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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 07.10.2007

Heilung oder Humbug?

Möglichkeiten und Grenzen der Stammzellenmedizin

Von Michael Lange

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Manipulation der Natur oder Allheilmittel: Stammzellenforschung ist in Deutschland umstritten. (AP)
Manipulation der Natur oder Allheilmittel: Stammzellenforschung ist in Deutschland umstritten. (AP)

Querschnittslähmung, Parkinson und Alzheimer - all diese Krankheiten sollen Stammzellen eines Tages heilen können. Vor allem die umstrittenen embryonalen Stammzellen gelten in der Medizin als Hoffnungsträger Nummer eins. Sie lassen sich im Labor vermehren und könnten kranke oder abgestorbene Zellen ersetzen, so die Idee der Wissenschaftler.

Ein modernes Zell-Labor im Institut für Rekonstruktive Neurobiologie auf dem Bonner Venusberg. Hier wachsen menschliche, embryonale Stammzellen in einer Zellkultur. Neuerdings gepflegt und gefüttert von einem Robotersystem. Stefanie Terstegge beaufsichtigt die Arbeit dieser kleinen automatischen Stammzellenfabrik:

"Das Medium abnehmen, die Zellen waschen, Enzym dazugeben, das die Zellen ablöst. Dann können die Zellen auf den Heizschüttler gestellt werden. Dann können die Zellen abgespült werden, zentrifugiert, in neuem Medium aufgenommen werden und wieder auf die Platten verteilt werden."

Den Bonner Wissenschaftlern ist es in vier Jahren Forschung gelungen, aus embryonalen Stammzellen Vorläuferzellen für Gehirnzellen zu machen. Diese Zellen haben sie dann in Mäusegehirne verpflanzt. Die Zellen haben dort neues Nervengewebe aufgebaut. Sie sind also prinzipiell in der Lage, kranke oder abgestorbene Zellen zu ersetzen, genau wie das bei der Behandlung von Parkinson oder Alzheimer geplant ist. Bis zur Anwendung am Menschen ist es aber noch weit, betont der Bonner Stammzellenforscher Oliver Brüstle. Erste Versuche am Menschen, die zur Zeit in den USA geplant werden, lehnt er ab.

"Ich halte das für zu früh, für zu riskant. Wenn hier nur in wenigen Fällen Schwierigkeiten auftreten, dann wird das nachteilige Auswirkungen für die Patienten haben. Das ist sicherlich das Schlimmste. Aber auch nachteilige Auswirkungen für das Forschungsfeld, wenn eine Technologie zu früh in die Anwendung gepresst wird, bevor alle Zwischenschritte systematisch durchlaufen worden sind."

Oliver Brüstle hat andere Sorgen. Er will neue, bessere embryonale Stammzellen aus dem Ausland importieren - für seine Forschung. Aber daran hindert ihn das deutsche Gesetz: die sogenannte Stichtagsregelung. Sie besagt: Nur solche menschliche, embryonale Stammzellen dürfen nach Deutschland importiert werden, die vor dem 1. Januar 2002 aus Embryonen gewonnen wurden. Dadurch soll verhindert werden, dass Nachfrage aus Deutschland zum Verbrauch zusätzlicher Embryonen im Ausland führt. Aber inzwischen gibt es neue Zellen. Sie wurden ohne tierische Hilfszellen hergestellt. Deshalb sind sie besser gegeignet für die Forschung, aber vor allem für zukünftige Anwendungen in der Medizin.

"Wenn man in einem Forschungsverbund zusammenarbeit, möchte man mit möglichst wenigen gut charakterisierten Stammzellen arbeiten. Und es ist verständlich, dass unsere Partner in Stockholm oder Edinburgh mit ihren selbst generierten Stammzellen arbeiten wollen. Hier fängt das Problem an. Hier ist eine Zusammenarbeit nicht möglich - wegen dieser Stammzellen, die nach dem Stichtag am Januar 2002 hergestellt wurden."

Während die embryonalen Stammzellen weiterhin nur im Labor erforscht werden, sind die sogenannten adulten Stammzellen längst in der Praxis. Jeder Mensch besitzt eigene adulte Stammzellen. Sie sind für die ständige Erneuerung des Körpers zuständig: zum Beispiel Blutstammzellen für das Blut. Eine offizielle Zulassung der Heilverfahren mit adulten Stammzellen ist nicht notwendig.

Im Eduardus-Krankenhaus in Köln arbeitet seit wenigen Monaten die erste deutsche Klinik für regenerative Medizin. Der Internist Peter Nitsche behandelt hier Diabetes-Patienten mit Blutstammzellen aus ihrem eigenen Knochenmark, gewonnen durch eine Punktion im Hüftknochen.

"Wir haben es eingesetzt beim diabetischen Fuß, bei schlecht heilenden Geschwüren. Man konnte sehen wie sie bei dieser Therapie kleiner wurden, praktisch wegschmolzen. Das Interessante, was uns mit Hoffnung erfüllt, ist die Tatsache, dass bei den Patienten auch der Zuckerstoffwechsel an sich deutlich besser wurde, dass die Diabetes-Therapie wie Insulin oder Medikamente nicht mehr nötig waren."

Allerdings sind die erwähnten Erfolge umstritten. Es gibt lediglich Einzelfallbeoachtungen, die bisher nicht in klinischen Studien bestätigt wurden. Auch die Wirkungsweise der Blutstammzellen ist unbekannt, kritisiert der Stammzellenforscher Jürgen Hescheler von der Kölner Universität.

"Es ist völlig unklar, was passiert, wenn ich diese Knochenmarkstammzellen in ein fremdes Gewebe injiziere, wo sie eigentlich gar nicht hingehören. Es ist zum Glück bisher so gewesen, dass keine negativen Effekte aufgetreten sind."

Etwas mehr Erfahrung haben die Ärzte mit dem Einsatz von Blutstammzellen für Herzpatienten. Aber auch hier weiß niemand, was die Stammzellen im Herz der Patienten machen. Einige kleinere Studien waren erfolgreich, andere zeigten keine Wirkung. Eine große Studie mit über tausend Herzpatienten soll nun Klarheit bringen.

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