der Hunsrück ist unser Heimat. Nur einer, der hat´s im Hunsrück ´nimmer ausgehalten. Wie er 28 Jahre alt war, ist der Paul Simon einfach fortgegangen. Und all´ hat er sie im Stich gelassen. Sein´ Vater, der Mathias, sein´ Mutter, die Katharina, sein´ zwo Buer, das Ernstsche und das Antonsche, und sein´ Jungfrau, díe Maria. Sein´ zwo Geschwister, der lange Eduard und das Paulinsche, wäre vielleicht auch lieber weggegangen aus dem armen Hunsrück-Dörfchen, aber der Hunsrück hat se´ festgehalten."

Fiktive Geschichten in einem fiktiven Dorf. Und doch sind sie zum Großteil authentisch: aus alten Tageszeitungen, Erzählungen von Hunsrücker Dorfbewohnern und eigenen Erinnerungen. Regisseur Edgar Reitz und sein Drehbuchautor Peter Steinbach hatten sie zusammengetragen. Reitz, Jahrgang 1932, war im Hunsrück aufgewachsen und nach dem Abitur nach München gegangen, wo er bald an verschiedenen Filmprojekten mitwirkte. Später, in den 60ern, zählte er als Weggefährte von Alexander Kluge zu den ambitionierten deutschen Jungfilmern. Nach einigen mehr oder weniger erfolgreichen Produktionen kehrte Edgar Reitz mit dem Plan zurück, eine weitverzweigte Familiengeschichte zu erzählen und Lebensläufe bis in die Gegenwart zu verfolgen.

"Das war damals in Sylt, das war in dem Winter 78/79, und ich war da oben eingeschneit. Und ich fing an in dieser Zeit aufzuschreiben, was meine Hunsrücker Wurzeln waren. Ich wollte eigentlich auch wissen schon, wie das bei meinem Vater gelaufen ist. Mein Vater ist nie weggegangen aus seinem Dorf und aus den Verhältnissen. Aber der Traum steckte in ihm."

Heraus kam nach über sechsjähriger Vorbereitungszeit ein 16-stündiges Medienereignis, das auch eine öffentliche Diskussion über den lange tabuisierten Begriff "Heimat" auslöste und ihn nicht nur von seiner Blut-und Boden-Ideologie befreite sondern auch vom weltfremden bundesdeutschen Filmkitsch der 50er-Jahre, wie der Filmpublizist Peter W. Jansen feststellte:

"Ausgerechnet das Kinoland mit dem Genre der unsäglichen und verlogenen Heimatfilme von 'Grün ist die Heide' bis 'Wenn die Alpenrosen blühen' bekam einen neuen, den sozusagen ultimativen Heimatfilm geschenkt. Dass er ein Film nicht nur über eine Landschaft und einen Ort war, sondern auch über Geschichte. Dass er die Dimensionen des Raums durch die der Zeit dialektisch konterkarierte. Erst indem sie zu Protagonisten deutscher Alltagsgeschichte wurden, konnten diese Menschen über ihr Dorf, über Schabbach hinausgelangen, und zwar ausgerechnet dadurch, dass sie in Schabbach blieben."

Der Film funktionierte auch deshalb bei den Zuschauern, weil viele durch eigene Erlebnisse nachvollziehen konnten, was sie auf dem Bildschirm sahen. Der Erfolg der Serie war umso erstaunlicher, weil er sich mit seiner epischen Erzählweise nicht schablonenhaft einem Zeitschema unterwirft, sondern sich Zeit nimmt, Randfiguren Aufmerksamkeit schenkt, Details beobachtet. Selbst in scheinbar unspektakulären Szenen, wenn zum Beispiel Maria Simon ihren Sohn Hermann bei den Schularbeiten beaufsichtigt:

"Erzählst mir ja gar nichts mehr Hermann, früher, da hast´ mir immer so schön erzählt, was ihr durchgenommen habt. Von Südamerika, der Vererbungslehre, und wie´s auf dem Meeresboden aussieht, weißt das noch, Hermann? - Mutter, wir machen jetzt Winkelfunktionen, wenn du weißt, was das ist."

Heimat, als Trilogie und Chronik des 20. Jahrhunderts von Edgar Reitz konzipiert, machte auch international Furore. Die erste elfteilige Staffel bildete dann den Grundstock für Heimat II und Heimat III, die aber längst nicht mehr an den Erfolg der ersten Heimat anknüpfen konnten.

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