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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.12.2005

Heilung am Leib der Geschichte

Zum Streit um die Berliner Mitte

Von Johann Michael Möller

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Johann Michael Möller (M.Lengemann / DIE WELT)
Johann Michael Möller (M.Lengemann / DIE WELT)

Wie oft bin ich über diesen leeren Platz gegangen. Wo einst Berlins barocke Mitte war und heute der Palast der Republik auf seinen Abriss wartet. Ich habe mich nie an diesen Anblick gewöhnt, wo sommers die Wurstbuden stehen und winters die Kälte regiert. Ich habe nie etwas anderes empfunden, als dass an diesem Platz wieder das alte Schloss hingehört.

Und ich bin mir sicher: Steht es erst mal, wird keiner mehr begreifen, warum es davor dieses Gewese gab.

So ist es uns doch in den achtziger Jahren schon mit dem Frankfurter Römerberg gegangen, weiß Gott keine architektonisch befriedigende Lösung. Und so geht es uns heute in Dresden, das sich auf so wunderbare Weise seine Frauenkirche wiedergegeben hat. Auch da war der Widerstand groß. Man sollte das nicht vergessen. Auch da wollten viele lieber Kindergärten und Krankenhäuser als eine leere Kirche ohne Gemeinde. Die Kirche steht wieder. Und die Gemeinde wächst auch. Jene Oktobernacht vor der Weihe werde ich nie vergessen. Da haben die Dresdner Einkehr gehalten. Eine ganze Stadt kam zu sich selbst.

Ich werde immer gefragt, warum das in Berlin nicht möglich sein soll. Es gibt viele Antworten darauf. Als Gerhard Schröder bald nach seiner Wahl zum Bundeskanzler ins alte Staatsratsgebäude zog und Tag für Tag auf diesen öden Platz schauen musste, da dauerte es gar nicht lange, und auch er war für das Schloss.

Man muss eben nur hinschauen wollen, muss eigentlich gar nicht viel wissen über die Geschichte des Platzes, um doch zu ahnen, was da fehlt. Dass da früher ein Bauwerk stand, das wie der Konzertmeister für ein Orchester war. Das den Takt und den Rhythmus gab. Und die Bedeutung dazu. Schinkels berühmte Bauakademie spräche genauso ins Leere, wie der Abschluss der Linden heute im Nichts verläuft.

Es sind eigentlich so simple Zusammenhänge, um die der Streit gar nicht lohnt. Wenn deutsche Bomben den Buckingham Palast in London getroffen hätten, er wäre natürlich sofort wieder aufgebaut worden, hat der Schriftsteller Sten Nadolny einmal lakonisch bemerkt. Aber doch nicht aus musealen Gründen.

In einem Antiquariat am Gendarmenmarkt habe ich kürzlich zwei alte Fotobände des schlesischen Fotographen Kurt Hielscher wieder gefunden: Den über Italien und den über Deutschland. Es fällt einem da wie Schuppen von den Augen, wie selbstverständlich sich unser Land einmal einfügte in die europäische Bautradition. Und welches Brandloch, welcher Krater inmitten Europas durch unser eigenes Verschulden entstand.

Der Schriftsteller Wilhelm Hausenstein notierte nach einem Gang durch das zerstörte München im Januar 45 die Zweifel in sein Kriegstagebuch an der 'Möglichkeit eines Wiederaufbaus des monumentalen Bestandes'. Die Verwüstung sei 'nahezu absolut'. Doch der entschiedene Nazi-Gegner Hausenstein bekennt, nicht daran zu glauben, dass sich 'dergleichen Zerstörungen rechtfertigen' lassen - mit welchen Argumenten auch immer.

Ein paar Monate später nur, im August 45, hat München dann seinen historischen Wiederaufbau beschlossen. Und wer heute in der Theatinerkirche steht, ahnt nicht mehr, in welchem Zustand sie bei Kriegsende war.

Nur in Berlin soll das alles nicht möglich sein?

Welche Anstrengungen haben die Gegner doch unternommen, um den Wiederaufbau des Stadtschlosses zu verhindern. Wie viel Geschichtsklitterung war nötig, um daraus eine finstere Idee zu machen, die in unsere Zeit nicht mehr passt. Eine Expertenkommission wurde berufen.

Am Ende gab es eine Mehrheit für das Schloss. Der Wiener Schloss-Skeptiker Hannes Swoboda war der Leiter. Am Ende war auch er fast bekehrt. Und der Berliner Architekt Kollhoff formulierte damals die Selbstbescheidung seiner Kollegen. Etwas Besseres als der Baumeister Schlüter können auch sie nicht zustande bringen.

Doch plötzlich ist das Finanzierungsgutachten wieder umstritten. Der Baugrund sei fürchterlich und die U-Bahn braucht auch ihren Platz. Die Palastfreunde trommeln. Und die alten Zweifler sind wieder da. Gewiss, es gibt einen bindenden Parlamentsbeschluss. Den der neue Kulturstaatsminister Neumann jetzt wieder bestätigt hat. Der Abbruch der Honecker-Ruine müsste alsbald beginnen. Aber wer weiß das schon in Berlin so genau.

Es rächt sich eben doch, dass der Wiederaufbau des Stadtschlosses nie eine mutige Begründung erfuhr, dass er etwas Verstohlenes hat, und etwas Verdruckstes. Und dass er nie zur Herzensangelegenheit der Berliner wurde. Man will wohl das Schloss, aber nur als Fassade, um einen anderen Zweck zu umkleiden. Man hat keine Botschaft, sondern ein Nutzungskonzept. Man will keine Heilung am wunden Leib der Geschichte. Man sucht nach dem Zeitgeist für ein altes Gewand. Der Weg zu uns selbst kann heute wohl nur über das Fremde gehen.

Kaum je sind die Maßstäbe so verrutscht, wie im Streit um diesen geschichtsmächtigen Platz unserer Republik. Ich will den Chor von Schnapsideen und Ausflüchten nicht mehr hören. Genug ist genug. Man sollte jetzt mit dem Wiederaufbau einfach beginnen. Und architektonische Silikonbrüste braucht diese Stadt auch keine mehr. Vielleicht springt der Funke dann über. Auch in Dresden hat das so seine Zeit gebraucht. Aber dort war von Anfang an klar: Diese Stadt und ihr Bürgertum wollten ihre innere Mitte zurück.


Johann Michael Möller, geboren 1955 in Bietigheim bei Stuttgart, Studium der Geschichte, Germanistik und Ethnologie in Stuttgart und Frankfurt am Main. Während des Studiums Mitarbeit im Feuilleton der "FAZ". 1985 Gründungsredakteur der neuen Seite "Geisteswissenschaften" der "FAZ". 1990 Wechsel ins politische Ressort der "FAZ" und Korrespondent für die neuen Länder Thüringen und Sachsen. 1992 Hauptabteilungsleiter Fernsehen beim neugegründeten Mitteldeutschen Rundfunk, verantwortlich für den Programmbereich Fernsehen im Landesfunkhaus Thüringen. Moderation der eigenen Sendung "Erfurter Gespräch". 1995 Wechsel zum ZDF als stellvertretender Leiter und Moderator des politischen Magazins "Kennzeichen D". Seit 1998 Redakteur bei der "WELT", inzwischen Stellvertreter des Chefredakteurs.

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