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Sonntag, 17.12.2017

Weltzeit | Beitrag vom 09.10.2017

Grundeinkommen-Projekt in GlasgowEin ganzes Stadtviertel soll teilnehmen

Jamie Cooke im Gespräch mit Andre Zantow

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Blick auf die schottische Stadt Glasgow (picture-alliance/ dpa)
Blick auf die schottische Stadt Glasgow (picture-alliance/ dpa)

Die Schweizer stimmten 2016 in einem Referendum gegen das bedingungslose Grundeinkommen, die Finnen testen es derzeit mit Arbeitslosen und die schottische Arbeiterstadt Glasgow will bis 2019 ein eigenes Pilotmodell erarbeiten, nur welches?

Andre Zantow: Jamie Cooke ist der Leiter der schottischen Sektion der britischen Denkfabrik "Royal Society of Arts". Hier hat er schon mitgewirkt an einer Studie zur Machbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens für das ganze Vereinigte Königreich. Nun berät er die Stadtpolitiker von Glasgow, die an einem Pilotversuch arbeiten. Finnland testet schon, wann ist Glasgow soweit?

Jamie Cooke: Im nächsten Jahr wollen wir das Konzept für den Pilotversuchs entwerfen. Es gibt schon einige Versuche auf der Welt mit dem Grundeinkommen, aber wir wollen hier das bestmögliche Modell testen. Gut ein Jahr wird die Entwicklung des Pilotmodells wohl dauern, und dann ist es hoffentlich so robust und nützlich wie möglich.

Zantow: Und wann soll das Grundeinkommen in Glasgow wirklich ausgezahlt werden an die Testpersonen - eher 2020 oder eher 2025?

Jamie Cooke: Sicher früher als 2025. Aber es gibt Schwierigkeiten. Schottland hat nicht die volle Kontrolle über die sozialen Sicherungssysteme. Wir sind Teil des Vereinigten Königreiches. Und wenn wir unser Pilotmodell gefunden haben – im Jahr 2019 – wird der Brexit gerade auf dem Höhepunkt sein – wir werden wieder über Schottlands Unabhängigkeit sprechen, das sind alles politische Unsicherheiten. Aber ich hoffe wir werden den politischen Willen und die Finanzierung finden, um unser Modell zwei bis drei Jahre zu testen und dann zu bewerten.

Die britische Premierministerin Theresa May (r.) bei einem Treffen mit der schittischen Regierungschefin Nicola Sturgeon in Glasgow. (imago / I-Images)Die britische Premierministerin Theresa May (r.) bei einem Treffen mit der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon in Glasgow 2017. (imago / I-Images)

"Glasgow hat Hunger auf Innovationen"

Zantow: Und was wäre ein gutes Modell für Glasgow?

Jamie Cooke: Die schwerste Entscheidung, die wir treffen müssen, ist zu wählen zwischen zwei Optionen: Die Erste ist das Grundeinkommen nur auf eine Gruppe auszurichten. Das ist das, was sie in Finnland gemacht haben mit den Arbeitslosen. Hier in Glasgow – einer Stadt mit vielen Langzeitarbeitslosen, gab es Diskussionen, dass wir uns vor allem auf die Familien dieser Langzeitarbeitslosen konzentrieren. Was wir jetzt aber mehr voran treiben, ist die zweite Option - eine breitere Ausrichtung. Können wir z. B. eine ganze Nachbarschaft in der Stadt nehmen, damit wir viele unterschiedliche Testpersonen haben? Das ist natürlich komplexer, aber so gibt es mehr Ergebnisse und wir können bessere Rückschlüsse ziehen für ein Grundeinkommen in ganz Glasgow und in ganz Schottland.

Zantow: Warum haben Sie sich ausgerechnet Glasgow ausgesucht – etwa 600.000 Menschen leben in der schottischen Metropole – warum nicht eine kleinere Stadt?

Jamie Cooke: Glasgow boomt derzeit in vielen Bereichen. Erst gestern war ich bei der Verleihung einer Wirtschafts-Auszeichnung. Es passiert hier gerade wirklich viel, das sich aufregend anfühlt. Aber es gibt natürlich auch die sozialen Probleme – besonders in einigen Bezirken. Auch bei diesen Leuten gibt es einen Hunger auf Innovationen – auf Experimente – etwas anders zu machen, um diesen Bezirken zu helfen. Und das hat uns politische Spielräume gebracht, und eine öffentliche Begeisterung, um das voran zu treiben.

Jamie Cooke - Ende 30 - trägt eine Brille, kurze Haare und einen Anzug. (Jamie Cooke)Jamie Cooke von der Royal Society of Arts berät Glasgow beim Pilotprojekt Grundeinkommen. (Jamie Cooke)

Zantow: Wenn Sie ihren Pilotversuch 2019 in einem Stadtviertel von Glasgow starten – der Versuch läuft dann zwei bis drei Jahre – was wäre am Ende ein Erfolg?

Jamie Cooke: Für mich gibt es verschiedene Dinge, die wir sehen wollen. Zunächst einmal – soziale Sicherungssysteme basieren auf Sanktionen, und wenn die wegfallen, es keine Bedingungen mehr gibt für die Grundsicherung, hat das Auswirkungen auf unsere körperliche und geistige Gesundheit. Wie sich das verändert, würde ich gern untersuchen. Auch weil die Leute, dann leichter ihre Arbeit wechseln könnten. Vielleicht sehen wir auch, dass viele Testpersonen selbstständig werden und ihre eigenen Ideen verwirklichen wollen mit Hilfe des Sicherheitsnetzes. Vielleicht werden sie auch aktiv und gestalten ihre Nachbarschaft um.

"Den Menschen Autonomie zurück geben"

Zantow: Und was sagen Sie den Kritikern, die meinen, dass mit dem Grundeinkommen viele zuhause bleiben und nichts mehr tun?

Jamie Cooke: Ja, das ist faszinierend. Das deutsche Parlament hatte vor ein paar Jahren einen Bericht, der dem Grundeinkommen eine Absage erteilte, wegen der Angst, dass die Produktivität der Deutschen sinken würde. Was ich bezweifeln würde. Aber es gibt diese Argumente, dass die Leute faul werden und zuhaue bleiben. Für mich sind diese Kritiker selbst ziemlich faul.

Es gibt viele Studien, die zeigen, die einzigen, die weniger arbeiten würde, wären z. B. junge Leute, die sich dann mehr auf ihre Ausbildung konzentrieren würden, statt für sich oder ihre Familie zu arbeiten. Und es gibt Anzeichen, dass Frauen mit kleinen Kindern weniger arbeiten würden. Das könnten aber sehr positive Folgen sein, weil die Leute in der Lage sind, selbst zu entscheiden.

Und letztlich sprechen wir wirklich nur über eine Geldmenge, die Menschen am Leben hält und nichts mit Luxus zu tun hat.

Ich persönlich glaube, dass die Menschen einen Sinn in ihrem Leben haben wollen, sie möchten etwas bewegen. Und wenn sich nun unsere Arbeitswelt verändert – Arbeit weg fällt durch die Digitalisierung – oder der Niedriglohn-Sektor immer größer wird – dann haben die Menschen mit dem Grundeinkommen eine Wahl: Z. B. einen Tag weniger arbeiten, um sich mehr um ihre Nachbarschaft oder die Familie zu kümmern. Ich denke, es wird sehr interessant sein, zu sehen, wie es sich auswirkt, diese Autonomie den Menschen zurück zu geben, diese Freiheit – diese Wahlmöglichkeit.

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