Seit 11:35 Uhr Klassik
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:35 Uhr Klassik
 
 

Interview | Beitrag vom 12.09.2017

Gregor Gysi über Heiner Geißler"Der spätere Geißler war mir viel lieber als der frühere"

Gregor Gysi im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der PDS-Politiker Gregor Gysi (r.), Spitzenkandidat seiner Partei für den vorgezogenen Bundestagswahlkampf, unterhält sich am 03.06.2005 am Rande der mdr-Talksendung "Riverboat" in Leipzig mit dem langjährigen früheren CDU-Generalsekretär Heiner Geißler (l.), der als streitbarer, integrer Meinungsmacher über die Parteigrenzen hinweg geschätzt ist. (dpa / picture alliance /Thomas Schulze)
Ein seltenes gemeinsames Bild: Heiner Geißler im Jahr 2005 im Gespräch mit Gregor Gysi (dpa / picture alliance /Thomas Schulze)

Zehn Jahre saßen Heiner Geißler und Gregor Gysi zusammen im Bundestag. Nach seinem Tod würdigt Gregor Gysi den langjährigen politischen Weggefährten aus der CDU und erzählt, was er an ihm über die Parteigrenzen hinweg schätzte.

Von 1990 bis 2000 saßen Heiner Geißler (CDU) und Gregor Gysi (Die Linke) zusammen im Bundestag. Geißler fühlte sich der sozialen Frage verpflichtet, meint Gysi:

"Ich habe mal mit ihm darüber gesprochen, dass er ja früher so ganz anders war als zu späterer Zeit. Das bestritt er aber und sagte, er hätte schon immer ähnliche soziale Auffassungen gehabt - vielleicht hätte er sich aber ein bisschen derber ausgedrückt."

Die soziale Frage sei die Kernfrage zwischen Links und Rechts, sagt Gysi, doch Geißler habe auch durchaus etwas "Linkes" an sich gehabt. Auch wenn Geißler das nicht so gesehen hat, Gysi ist der Meinung, dass er sich sehr gewandelt hatte:

"Wenn ich den Ton ändere, wenn ich nicht mehr angreife, sondern vermittle und plötzlich mein Verständnis für andere Bevölkerungsgruppen viel größer wird als in der Zeit, in der es um Machtfragen geht, dann zeigt das auch einen veränderten Charakter. Der spätere Geißler war mir sehr viel lieber als der frühere!"

Doch in Die Linke hätte er deshalb nicht gleich gepasst, gibt Gysi zu. "In meine Partei zu passen ist immer schwierig", sagt er und lacht.

"Aber den Respekt hätte er sich schon erarbeitet!" 

Auch als Konservativer linke Positionen vertreten

"Wenn man das Christentum als Nächstenliebe versteht, wenn man darunter auch versteht, mit seinen Feinden respektvoll umzugehen, wenn man weiß, dass niemand in Armut leben darf, dann sind das durchaus auch linke Positionen. Ob jemand aus weltanschaulichen Gründen, aus religiösen oder aus anderen Motiven für soziale Gerechtigkeit eintritt, ist mir egal!"

Man könne auch als Konservativer durchaus linke Positionen vertreten - aber man müsse es nicht, das sehe man ja auch oft. 

An Helmut Kohl schätzte Gysi sein Eintreten für die europäische Integration, doch diese Nähe missfiel Geißler: "Das mochte er damals nicht so sehr", denn Geißler und Kohl hatten ein recht schwieriges Verhältnis zueinander:

"Manchmal steht man einem Konservativen näher als zwei Konservative untereinander."

Gregor Gysi würdigte auch Geißlers Verdienst für seine Partei. "In gewisser Weise war er ein Modernisierer", sagt er. "Aber zum Teil auch ein gescheiterter", schränkt er ein. "Vieles, was er zum Schluss vorschlug, hat die CDU nicht angenommen."

Aber er habe die CDU verändert und geprägt.

"Und zum Schluss war er ausgesprochen - ja das muss ich sagen - klug und auch weise!"

Mehr zum Thema

Nachruf auf Heiner Geißler - "Ich habe Loyalität nie mit Gehorsam verwechselt"
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 12.09.2017)

Zum Tod von Heiner Geißler - Querdenker und Schlichter
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 12.09.2017)

Heiner Geißler - "Der Gott der christlichen Theologie kann es auf keinen Fall sein"
(Deutschlandfunk Kultur, Religionen, 12.03.2017)

Interview

Digitale Profile"Wir orten uns selbst"
Gesichter werden verdeckt von Puzzleteilen. (imago/Ikon Images/ Klaus Meinhardt)

Fast jeder hat heute ein "Profil" – und manche vermutlich sogar sehr viele, je nachdem wie eifrig sie sich im Netz herumtreiben. Was früher der kriminalistischen Personen-Erfassung diente, nutzen wir heute freiwillig, sagt der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur