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Studio 9 | Beitrag vom 12.09.2014

HandelSüßer Protest gegen Russland

Die polnischen Apfelbauern wehren sich gegen Embargo

Von Katrin Lechler

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Apfelernte in Polen (Katrin Lechler)
Hunderttausende Tonnen wären normalerweise nach Russland gegangen, jetzt sollen die Polen die Äpfel selbst vertilgen. (Katrin Lechler)

Seit fast sechs Wochen importiert Russland kein Obst mehr aus der EU. Unter dem Motto "Äpfel essen gegen Putin" werden polnische Konsumenten aufgefordert, den Überschuss selbst zu tilgen. Doch die Aktion ist umstritten.

"Jetzt esse ich viel mehr Äpfel, zum Frühstück und zum Mittag. Und in der Pause trinke ich Apfelsaft."

Andrzej Sarnowski hat sich einen seiner roten Äpfel gepflückt: Sorte Gala, klein, süß, gut zu lagern. Sie hängen dicht gedrängt an den jungen Apfelbäumchen – deren Äste gerade mal fingerdick sind und von Holzstäben und Schnüren gestützt werden müssen. In dieser Woche hat die Ernte begonnen, zehn Frauen und Männer greifen in die Äste und legen die Äpfel in große Latz-Taschen. Zwischen den Baumreihen steht ein kleiner Schlepper mit mehreren Anhängern.

"Wir pflücken die Äpfel und schütten sie in die Holzkisten. Dann kommen sie in die Kühlhalle und später in den Verkauf."

Was passiert mit den 600.000 Tonnen?

Diese Pflückerin schafft 1200 Kilogramm Äpfel pro Tag. Die meisten der Äpfel sind für den Export bestimmt – oder besser: waren. Denn noch ist unklar, was mit den vielen Äpfeln geschieht, die bisher von russischen Supermärkten und Großhändlern in Lastwagen abgeholt wurden. Landesweit immerhin über 600.000 Tonnen!

In den großen Kühlhallen von Obstbauer Sarnowski lagern noch immer Äpfel aus der letzten Ernte. Die riesigen Sortier-Pack- und Kühlmaschinen, Sarnowskis ganzer Stolz, bereiten ihm derzeit echte Bauchschmerzen.

"Wir haben zu viel investiert. Jetzt müssen wir das alles erstmal ernten. Vielleicht gibt es neue Absatzmärkte im Westen, in Skandinavien."

Der junge Obstbauer in dritter Generation hat mit Hilfe der EU Kredite für Maschinen, Lagerhalle und Düngemittel aufgenommen. Viel investiert.

15 Cent für einen Industrieapfel

50 Groschy, umgerechnet 12 Cent kostet derzeit ein Dessert-Apfel im Großhandel. Für so genannte Industrie-Äpfel, aus denen Saft, Wein oder Brotaufstrich hergestellt wird, bekommen die Bauern nur 15 Groschy, vier Cent zurzeit. Im vergangenen Jahr war es noch das Doppelte.

Apfelernte in Polen (Katrin Lechler)Apfelernte in Polen (Katrin Lechler)

Auch für Obstbauer Krzysztof Ruszczynski rechnet sich das nicht. Er sitzt vor dem Büro des Bürgermeisters von Sompolno, will mit ihm über Ausgleichszahlungen sprechen. Ruszczynski ist selbstkritisch gegenüber seiner Zunft, die durch die EU-Gelder unkontrolliert gewachsen ist:

"Subventionen sind Gelder, die den komplizierten Marktmechanismus durcheinanderbringen. Wenn das Geld für die Modernisierung der Produktion verwendet wird, ist das sehr gut: Maschinen, Sortieranlagen, Bewässerungsanlagen. Aber neue Plantagen sollte ein Obstbauer nur gründen, wenn er sicher ist, dass er einen Käufer hat. Und nicht nur, weil Geld da ist."

Der Obstbauer fürchtet, dass das viele Gerede um die Äpfel die Preise noch schneller fallen lässt. Wenig später springt er in seinen Jeep, fährt zurück auf die Plantage. In der Hauptsaison hat er kaum eine Minute Pause.

Selfies mit Äpfel auf Facebook

Das Apfel-Thema hat seit dem seit Anfang August geltenden russischen Embargo eine enorme Eigendynamik entwickelt. In städtischen Bussen wird in Werbespots aufgerufen, Äpfel zu essen. Selfies Apfel essender Polen machen auf Facebook und Twitter die Runde. All das hat auch die junge Filialleiterin eines Supermarktes in der Stadt Konin beobachtet. Seit Beginn des Embargos fragen die Kunden unentwegt nach der Herkunft der Produkte, erzählt sie.

"Die Leute zeigen sogar mit dem Finger auf Produkte, die im Geschäft stehen und die ich nicht einkaufen sollte, weil sie aus Russland kommen."

Zwei Studentinnen an der Kasse finden die ganzen Aktionen und Aufrufe zum fruchtigen Protest nicht wirklich durchdacht:

"Es gab zwei Wochen lang im Internet diese Aktion, dass wir mehr Äpfel essen sollen gegen Putin, aber es geht ja auch um Paprika und Milchpulver, das liegt alles in den Lagern. Es gibt wichtigere Produkte als Äpfel, die wir nicht nach Russland einführen dürfen!"

Der Verkauf im Supermarkt ist jedenfalls nicht durchs kollektiv verordnete Apfelessen in die Höhe geschossen, sagt die Leiterin. Und auch die Obsthändlerin, die ihre Ware unverpackt vor dem Laden feilbietet, kann nicht mit Verkaufsrekorden aufwarten.

"Das ist so ein Markt-Witz – 'Lass uns Äpfel gegen Putin essen.' Die, die sich schon immer im Supermarkt versorgt haben, denen ist das egal, ob das ein polnischer oder niederländischer Apfel ist."

Mehr zum Thema:

Russische Wirtschaftssanktionen - "Wir sind sehr nervös" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 14.08.2014)
Ukraine-Konflikt - "Sanktionen gegen Russland sind kontraproduktiv" (Deutschlandradio Kultur, Tacheles, 02.08.2014)

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