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Montag, 20.11.2017

Im Gespräch | Beitrag vom 14.11.2017

Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele"Zwischenfragen – das hat mich jedes Mal Überwindung gekostet"

Moderation: Ulrike Timm

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Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen) sitzt am in Berlin in seinem Abgeordneten-Büro vor einem Regal mit Ordnern (picture alliance / Kay Nietfeld/dpa)
Hans-Christian Ströbele: "Die ganzen Kolleginnen und Kollegen um mich rum stöhnten schon auf, 'Ach der Ströbele schon wieder'." (picture alliance / Kay Nietfeld/dpa)

Er ist das Aushängeschild der Linksalternativen, viermal ist er als Direktkandidat in den Bundestag eingezogen. Nun ist aus dem passionierten Politiker Hans-Christian Ströbele ein pensionierter geworden. Eins werde ihm sicher fehlen, weiß er schon jetzt.

Von allen Abschieden, die der deutsche Bundestag für die neue Legislaturperiode zu verzeichnen hat, ist dieser wohl besonders einschneidend: Das "grüne Urgestein" Hans-Christian Ströbele, dem selbst Kritiker bescheinigen, sich im strengen Wind des Berliner Politikbetriebs immer treu geblieben zu sein, hat sich aus dem parlamentarischen Geschäft zurückgezogen.

Abschied von den Debatten fällt schwer

Auch ihm selber wird das schwer fallen, denn in den vielen Jahren als Abgeordneter des Bundestages habe er nur zweimal bei einer Sitzung gefehlt. Selbst als er schwer krank war, versuchte er keine Parlamentsdebatte zu verpassen und kam unverdrossen seiner Rolle des unbequemen Querdenkers nach.  

"Dieses alleine wider den Stachel löcken, das ist mir immer schwer gefallen. Auch im Bundestag übrigens."

Weil er immer nur "ganz, ganz wenig Redezeit" gehabt habe, zu vielen Themen überhaupt nicht habe reden dürfen, habe er eben die anderen Möglichkeiten genutzt.

"Zwischenfragen oder Zwischeninterventionen nennt sich das. Das hat mich jedes Mal Überwindung gekostet. Sie müssen sich vorstellen, die ganzen Kolleginnen und Kollegen um mich rum stöhnten schon auf, 'Ach der Ströbele schon wieder'. Und dann stehe ich auf und frage zu Afghanistan oder zu Griechenland-Rettungspaketen oder zu irgendeinem anderen wichtigen Thema."

Anwalt über den Prozess hinaus

Politisiert durch die Demonstration vom 2. Juni 1967 und den Tod Benno Ohnesorgs, war der heute 78-Jährige einer der Gründer des Sozialistischen Anwaltskollektivs in Berlin.

Als Rechtsanwalt verteidigte er später RAF-Mitglieder, wurde selbst zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Sein Engagement für seine Mandanten ging immer weit über deren Verteidigung hinaus.

"Ich habe es als meine Aufgabe angesehen, die Mandanten nicht nur juristisch zu verteidigen gegen den Strafvorwurf, dem sie ausgesetzt waren, sondern auch ihre Gesundheit, ihr Leben, ihre Gesundheit im Gefängnis zu erhalten. Die sah ich damals als bedroht an. Und deshalb habe ich vieles gemacht als Rechtsanwalt, als Strafverteidiger, was sicherlich nicht zu den normalen Aufgaben eines Verteidigers gehörte."

Der heute 78-Jährige gehörte außerdem der sozialen Bewegung der sechziger und siebziger Jahre an und ist einer der Mitbegründer der Grünen.

Gründung der Alternativen Liste

"Und Ende der siebziger Jahre haben wir uns zusammengesetzt in vielen deutschen Städten, auch in West-Berlin damals, und haben gesagt: wir müssen unsere politischen Auffassungen, wo wir immer mehr auf der Straße werden, nicht nur auf der Straße verkünden und dafür werben, sondern wir müssen die auch in die Parlamente tragen. Und deshalb haben wir nicht eine Partei, sondern eine Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz gegründet."

Ab 1998 saß er für die Grünen im Bundestag und es gelang ihm als einzigem Kandidaten seiner Partei, bei vier Bundestagswahlen hintereinander ein Direktmandat zu erringen.

"Die Leute mit Direktmandat im Bundestag, vor allem die, die es so mit heftiger Konkurrenz erkämpft haben, sind in einer besonderen Position. Wissen Sie, Joschka Fischer hat einmal gesagt im Bundestag, als es wieder um die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes ging: der Ströbele ist gewählt worden, weil er dagegen ist, der darf das, aber ihr seid mit mir gewählt worden – zu den anderen – ihr müsst dafür stimmen."

Platz 1 der Frager, Platz 2 in den Charts

Besonders stolz ist Ströbele auf den Erfolg seines Songs "Gebt das Hanf frei":

"Ich bin ja nicht nur der Abgeordnete, der die meisten Fragen im Bundestag gestellt hat, sondern auch der wahrscheinlich einzige, der auf Platz 2 in den Charts gelandet ist und auch erhebliche Tantiemen damals bekommen hat dafür, eben mit diesem Song 'Gebt das Hanf frei'. Und wenn ich heute mal U- oder S-Bahn fahre, vor allen Dingen nachts, dann sehen mich junge Leute und gucken mich an … irgendwie kennen wir den doch… und dann fangen sie plötzlich an 'Gebt das Hanf frei'."

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