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Buchkritik | Beitrag vom 20.01.2018

Haruki Murakami: "Die Ermordung des Commendatore"Warten auf das Leben

Von Katrin Schumacher

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Haruki Murakami: "Die Ermordung des Commendatore" (DuMont Buchverlag/imago/AFLO)
Buchcover: Haruki Murakami: "Die Ermordung des Commendatore. Band 1" (DuMont Buchverlag/imago/AFLO)

Band eins von Murakamis "Ermordung des Commendatore" führt in eine verkrachte Ehe, eine verwunschene Berglandschaft und in hemdsärmelige Bettszenen. Auf seiner literarischen Palette mischt der japanische Autor scheinbare Dualitäten und überzieht sie mit magischem Firnis.

Weder blasser Architekturbüroangestellter noch scheuer Schriftsteller: der Protagonist ist diesmal ein Maler. Der sonst immer besonders farblose Murakami-Held hat aufgelegt, so könnte man meinen, Farbe, Exzentrik, vielleicht sogar Eigensinn? Aber nein. Diese Erwartung setzt Haruki Murakami schon auf den Anfangsseiten gen Null. Sein namenloser Künstler ist Auftragsporträtist, der gerne nach Foto malt, ein perfekter Handwerker ohne einprägsame Handschrift, ein guter Hausmann mit Ambitionen am Herd, der nach seinem Tagwerk an der Staffelei für das Abendbrot sorgt. Seine Frau gesteht ihm kühl nach sechs Jahren Ehe, dass da jemand anderes ist, und er doch bitte in ihre Scheidung einwilligen soll. Und da ist er wieder, der typische Murakami-Held: 36 Jahre alt, ein bisschen verlassen und recht ziellos. 

Der Maler stopft seine schmales Hab und Gut in seinen kleinen Peugeot 205 und fährt quer durch Japan, bis er in einem Atelierhaus eines berühmten Kollegen unterkommt, der in ein Seniorenheim umziehen musste. Auf Porträts hat er keine Lust mehr, kann aber auch keine eigene Motividee entwickeln. Und so gibt er Malkurse im nahe gelegenen Städtchen und hat zwei unspektakuläre Affären mit verheirateten Malschülerinnen, sitzt in dem schönen Haus am Berg und wartet darauf, dass das Leben etwas mit ihm macht.

Er öffnet den doppelten Boden

Eben hier erwischt ihn sein Autor, der mit ihm macht, was bisher allen Protagonisten seiner bislang dreizehn Romane und vieler seiner Erzählungen nicht erspart geblieben ist: er setzt ihn unerhörten Begebenheiten aus, derangierenden Momenten, er öffnet den doppelten Boden, lässt seine Welt aus den Fugen geraten. Kurz nach dem Einzug in das Berghaus meldet sich ein Mann, der dem Maler ein obszön hohes Salär bietet, falls er ihn porträtiert. Während der Entstehung des Bildes geschieht Unheimliches: Feines Glockenklingeln tönt aus einem mysteriösen Hohlraum auf dem Grundstück, ein Wesen materialisiert sich aus einem Gemälde heraus, ein weiteres Bildmotiv fängt an, mit dem Maler zu kommunizieren. Und nicht zuletzt ist da der Mann mit dem Gesicht aus Nebel, dessen Porträt partout nicht gelingen will.

Haruki Murakami agiert wie sein malender Protagonist: auf seiner literarisch-magischen Palette mischt sich Alltägliches mit Transzendentem, wird das allzu grell Übernatürliche sofort mit einer banalen Haushaltstätigkeit abgetönt, es steht Grundfarbe gegen Akzent. An die Realität des Protagonisten zeichnet er rätselhafte Volten, und überzieht den Roman sukzessive mit einem irreal schillernden Firnis. Techniken, die durchaus schon murakamisch zu nennen sind, und die immer mit der Mischung scheinbarer Gegensätze arbeiten.

Sexszenen mit seltsamer Spannung

Bis in die kleinsten inhaltlichen und sprachlichen Ebenen wird dieses Verbinden eigentlicher Dualitäten durchgehalten: So lebt der Protagonist etwa in einem Haus am Eingang eines Tales, zwischen hoch und tief, und darüber hinaus an einer Wetterscheide, vorne regnet’s, hinten scheint die Sonne. In der Küche wird entweder Misosuppe oder Tomatenpasta bereitet, und selbst die auffällig vielen Sexszenen leben von einer seltsamen Spannung zwischen hemdsärmeliger Schlichtheit und Anrührung.

Den ästhetischen Zerfall in hohe Kunst und höchst Banales muss man aushalten bei der Lektüre, und auch die Zweigeteiltheit des Romans tut ein wenig weh, denn leider endet er mit einem hanebüchenen Cliffhanger. Wie immer gibt es keine Erklärungen bei Haruki Murakami. Auch in diesem Roman wehrt er sich gegen jegliche Auflösung seiner literarischen Fantastik, im übrigen eine Erfahrung aus der Malerei: Eine einmal gemischte Farbe ist nur mehr schwer zu dividieren.

Haruki Murakami: "Die Ermordung des Commendatore. Band 1: Eine Idee erscheint."
Dumont Verlag, 2018
479 Seiten, 26,00 Euro

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