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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.02.2011

Hanebüchene Hirnforschung

Stephan Schleim: "Die Neurogesellschaft - Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert", Heise Verlag, Hannover 2010, 204 Seiten

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Gängige Praxis in Teilen der Hirnforschung: Laxe Kontrollversuche, sagt Schleim. (Stock.XCHNG / Miranda Knox)
Gängige Praxis in Teilen der Hirnforschung: Laxe Kontrollversuche, sagt Schleim. (Stock.XCHNG / Miranda Knox)

Der Psychologe und Philosoph Stephan Schleim fühlt der modernen Hirnforschung auf den Zahn. Studie um Studie nimmt Schleim unter die Lupe - aber statt wissenschaftlicher Sternstunden fördert er Hanebüchenes zutage.

Lachse reagieren auf den Anblick sozialer Situationen mit einer Aktivierung bestimmter Gehirnregionen. Das konnten US-Wissenschaftler mithilfe modernster Gehirnscanner zeigen. Das Forschungsergebnis hat nur einen Schönheitsfehler: Die unter den Scanner gelegten Lachse waren tot.

In seinem neuen Buch "Die Neurogesellschaft" fühlt der Psychologe und Philosoph Stephan Schleim der modernen Hirnforschung auf den Zahn - engagiert, informiert und detailfreudig. Am Anfang steht ein Zitat von Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung: "Verschaltungen legen uns fest. Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden". Es zeigt den weitreichenden Anspruch der Neurowissenschaft auf Moral, Rechtssystem und menschliches Selbstbild.

Welche experimentellen Daten stehen eigentlich dahinter? Was genau hat es auf sich, wenn Neurowissenschaftler behaupten, sie hätten Mitgefühl und Aggressionen, Lügen und die Illusion der Willensfreiheit im Gehirn zu fassen bekommen? Studie um Studie, Experiment um Experiment nimmt Stephan Schleim unter die Lupe - Versuchsanordnung, Probandenauswahl, Rohdaten, statistische Verfahren, Dateninterpretation. Viele bekannte Namen aus der Hirnforschung defilieren vorbei, von Joshua Greene über Benjamin Libet bis zu Marco Iacoboni.

Statt wissenschaftlicher Sternstunden fördert der Autor Hanebüchenes zutage: Da werden Forschungsarbeiten Hunderte von Malen zitiert, die niemals publiziert wurden - oder aber in Tageszeitungen abgedruckt, wie die berühmte erste Spiegelneuronen-Arbeit von Marcus Iacoboni, die in der New York Times erschien, unbehelligt von den gründlichen wissenschaftlichen Überprüfungen eines Fachmagazins. Andere Experimente konnten trotz intensiver Bemühungen nicht wiederholt werden und gelten dennoch als gesichertes Wissen. Rohdaten werden bei der Interpretation in ihr Gegenteil verkehrt. Und oft wird schlicht geschlampt. Das Beispiel der toten Lachse zeigt, was passieren kann, wenn das Daten-Hintergrundrauschen einer Versuchsreihe nicht durch strenge statistische Verfahren ausgelesen wird. Laxheit im Umgang mit Kontrollversuchen aber ist in Teilen der Hirnforschung gängige Praxis, wie der Autor an etlichen Beispielen zeigt.

Vor diesem Hintergrund wird es umso absurder, wenn Neurowissenschaftler den Einzug als Gutachter in Gerichtssäle vorantreiben oder sogar fordern, anstelle von Richtern zukünftig über Schuld oder Unschuld von Angeklagten zu entscheiden. Der Autor nennt aktuelle Beispiele und reflektiert ihre rechtlichen und philosophischen Implikationen.

All das ist nicht immer leicht zu lesen. Dennoch bemüht sich Stephan Schleim mit seinem angenehm unkomplizierten Stil, die Dinge nicht noch schwieriger zu machen. Am Ende seines Buches resümiert er forschungsfreundlich: Es gibt viele interessante und lohnende Aufgabengebiete für eine gewissenhafte Gehirnforschung. Dem Menschen aufgrund dünnster oder grob fehlinterpretierter Daten Willensfreiheit, Moralfähigkeit und Urteilsvermögen abzusprechen, gehört nicht dazu.

Besprochen von Susanne Billig

Stephan Schleim: Die Neurogesellschaft - Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert
Heise Verlag, Hannover 2010
204 Seiten, 18,90 Euro

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