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Rang I | Beitrag vom 31.03.2018

Harald Juhnkes Comeback aus dem JenseitsIn Berlin wird ein Toter auf die Bühne gebracht

Von Robin Droemer

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Harald Juhnke "in Echt" bei der Aufzeichnung seiner Gala "Typisch Juhnke" 1999. Mit ausholender Geste lädt der Showstar zur Aufzeichnung der Fernsehgala "Typisch Juhnke" in Hamburg ein.  (dpa / Oliver Soulas)
Harald Juhnke "in Echt" bei der Aufzeichnung seiner Gala "Typisch Juhnke" 1999. (dpa / Oliver Soulas)

Michael Jackson, Frank Zappa oder Elvis kehrten schon so auf die Bühne zurück - jetzt kommt Harald Juhnke. Er soll im Theater am Kurfürstendamm in Berlin auferstehen - nicht etwa als Zombie, sondern als Hologramm. Aber ist das Hologramm ein sinnvolles theatralisches Stilmittel?

Nacht in Westberlin. Am Eingang zum Theater am Kurfürstendamm kündigt ein gelbes Plakat von einem Wunder: Harald Juhnke soll wiederauferstehen. Doch Berlin scheint heute anderes im Kopf zu haben: Nur wenige sind gekommen, um "Der Entertainer" zu sehen. Ein Stück, das in den 50er-Jahren für Furore sorgte, und in dem Juhnke später selbst die Hauptrolle spielte. Diesmal ist es nur ein Gastauftritt, an der Seite von Peter Lohmeyer.

Lohmeyer: "Ich glaube, es hätte ihm gefallen. Der war ja so verschweißt mit dem Theater, der hat sich da auch verbrannt."

Ausgerechnet Harald Juhnke. Zu Lebzeiten so oft abgestürzt, dass man das Zählen schon aufgegeben hatte, gibt der große deutsche Entertainer nun sein ultimatives Comeback - aus dem Jenseits zurück auf die Bühne. Die Wiederauferstehung erfolgt digital: Nicht als Zombie, sondern als Hologramm.

Die ewige Wiederkunft

Neben Juhnke tritt unter anderem auch Anke Engelke als Hologramm auf. Engelke wurde dafür in einem speziellen Studio gefilmt, die Aufnahmen digital nachbearbeitet. Damit ist ihre Arbeit vorbei. Die nächsten 30 Vorstellungen wird ihr holographisches Double an der Seite von Peter Lohmeyer stehen.

Anke Engelke: "Während des Schauens ist mir erst bewusst geworden, dass der arme Mann immer in diese Lücken rein spielen muss. Und der wird hier Abend für Abend nicht viel entwickeln können. Beim Theater ist es normalerweise so, dass man von Vorstellung zu Vorstellung neue Sachen ausprobiert und dann sagt: Lass uns das doch lieber so spielen. Oder man bietet etwas an und schaut, wie der andere reagiert. Jetzt im Nachhinein tut es mir wahnsinnig leid, wie eng wir das Korsett geschnürt haben. Aber das liegt in der Natur der Sache, der Natur der Technik", sagt Anke Engelke nach der Premiere.

König Ludwig wieder auferstehen lassen

Es ist der erste Versuch, die sogenannte Eyeliner-Technologie im deutschen Sprechtheater zu etablieren. Techniker spannen dafür vor der Bühne eine vom Zuschauerraum nicht sichtbare Membran. Vom Boden werden die Bilder dann auf die Membran gespiegelt. Für die Zuschauer sieht es aus, als würde sich das Hologramm frei im Raum bewegen.

Michael Jackson, Frank Zappa oder Elvis kehrten so bereits auf die Bühne zurück. Und in Frankreich nutzte der Präsidentschaftsbewerber Jean-Luc Mélenchon die Technologie, um im Wahlkampf an mehrere Orten gleichzeitig zu sprechen. Nun hat diese Technik im Theater am Kurfürstendamm ihre Theater-Premiere gefeiert.

Dabei will man nicht nur in Berlin Tote auf die Bühne bringen. Auch das Festspielhaus Füssen ist an der Technik interessiert, um König Ludwig wiederauferstehen zu lassen. Aber ist das Hologramm tatsächlich ein sinnvolles theatralisches Stilmittel? Oder handelt es sich bloß um einen billigen Effekt?

Lambert Wiesing ist Philosophieprofessor in Jena und Spezialist für artifizielle Präsenz. Er sagt, wie sich eine Technik auf das Theater auswirkt, hängt immer davon ab, wie sie verwendet wird:

"Also: was wird damit gemacht? Möchte man damit Illusionseffekte steigern? Also in dem Theaterbesucher, dem Zuschauer, das Bewusstsein erzeugen, er würde die Sache selbst sehen? Oder aber möchte man damit die Qualität, die ein Theater als Theater auszeichnet, nämlich, dass der Zuschauer weiß, dass er im Theater ist, unterstreichen?"

Künstlerisch keine große Perpektive

Eine Trennlinie, die Wiesing aus Platons Kunstkritik herleitet. Platon hatte die Kunst dafür kritisiert, dass sie nichts darstelle, sondern nur imitieren würde. Egal wie technisch perfekt ein Künstler arbeiten mag – wenn er versucht, die Realität nachzustellen, wird die Qualität seines Werks doch nie an das Original heranreichen. Das Eyeliner-Hologramm tappt in eben diese Falle. Die Figuren sollen echt aussehen. Das perfekte Hologramm wäre die perfekte Illusion. Juhnke und Engelke sollen so aussehen, als stünden sie wirklich auf der Bühne.

Wiesing: "Illusionsbildung ist ein psychologisches Phänomen, was künstlerisch glaube ich nicht eine so große Perspektive bietet, weil die Kunst sich in der Regel doch an dem Widerstreit abarbeitet, an der Differenz von der Wirklichkeit und dem, was eben zu sehen ist, und deshalb für artifiziell präsent gehalten wird."

Das Theater stellt dar. Das müsse man reflektieren, wenn die Technik nicht zum bloßen Effekt verkommen soll. Das gilt nicht nur für Hologramme. Immersive Technologien und virtuelle Realitäten werden schon bald Teil unseres Alltags sein. Und werden auf lange Sicht auch Anwendung im Theater finden.

Wann aus digitaler Totenbeschwörung Kunst wird

In Dortmund möchte man sich deshalb schon jetzt intensiv mit den neuen Technologien auseinandersetzen. Alexander Kerlin ist einer der Köpfe hinter der für 2019 in Dortmund geplanten Akademie für Digitalität und darstellende Kunst. Ein Ort, an dem Theater und Technologie adäquat zusammengeführt werden sollen. Denn Technik werde oft deshalb zum Effekt, weil man sie nicht richtig versteht, sagt Alexander Kerlin:

"Auf jeden Fall muss Technologie wie ein Inhalt auf der Bühne stattfinden. Deswegen: Die Technik benutzen und sie kritisieren – das finde ich spannend. Harald Juhnke als Hologramm, das ist natürlich eher ein Effekt, der als Publikumsattraktion funktioniert. Da ist er wieder: Dead man walking."

Hologramm-Technik, die selbst zum Inhalt wird: Davon ist man am Kurfürstendamm noch weit entfernt. Hier sollen Illusionen geschaffen werden. Es sieht ganz so aus, als müsste man sich noch gedulden, bis aus digitaler Totenbeschwörung endlich Kunst wird.

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(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 12.01.2016)

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