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Länderreport | Beitrag vom 22.01.2018

Hannover geht gegen Obdachlosigkeit vorFlüchtlingsheime geöffnet für Wohnungslose

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Die Habseligkeiten eines Obdachlosen liegen  unter einer Eisenbahnunterführung am Hauptbahnhof in Hannover (Niedersachsen). (Hauke-Christian Dittrich / dpa)
Beim Versuch, Obdachlosen eine Winter-Unterkunft zu vermitteln, geht die Stadt Hannover nun ungewöhnliche Wege. (Hauke-Christian Dittrich / dpa)

In Hannover wie in allen Großstädten leben Hunderte Menschen auf der Straße. Manchmal wird die Rechnung aufgemacht, für Flüchtlinge gebe es Wohnungen, für Obdachlose nicht. Hannover bietet nun Obdachlosen Platz in Ex-Flüchtlingsheimen.

Der "Kompass" in Hannover: Gerade einmal 50 Quadratmeter misst der neue Rückzugsraum für Wohnungslose. Vor gut drei Monaten haben die Stadt und ihr Projektpartner, das Diakonische Werk, den "Kompass" im Gebäude der Spielbank eröffnet. Das Ambiente: schmucklos: Zwei weiß gemalerte Räume, so vollgestellt mit Tischen und insgesamt 40 Plastikstühlen, dass in den Laufwegen dazwischen kaum ein Durchkommen ist.

Die Habe in einer Plastiktüte

An diesem Abend sind alle Plätze belegt. Einige Besucher dösen in gebeugter Haltung. Andere versuchen, bei einem der lautstark ausgetragenen Brettspiele zur Ruhe zu kommen.

"Ich heiße Jaroslaw." 

Jaroslaw, Pole, Ende 50, geschieden, trägt ein müdes Lächeln im Gesicht. Seine Habe passt in eine Plastiktüte. Die eisigen Nächte überdauert er im Schlafsack auf der Straße. Um Geld zu verdienen, sammelt er Flaschen. Seit fünf Jahren geht das schon so. 

"Was soll ich sagen? Das ist sehr wichtiger Platz für Leute meiner Sorte, also, die sind wohnungslos oder arbeitslos auch. Die kommen hier. Wir tauschen Informationen: Wie man kann finden Arbeit, wie man kann Wohnung machen. Wir brauchen Kontakte!"

Frage nach Langfristigkonzept

Markus Harre begrüßt die Besucher mit Handschlag und Schulterklopfen. Der erfahrene Sozialarbeiter versteht sich als Türöffner, als Wegbegleiter. Die Sicherheit der Bürger ist ein weiterer Faktor im Kalkül.

Das zunächst bis Mai befristete Projekt soll die Trinkerszene im Bahnhofsviertel befrieden. Harre sagt, 30 Jahre Berufserfahrung hätten ihn bereichert – aber auch ernüchtert:

"Wir arbeiten jetzt erstmal in der Richtung, dass wir sagen, das ist gut angenommen, aufgrund dessen, dass der 'Kompass' immer voll ist. Aber dass da langfristig eine Idee hinter ist, von Seiten der Kommunalbehörden, spüre ich noch nicht ganz – außer, dass es natürlich sehr praktisch ist: Die sogenannte Trinkerszene ist schon mal etwas reduzierter und somit stört das auch nicht beim Einkaufsbummel!"

Jaroslaw sagt einfühlsam:

"Die Leute probieren helfen uns, aber nicht immer ist das möglich."

Erfahrung mit Flüchtlingen nutzen

Harre will auf etwas anderes hinaus: Er wünscht sich eine Hilfe, die zielgerichtet ist. Immerhin habe doch der Umgang mit der Flüchtlingskrise 2015 gezeigt, was eine Gesellschaft mit Gemeinsinn erreichen kann. Harre sagt:

"Was ich anderseits beobachte, dass unser Land die Möglichkeit und Ressourcen ja hat, mehrere Hunderttausend ad hoc zu begleiten, aufzunehmen. Da würde ich mir wünschen, dass diese Dynamik auch für die Wohnungslosen greifen würde. Die Hoffnung habe ich zwar noch nicht aufgegeben, aber die wird von Jahr zu Jahr dünner."

Zwar ist die Landeshauptstadt gesetzlich verpflichtet, Obdachlosen eine Zuflucht vor der Kälte zu bieten, doch die Zahl der Schlafplätze in den Winternotquartieren ist begrenzt – zumal auch wohnungslose, anerkannte Flüchtlinge einen Anspruch auf Unterkunft haben. 

Bürokratische Hürden

Juri Sladkov spricht als Muttersprachler fließend Russisch. Auch er ist Sozialarbeiter, übersetzt den wohnungslosen Osteuropäern das Amtsdeutsch bei deren Behördengängen.

Die bürokratischen Hürden, die es für einen reinen Schlafplatz zu nehmen gilt, sind hoch. Zu gastlich darf die Fürsorge nicht geraten, vermutet Sladkov – die schroffe Behandlung dient ganz offenkundig dazu, Unionsbürger aus Osteuropa vor weiterer Armutszuwanderung abzuschrecken. Sladkov sagt:

"Man bekommt eine Zuweisung immer nur auf bestimmte Zeit, drei, vier Tage. Und dann muss man theoretisch jedes Mal aufs Neue zum Wohnungsamt gehen, sich zeigen, um eine Verlängerung zu bekommen. Das ist in den letzten Tagen durchaus vorgekommen, dass die Leute vor der Unterkunft standen, aber aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oder fehlender Papiere dann einfach abgewiesen wurden."

Einstige Flüchtlingsheime geöffnet

Immerhin, nun öffnet die Stadt ein ehemaliges Hotel am Raschplatz und einen ehemaligen Möbelmarkt in Vahrenwald für Wohnungslose – beide Orte dienten zuvor als Wohnheime für Flüchtlinge.

Im Containerdorf auf dem Waterlooplatz sind bereits 70 Plätze für Menschen ohne Bleibe reserviert. Die zuletzt noch verbliebenen Flüchtlinge dort sollen mittelfristig ausziehen und auf andere Heime verteilt werden.

Hintergrund: Die Zahl der in Deutschland eingetroffenen Flüchtlinge ist im Vorjahr deutlich gesunken. In Niedersachsen wurden im vorigen Jahr rund 21.000 Zugereiste registriert, 2016 hatten die Landesbehörden noch knapp 86.000 Asyl-Erst- und Folgeanträge gezählt.

Jaroslaw profitiert von der Initiative der Stadt: Zumindest für diese eine Nacht ist er im Containerdorf einquartiert.

"Ich bin schon auf der Straße, über fünf Jahre ich habe gewohnt. Ich kenne, was ist regnet, ich kenne was ist kalt! Aber heute habe ich Glück! Natürlich besser schlafen in Container wie draußen!"

Neid auf Flüchtlinge

Jaroslaw freut sich – aber Silvia, alkoholkrank, seit bald zehn Jahren ohne Obdach, schimpft sofort los, als die Rede auf die Wohnheime kommt. 

"Da landen ja automatisch die Flüchtlinge hauptsächlich drin! Deswegen müssen wir Deutschen ja draußen schlafen. Deswegen regen wir uns ja jedes Mal deswegen auf. Die kriegen und wir nicht. Die lassen die 'Molukken' eher alles wie uns Deutschen! Da fühle ich mich auf gut Deutsch – darf ich das sagen? – verarscht!"

Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes kann diese Ressentiments unter Bedürftigen menschlich nachvollziehen – allerdings seien Flüchtlinge nun wahrlich die falschen Adressaten für Schuldzuweisungen, sagt er.

"Es gibt ein Asylbewerber-Leistungsgesetz, da gibt es klar definierte Ansprüche. Und natürlich mache ich es jetzt auch falsch, indem ich das vermische, aber die Situation haben wir, dass dann andere fragen: Für die habt ihr Wohnungen, für mich nicht? Fakt jetzt ist: Die Menschen schlafen draußen. Und wir brauchen mehr Unterkünfte. Und deshalb finde ich es richtig, dass auch Kapazitäten, die für Flüchtlinge zur Verfügung stehen, nicht ganz genutzt sind, dass man da dann auch Menschen anbietet hinzugehen."

Müller-Brandes koordiniert die soziale Arbeit der Landeskirche Hannover. Er begrüßt, dass sich Hannover nicht vor der Verantwortung drückt und im Winter Notquartiere für Obdachlose, gleich welcher Herkunft, bereithält. Dass die Menschen aber spätestens im Frühjahr wieder auf die Straße müssten, wo sie verwahrlosten, geißelt er als unmoralisch.

"Und deshalb, meine ich, ist es auch eine politische Frage. Wenn es politisch, vielleicht bewusst, nicht gelöst werden will, dann ist es trotzdem menschlich gefordert, dass wir für die Menschen da sind. Und das versuchen wir hier zusammen mit der Stadt."

Bewohnerzahl wächst, Wohnraum wird knapp

Scheidung, Jobverlust, Überschuldung, Alkohol, Drogen – die Ursachen, warum Menschen in die Wohnungslosigkeit abrutschen, sind so vielfältig wie komplex, gibt die sozialpolitische Sprecherin der Grünen Ratsfraktion, Katrin Langensiepen, zu bedenken. Das Hauptproblem sei jedoch struktureller Natur, sagt Langensiepen. 

"Ich denke, da ist man damals vor vielen Jahren noch davon ausgegangen, dass die Stadt schrumpft – und dem war nicht so. Jetzt steigt die Zahl der Bewohnerinnen in dieser Stadt, was ja auch super ist – aber man kommt dann mit bezahlbaren Wohnraum so schnell nicht hinterher."

Langensiepen begrüßt grundsätzlich die Nutzung freistehender Einrichtungen als Winterquartier für Bedürftige. Im Kampf gegen die Wohnungslosigkeit sei freilich noch mehr zu tun:

"In der kalten Jahreszeit brauchen die Menschen ein Obdach! Punkt. Es löst natürlich nachhaltig nicht das eigentliche Problem, dass die Menschen Wohnungen brauchen. Und wenn jemand lange auf der Straße gelebt hat oder einen anderen kulturellen Hintergrund mitbringt und erstmal nicht so gewohnt ist, wieder in seinen eigenen vier Wänden zu leben, brauchen wir nicht nur Wohnungen – sondern auch entsprechende Unterstützungen."

Bislang gibt es die Vorstellung, dass Obdachlose erst einen langwierigen Prozess über Notunterkünfte oder städtische Wohnheime beweisen müssen, dass sie selbständig leben können, bevor sie eine eigene Wohnung zugeteilt bekommen.

Mit ihrem Pilotprojekt "Niederschwelliges Wohnangebot für Wohnungslose" will die Ampelkoalition im Stadtrat dieses Prinzip umkehren. In den USA wird der Ansatz schon länger unter dem Stichwort "Housing first" praktiziert – in anderen deutschen Großstädten, darunter Berlin, Hamburg und Köln, wurden ebenfalls gute Erfahrungen damit gemacht.

Langensiepen sagt dazu:

"Du hast deine eigenen Vier Wände, du hast Privatsphäre endlich mal wieder – und du darfst erstmal wohnen. Und du wirst erstmal nicht von irgendwelchen Pflichten belagert. Das bedarf einer großen Toleranzschwelle dann, aber es funktioniert in den USA super. Das hätte ich auch gerne hier als eine Möglichkeit, die Leute wieder auf die Füße zu bekommen!"

Die Verwaltung soll gemeinsam mit der Region Hannover ein Konzept planen und im Laufe dieses Jahres vorlegen. Die Frage ist nur: Woher sollen in Hannover die Wohnungen für die obdachlosen Menschen herkommen? Zu den Klängen von Bob Marleys Reggea-Ballade "No Woman, No Cry" machen sich die Obdachlosen ans gemeinsame Stühlerücken und Reinemachen. Die Ruhepause im "Kompass" ist vorüber. 

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