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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2007

Ground Zero als Spiegel der Seele

Jay McInerney: "Das gute Leben", Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2007, 443 S.

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Blick auf Ground Zero in New York, sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September. (AP)
Blick auf Ground Zero in New York, sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September. (AP)

"Das gute Leben" ist kein typischer 9/11-Roman. Es geht um zwei New Yorker Paare, die beziehungsmüde sind. Weil sie helfen wollen, begegnen sich Luke und Corinne unmittelbar nach dem Einsturz der Zwillingstürme und beginnen eine Affäre. Am liebsten wollen sie aus der Ausnahmesituation nicht mehr in die Normalität zurück.

New York, im Spätsommer 2001. Zwei New Yorker Paare haben sich auseinandergelebt: Corrine Calloway, vormals erfolgreiche Anwältin, kümmert sich zu Hause um ihre Zwillinge und vermutet im Stillen, dass ihr Mann ein Verhältnis hat. Börsenmillionär Luke McGavock hat eine Auszeit genommen, weil er auf der Sinnsuche ist. Das High-Society-Leben seiner Frau Sasha möchte er nicht länger mitmachen. Er lebt in den Tag hinein und kümmert sich nur noch um seine Geldanlagen. Mit Schrecken hat er festgestellt, dass seine Tochter ganz in die Fußstapfen der Mutter tritt.

Alltägliches bestimmt das Leben der Romanfiguren. Aus den Fugen gerät es durch den Terroranschlag des 11. September. Luke war eigentlich mit einem Freund zum Brunch verabredet und hatte sich verspätet. Als er nach dem Einsturz der Zwillingstürme in seiner unmittelbaren Nähe noch ganz paralysiert ist, trifft er auf Corrine, die sich spontan einer Hilfsorganisation angeschlossen hat, welche die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Nationalgarde mit Verpflegung versorgt. Corrine reicht Luke ein Glas Wasser.

Auch Luke will helfen und sieht Corrine nun fast täglich. Beide vertrauen einander ihre Gefühle und Geheimnisse an und beginnen eine Affäre. Aber Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens können auch sie sich nicht geben, und so ist ihr Verhältnis nicht von Dauer.

"Das gute Leben" ist kein typischer 9/11-Roman. Denn McInerneys Buch hat nicht in erster Linie mit dem Terroranschlag selbst zu tun, sondern nutzt Ground Zero lediglich als Ort der Extreme. Als einen Ort in New York, wo Menschen mehr als nur oberflächlichen Smalltalk miteinander führen können, weil sie im Innersten erschüttert sind. Die Erschütterung der Protagonisten hat aber weniger mit dem Terroranschlag zu tun als sie zunächst meinen. Sie sind in ihrem Alltag und in ihren Ehen müde geworden, ihre Gefühle sind abgestumpft, ihre Partnerschaften sind bestenfalls funktionierende Teams. Zum großen Ehekrach samt Ausbruch aus ihren Leben sind sie gar nicht mehr fähig. Der Terroranschlag reißt sie für eine Weile aus dem Einerlei, kann sie aber nicht auf Dauer wachrütteln. Im Gegenteil: Die Organisation, für die Corrine und Luke nach dem Anschlag arbeiten, erstrebt ja gerade eine rasche Rückkehr in die Normalität. Die Helfer sind wahre Helden, denn sie lassen sich nicht einschüchtern sondern versuchen, so schnell wie möglich das Geschehene zu überwinden. Corrine und Luke wollen allerdings gar nicht in die Normalität zurück – das ist das Problem der beiden Protagonisten.

Die eigentliche Aussage des Romans lautet: Ein gutes Leben kann nur führen, wer das Gute zu schätzen weiß. Luke und Corrine sind vom Status her zwei New Yorker, die sich zu ihrem Glück lediglich bekennen müssten. Ihre Probleme sind eher Luxussorgen. Beide sind sogar in der Lage, diesen Zustand zu erkennen, aber sie schaffen es nicht, eine dauerhafte Änderung herbeizuführen. Der 11. September 2001 gibt ihnen allenfalls eine kleine Auszeit von ihren persönlichen Problemen.

Während Don DeLillo in seinem Roman "Falling Man" mit einer fast minutiösen Schilderung des Ablaufs der Katastrophe vermutlich das ergreifendste Buch über den 11. September geschrieben hat, haben auch Frederic Beigbeder mit "Windows oft he world" und John Updike mit "Terrorist" das Attentat selbst in den Fokus gestellt. Die genannten Autoren waren auf der Suche nach Einzel- oder Massenschicksalen, nach Erklärungen für das, was in den Terroristen-Hirnen vorging oder nach Beschreibungen für die technische Bewältigung der Katastrophe im Zentrum einer Großstadt.

Jay McInerneys Buch verlässt dieses Terrain. Der Anschlag bringt zwei Menschen zusammen, die sich sonst nicht kennengelernt hätten. Ansonsten ist der Anschlag austauschbar mit anderen Situationen. Die beiden hätten auch einen Schiffsuntergang überleben können oder einen Autounfall – etwas, das sie zwar erschüttert aber nicht aus den Kümmernissen ihrer persönlichen Probleme herausgerissen hätte. Mit McInerney hält allmählich der New Yorker Alltag Einzug in einen Roman, der nach dem 11. September 2001 in Manhattan spielt.

Rezensiert von Roland Krüger

Jay McInerney: "Das gute Leben"
aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke
443 Seiten, 22,90 €
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2007

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