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Interview | Beitrag vom 12.01.2018

Grundschule im internationalen VergleichIn Mathematik hat Portugal Deutschland überholt

Andreas Schleicher im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Schulkind steht nachdenklich vor einer an der Wand aufgehängten Zahlenreihe. (picture alliance / ZB / Thomas Eisenhuth)
Ein Schulkind steht nachdenklich vor einer an der Wand aufgehängten Zahlenreihe. (picture alliance / ZB / Thomas Eisenhuth)

Im Grundschulbereich ist international in den letzten Jahren viel passiert - in Deutschland habe die Reformdynamik jedoch abgenommen, sagt der Bildungsforscher Andreas Schleicher. Insgesamt läge bei den Grundschülern Deutschland im Mittelfeld.

Wo steht die deutsche Grundschule im internationalen Vergleich? "Sie liegt etwa im Mittelfeld, also bei den Naturwissenschaften im oberen Mittelfeld, bei Mathematik ist Deutschland ziemlich abgerutscht", sagt Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats Bildung der OECD. Sogar Länder wie Portugal hätten Deutschland bei den mathematischen Leistungen im Grundschulbereich inzwischen überholt.

Einen Grund für das eher mäßige Abschneiden Deutschlands sieht der Bildungsforscher zum einen darin, dass die Reformdynamik aus den ersten Jahren nach dem PISA-Schock wieder abgenommen habe. Hier seien in den letzten Jahren "leichte Rückschritte" zu verzeichnen.

Es fehlt an individuellen Fördermöglichkeiten

Es werde in Deutschland zu wenig in den Grundschulbereich investiert, so der OECD-Bildungsdirektor. "Zwar sind die Lehrer relativ gut bezahlt, aber bei unterdurchschnittlichen Investitionen führt das dann dazu, dass die Klassen größer sind und die Lernzeit geringer. Da sind die Rahmenbedingungen oft problematisch."

Nahaufnahme vom Kopf des grauhaarigen Schleicher mit Schnurrbart. Er hört der (nicht sichtbaren) Fragenstellerin aufmerksam zu. (Federico Gambarini / dpa)Bildungsforscher Andreas Schleicher beantwortet am 14.02.2014 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) die Fragen einer Journalistin. (Federico Gambarini / dpa)

Es fehle an individuellen Fördermöglichkeiten, "so wie wir sie in den leistungsstärksten Staaten sehen, wo Lehrer sehr viel mehr Zeit und Raum haben, sich gemeinsam auf neue Unterrichtskonzepte vorzubereiten", sagt Schleicher. Dort seien die Stundendeputate oft geringer und die Klassen dafür größer. Aber: "Es ist dort selbstverständlich, dass man sieht, dass verschiedene Schüler unterschiedlich lernen, und dass man auf diese Verschiedenheit der Schüler mit sehr differenzierten pädagogischen Strategien dann auch antwortet."

Hoher Anteil leistungsschwacher Schüler

Ein großes Problem ist in Deutschland nach wie vor der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Bildungsleistung. "Es ist ja nicht so, dass jetzt alle Schüler in Deutschland mittelmäßige Leistungen bringen", meint Schleicher. "Das Problem liegt ja vor allen Dingen darin, dass es einen großen Teil von Kindern gibt, die ganz schwache Leistungen haben. Gerade Kinder mit sozial ungünstigen Voraussetzungen schneiden in Deutschland besonders schlecht ab." Diese Dinge müsse man angehen, mahnt der Bildungsforscher.

Positive Beispiele, auf die man aus Deutschland schauen könne, seien etwa die Schweiz oder die Niederlande. Dort gebe es sehr viel Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten für Lehrer und Schulleiter.

Mit der Entwicklung der deutschen Grundschule haben wir uns in dieser Woche in mehreren Beiträgen befasst: Am Montag forderte der Lehrer und Publizist Michael Felten in seinem Politischen Feuilleton "Weg von der Selbstlernidylle". Dieser Position widersprach die Vorsitzende des Grundschulverbands, Maresi Lassek in unserem Interview "Das Lernen vollzieht sich bei den Kindern selbst". Und die Didaktik-Professorin Kornelia Möller forderte eine bessere Ausstattung der Schulen und mehr Fortbildung für Lehrer.

(uko)

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