Donnerstag, 24.05.2018
 

Buchkritik | Beitrag vom 05.05.2018

Hannes Bajohr: "Halbzeug"Das Digitale als großes Versprechen

Von André Hatting

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Hannes Bajohr: Halbzeug. Textverarbeitung. (Cover: Suhrkamp, Hintergrund: dpa, Combo: Dlf Kultur)
Hannes Bajohr: Halbzeug. Textverarbeitung. (Cover: Suhrkamp, Hintergrund: dpa, Combo: Dlf Kultur)

Alles ist Text, Bilder, Töne, Filme sind Text. In seinem Lyrikband "Halbzeug" wirbelt Hannes Bajohrs alles durcheinander: Ein originelles philosophisches Lese- und Hörabenteuer über die größte Revolution der letzten Jahrzehnte: die Digitalisierung.

Alle durchschnittlichen Gedichte ähneln einander. Jede herausragende Lyrik jedoch ist auf ihre besondere Weise herausragend. Hannes Bajohrs "Halbzeug" gehört dazu. Er greift nicht bloß thematisch, sondern auch methodisch die größte Revolution der letzten Jahrzehnte auf: die Digitalisierung. Deren gesellschaftsverändernde Wirkung können wir bislang nur erahnen, wie die ständig wiederkehrenden, merkwürdig hilflos anmutenden Diskussionen über Datenschutz, Cyberkriminalität oder Massenmanipulation durch soziale Medien zeigen.

Rückbesinnung auf Fluxuskünstler

Für Hannes Bajohr ist das Digitale vor allem ein "großes Versprechen: Alles ist Text, Bilder, Töne, Filme sind Text". Entsprechend ist digitale Literatur etwas, "in dem die Veränderung der Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt Darstellung findet." Sein Band "Halbzeug" versucht genau das.

In fünf Kapiteln werden Wahrnehmungsveränderungen durch den Einsatz von Computersoftware dargestellt. Dieser transmediale Ansatz geht auf Methoden amerikanischer Fluxuskünstler Ende der 1960er zurück. Der Titel "Halbzeug" heischt deswegen aber keine Bescheidenheit. Halbzeug meint in der Industrie vorgefertigte Rohmaterialformen, also in Bajohrs Fall Datenkorpora. Was man damit so alles machen kann, zeigt der Autor auf originelle Weise.

Der Algorithmus komponiert mit

Mit der Synonymsuche von Microsoft Word hat Bajohr deutschsprachige Schulbuchklassiker umgeschrieben. Hans Magnus Enzensbergers Gedicht "Ins Lesebuch" für die Oberstufe von 1957 wird zu "In den Reader für das Eleventum".

In einem anderen Kapitel lässt Bajohr verschiedene Texte - Bundestagsprotokolle, männliche Profile auf einem Datingportal, Ratgeberliteratur für Manager und so weiter - mit spezieller Software durchsuchen und bereitet das Ergebnis anschließend auf. Der Algorithmus komponiert mit, Facebook lässt grüßen. Die "Sämtlichen Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm hat Bajohr nach den häufigsten Viererverbindungen gescannt. Die Hitliste führt dabei – wenig überraschend - "es war einmal ein" an. Interessanterweise schafft es "es war einmal eine" dabei nur auf Platz 19.

Bajohr füttert Software mit einem Gomringer-Gedicht

Im originellsten Kapitel, "maschinensprache", komponieren die Programme medienübergreifend. Bajohr füttert zum Beispiel eine Audioschnittsoftware mit Eugen Gomringers berühmtem Gedicht "schweigen". Die Textdatei wird dabei vom Programm als Tondatei behandelt und entsprechend in Geräusche umgewandelt, nachzuhören auf einem im Buch angegebenen Link. Umgekehrt lässt er Vogelstimmenimitation des französischen Komponisten Robert Filliou von einer Spracherkennungssoftware auf Deutsch bearbeiten. Die Software übersetzt das Gepfeife mit "Ja auf auf auf auf auf Home."

Im Digitalen ist eben alles Text. Bajohr, der über Sprachtheorie promoviert wurde, präsentiert mit seinem Halbzeug ein philosophisches Lese- und Hörabenteuer, das sich wohltuend vom Allgemeinunverbindlichen abhebt.

Hannes Bajohr: Halbzeug. Textverarbeitung
Suhrkamp. Berlin 2018 
109 Seiten. 16 Euro
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