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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.05.2016

Hartmut Rosa: "Resonanz"Antwort auf die kapitalistische Entfremdung

Von Hannah Bethke

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Plakat an einem Berliner Haus: "Markt oder Mensch?" (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
"Mensch oder Markt?": Diese Frage bewegt den Jenaer Soziologen Hartmut Rosa (dpa/picture alliance/Paul Zinken)

Der Soziologe Hartmut Rosa setzt in seinem neuen Werk auf "Resonanz" - die ist seiner Ansicht nach der richtige Weg, um der Steigerungslogik des Kapitalismus zu begegnen. Unsere Rezensentin Hannah Bethke hat einen "brillanten Neuentwurf einer lebendigen Kritischen Theorie" gelesen.

Dass unser Umgang mit Zeit der Schlüssel zum Verständnis der modernen Gesellschaft ist, hat vielleicht keiner so anschaulich dargelegt wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. Sein Buch "Beschleunigung" beschreibt Prozesse der fortschrittsbedingten Dynamisierung, die die Zeitstrukturen der Gesellschaft so verändert, dass diese permanent einer Steigerungslogik unterliegt.

Beschleunigung ist das Problem, Resonanz die Lösung

Wenn also Beschleunigung das Problem ist, ist dann Verlangsamung die Lösung? Nein, erklärt Rosa in seinem neuen Buch - sondern Resonanz.

Resonanz ist laut Rosa ein Beziehungsmodus, in dem gegenseitige Schwingungen erzeugt werden. Relational sei Resonanz nicht nur im äußeren Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, sondern auch im inneren zwischen seinem Körper und seiner Psyche. Wenn Körper und Seele oder Mensch und Umwelt miteinander in Einklang gebracht werden, entstehe ein Resonanzraum.

Die dem Beschleunigungsprozess innewohnende "Eskalationstendenz" habe die Stellung des Menschen zur Welt jedoch grundlegend verändert. Rosa diagnostiziert drei große Krisentendenzen der Gegenwart: eine ökologische Krise (Klimawandel), eine Krise der Demokratie (Politikverdrossenheit) und eine "Psychokrise" (Burnout). Stets sei das Resonanzverhältnis gestört.

"Steigerungszwang" des modernen Kapitalismus

Die Ursache dafür, dass wir uns die Welt nicht mehr in einem wechselseitigen Prozess aneignen, sondern sie beherrschen und verdinglichen wollen, sieht Rosa in dem endlosen, sich selbst reproduzierenden "Steigerungszwang" des modernen Kapitalismus. Auf diese Weise brächen die "Resonanzachsen" zusammen: Der "vibrierende Draht zwischen uns und der Welt" werde zugunsten einer instrumentellen Logik der Verwertbarkeit gekappt.

Die Konsequenzen seien verheerend: "Das Leben gelingt nicht dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern wenn wir es lieben." Statt Resonanz werde ein Zustand der Entfremdung erzeugt, der für Rosa mit der Urangst des Menschen vor dem Verstummen der Welt zusammenhängt.

Zugleich könne es aber auch keine totale Resonanz geben: Ähnlich wie Beschleunigung bei Rosa nicht ohne eine Gegentendenz zur Erstarrung auskommt, ist auch Resonanz auf ein Moment der Unverfügbarkeit, wenn nicht gar auf eine "Resonanzverweigerung" angewiesen. Schwingungen müssen immer wieder begrenzt werden, sonst kommt es wie in der Physik zu einer Resonanzkatastrophe, die das, was hergestellt werden soll, zerstört.

Rosa betreibt eine "Soziologie des guten Lebens"

Hartmut Rosa sieht seine Studie als "Beitrag zu einer Soziologie des guten Lebens", die er mit einer erneuerten Form der Kritischen Theorie verknüpft. Als konkrete Lösungsvorschläge für die krisengeschüttelte Gesellschaft schweben ihm das bedingungslose Grundeinkommen und eine umfassende Erbschaftssteuer vor.

Auf diesem Weg setzt sich Rosa nicht nur vom Pessimismus der Kritischen Theorie ab, sondern löst auch ihren Anspruch ein, die Welt durch kritische Einsicht veränderbar zu machen. Auch wenn man seiner 800 Seiten langen Analyse vorhalten kann, dass weniger manchmal mehr gewesen wäre – Hartmut Rosa ist ein brillanter Neuentwurf einer lebendigen Kritischen Theorie gelungen, die mit einer Kritik an den bestehenden Resonanzverhältnissen einen Weg aus der Entfremdung der modernen Gesellschaft aufzeigt.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
815 Seiten, 34,95 Euro  

Mehr zum Thema

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(Deutschlandradio Kultur, Interview, 05.03.2016)

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