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Freitag, 15.12.2017

Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 01.06.2017

Günter M. ZieglerEin Mathematiker mit einer Mission

Günter M. Ziegler im Gespräch mit Ulrike Timm

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Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin (imago/Bernd Friedel)
Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin (imago/Bernd Friedel)

Der Mathematiker Günter M. Ziegler brennt für sein Fach - und will, dass das auch alle anderen tun. Ziegler schreibt deswegen Bücher, in denen er Mathematik "erzählt" und nicht "erklärt". Kann er uns Angst und Ehrfurcht vor den Zahlen nehmen? Ulrike Timm findet es heraus.

Für den Mathematiker Günter M. Ziegler gibt es viele wunderbare Zahlen. 42 und 91 sind seine Lieblingszahlen. Zahlen und Mathematik beeinflussen massiv unser tägliches Leben.

"Die ganze Mathematik, die in jedem Herzschrittmacher drinsteckt und die in der Steuerung von einem Auto drinhängt. Und zwar sowohl von denen, die autonom fahren, als auch von denen, die das nicht tun. Wir hängen da sehr davon ab, dass die Mathematik funktioniert."

Und seine Leidenschaft will der 54-Jährige auch anderen vermitteln. Ziegler schreibt deswegen Bücher, in denen er Mathematik "erzählt" und nicht "erklärt". Für diejenigen, die sich aus Angst und Ehrfurcht vor den Zahlen der Mathematik verschließen, hat er einen simplen Lösungsansatz.

"Eine wunderbare Herausforderung"

"Totalverweigerer müssen erstmal entspannen und zweitens sich ein bisschen dafür öffnen, dass Mathematik sehr viel mehr ist, als die eine oder andere Sache, die man in der Schule vielleicht irgendwann mal nicht gemocht hat; sondern das Mathematik ein ausgesprochen künstlerisches und kreatives Ding ist, das es uns andauernd umgibt, das es eine wunderbare Herausforderung ist, der man sich dann stellen kann oder nicht. All das ist Mathematik."

Schon als Schüler war der gebürtige Münchner ein Überflieger und brachte es bis zu einer Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade. Nach einer Blitzkarriere an der Universität, die ihn unter anderem an das renommierte US-amerikanische Massachusetts Institute of Technology führte, ist Günter M. Ziegler heute Professor an der Freien Universität Berlin. Die Mathematik heute ist eine ganz andere, als die zu Zeiten von Gottfried Wilhelm Leibniz…

"… der eben einfach auch glaubte, man kann alles berechnen, der ja auch glaubte, es wird dann eine Rechenmaschine geben, mit der man Gerichtsurteile fällen kann, die dann vollständig richtig sind. Ich glaube, dass würden wir heute als naiv sehen. Einfach deswegen, weil wir sehr viel mehr wissen und wissen, dass es Dinge gibt, die berechenbar sind, und Dinge gibt, die grundsätzlich nicht berechenbar sind, und Dinge, die zwar theoretisch berechenbar sind, aber praktisch nicht.

Und all das können wir heute unterscheiden, aber das ist Mathematik des zwanzigsten Jahrhunderts, dass wir eben auch eine präzise Formulierung davon haben, dass sich eine bestimmte Sache einfach nicht ausrechnen lässt."

Dürer als Mathematiker

Günther M. Zieglers Faszination gilt vor allem der sogenannten diskreten Mathematik.

"Diskrete Mathematik ist alles, was sich mit endlich vielen Sachen beschäftigt. Also, der Inhalt meines Geldbeutels ist im Prinzip diskrete Mathematik, weil da nur endlich viele Münzen drin sind und man damit auch nur endlich viele Beträge auszahlen kann. Es ist schade. Ich hätte da gerne sozusagen kontinuierlichen oder unendlichen Vorrat im Geldbeutel. Aber das gibt’s halt nicht."

Aber der Mathematiker begeistert sich nicht nur für Zahlentheorie, sondern auch für die Mathematik in der Kunst:

"Dürer ist der mathematischste der Renaissance-Künstler. Der war auch Mathematiker, und der hat ja auch das wunderbare Geometrie-Buch beschrieben – 1525, glaube ich –, die 'Unterweysung der Messung'. Das ist also Dürer als Mathematiker, der Euklid erklärt und Geometrie erklärt für die Künstler, für die Architekten.

Berühmt ist er unter anderem für den Hasen, aber berühmt ist er auch für seine Perspektive in den Kupferstichen. Abgesehen davon, wenn Sie sich den Hasen anschauen, dann müssen Sie einfach sehen, dass so wie heute, in heutiger Tricktechnik im Kino dann eben plötzlich Fell 'Monster Inc.' dargestellt werden kann. Da steckt so unendlich viel Mathematik drin, das, was Dürer damals als Künstler konnte, jetzt eben mathematisch ins Kino zu bringen."

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