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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.05.2010

Hausierer im Land der Mörder

Michel Bergmann: "Die Teilacher", Arche Literatur Verlag, Zürich-Hamburg 2010, 288 Seiten

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Im Koffer haben die Teilacher ihre Ware. (Stock.XCHNG / Christopher Bruno)
Im Koffer haben die Teilacher ihre Ware. (Stock.XCHNG / Christopher Bruno)

Teilacher ist Jiddisch und bedeutet soviel wie Hausierer. Und um genau solche geht es in Michel Bergmanns Roman "Die Teilacher": Jüdische Einzelhandelsvertreter, die mit viel Chuzpe im Nachkriegsdeutschland Waren verkaufen. Ein haarsträubend absurder Schelmenroman.

Teilacher? Das ist Jiddisch. Vornehm übersetzt: Einzelhandelsvertreter. Hausierer kommt der Sache näher. Leute, vor denen einen in den 50er-Jahren Schilder im Hausflur warnten: "Betteln und Hausieren verboten!" Fremde mit dem Ruch, einen "keilen", übers Ohr hauen zu wollen. Die Schilder sind heute Antiquitäten, und wenn es klingelt, will einem höchstens jemand eine Religion aufschwatzen oder die Bude ausräumen.

Jedenfalls keine Weißwäsche verkaufen, wie es Michel Bergmanns jüdische Überlebenskünstler einst in und um Frankfurt/Main taten:

"Jedes Aussteuerpaket, das zwischen Winter '45 und Winter '65 in einem deutschen Kleiderschrank mottensicher verstaut wurde, war durch die Hände eines fleißigen Teilachers gegangen, schwer verkauft mit Lachen, Lügen und Weinen."

Auch die Teilacher bringen es zu etwas, ausgerechnet in diesem Land, in das es sie aus praktisch aller Welt und jeder Hölle verschlagen hat.

Was für eine Truppe! Emil Verständig etwa: "a chuzpediger mensch, aber ehrlich", der schnell aus Shanghai zurückkommt, ihm sind "die Chinesen nicht preußisch genug." Moische Krautberg, die wandelnde Stürmer-Karikatur, wenn er einen Raum betritt, kommt "zuerst seine lange, krumme Nase, dann lange nichts". Robert Fränkel hat in Sachsenhausen bunte SS-Abende organisiert, und ob er Hitler wirklich Humor lehren sollte, weiß niemand, aber der kreative Ex-Conferencier ist Gold wert. Jossel Fajinbrot stand zum Glück auf einer der Schindler-Listen. Max Holzmann hat Auschwitz, Dora-Mittelbau und polnische Nachkriegspogrome überlebt und flieht "ins Land der Mörder - um sicher zu sein!" David Bermann, der elegante Flaneur, der meschuggenste von allen und Emils Chef, als es das große Wäschehaus der Bermanns in Frankfurt noch gab.

Sie treffen sich (wieder) im Chaos aus DP-Lagern, Schwarzmärkten und Trümmern, leben auf Koffern "zwischen Amerikanern und Deutschen", zu einer Zeit, in der "richtige Deutsche" Kinder namens Adolf und Eva und Juden gegenüber bestenfalls ein verdruckst-schlechtes Gewissen haben.

Bergmann rollt ihre Geschichte rückwärts auf. 1972 stirbt der Flaneur David im Altersheim. Alfred Kleemann, B-Picture-Mime in Rom, räumt den Nachlass aus und wird immer neugieriger auf den alten Mann, der ihm seltsam nahe ist und mit dem seine Mutter mal liiert war. Am Ende ist ein familiäres Geheimnis gelöst.

Aber Alfred faszinieren mehr die Teilacher, die er bei der Beerdigung trifft. Er horcht sie aus über Onkel David und seine, ihre Zeit. Bergmann, gelernter Journalist und bisher vor allem Drehbuchautor, kennt seine Traditionslinien und verknüpft sie mit Genuss. Er spielt mit Zangwills Schnorrer-Rhetorik oder der Luftmenschen-Metaphorik so selbstverständlich, wie er seine Figuren Jiddisch und Hessisch reden lässt und ihre fiktiven Leben mit historischen Fakten und Personen aufmischt.

Das alles ist so haarsträubend absurd und gleichzeitig fest verankert im wirklichen Leben, wie es sich für einen anständigen Schelmenroman gehört. Man liest es zwischen Lachen und Melancholie und hat am Ende nur eine Frage: Soll man heulen vor Wut, dass solche Menschengeschichten in Deutschland traditionell so schmerzhaft fehlen, oder vor Freude, dass sie endlich erzählt werden?

Besprochen von Pieke Biermann

Michel Bergmann: Die Teilacher
Arche Literatur Verlag, Zürich-Hamburg 2010
288 Seiten, 19,90 EUR

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