Seit 15:30 Uhr Tonart
 

Dienstag, 16.01.2018

Kommentar / Archiv | Beitrag vom 30.08.2008

Great oder Sad Game?

Warum uns die Georgier so nahe und die Tschetschenen so fern sind

Von Isabella Kolar

Podcast abonnieren
Russische Panzer in der südossetischen Hauptstadt Tschinvali (AP)
Russische Panzer in der südossetischen Hauptstadt Tschinvali (AP)

Die westliche Welt blickt konfus gen Osten. Urängste werden wach, Russland hat einmal mehr seine gierige Hand ausgestreckt. Von wegen hoffnungsvolle Entspannung mit einem neuen russischen Präsidenten Medwedjew.

Im dunkelblauen Zweireiher wirft er am Dienstag dem georgischen Präsidenten Saakaschwili versuchten Völkermord vor, anerkennt zwei Absätze später die Unabhängigkeit der georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien und jeder weiß, dass es sich dabei um eine Unabhängigkeit unter russischer Knute handeln wird. Heute Georgien, morgen die Krim, die Ukraine, Moldawien, das Baltikum und übermorgen? ... raunen selbsternannte Osteuropa-Experten in Gazetten jeglicher Couleur. Ernsthafte Krise, ein Konflikt außer Kontrolle, Destabilisierung Europas, Spaltung der Welt, ja ein neuer Kalter Krieg gar lauten die Schlagworte dazu: "Absolut inakzeptabel" urteilt Bundeskanzlerin Merkel, sofort "rückgängig machen" fordert die NATO.

Überraschend, wie viel Interesse der EU- und US-Politiker und -Bürger plötzlich für die beiden autonomen georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien aufbringt, da verblasst ja selbst das Kosovo. Hätte er doch die Reihe "Ossetien"/"Abchasien" noch vor zwei Monaten in jedem Kreuzworträtsel ahnungslos mit "Geranien" auf "Balkonien" komplettiert. Schöne bunte Blumen, gerade im Sommer. Und Tschetschenien? Liegt auch im Kaukasus, grenzt nördlich an Georgien, stimmt da war doch was, ein lange vergessener Krieg, über 100.000 tote Menschen. Hier bekommt der Ausdruck "Völkermord" erst einen richtigen Sinn. Was die Russen seit 1991 in Tschetschenien trieben, Massenmord, Entführung, Vergewaltigung, hat den Westen nur auszugsweise bis gar nicht interessiert, war und ist bis heute einer kleinen engagierten Menschenrechtsgemeinde vorbehalten.

Und warum nun dieses kollektive westliche Interesse für das benachbarte Georgien? Der gute Rotwein? Die warmherzigen Menschen? Die schönen kaukasischen Berge? Nein, es geht um das alte "Great Game" – das Große Spiel – so nannten Historiker den Kampf zwischen den Kolonialmächten Russland und Großbritannien im 19. Jahrhundert um den Einfluss in Zentralasien. Damals stritt man um die Beherrschung von Territorien, heute geht es vor allem um die Ausbeutung von Rohstoffen, die Amerikaner ersetzten die Briten. Georgiens geographische Lage weckt Begehrlichkeiten in Washington, Westeuropa und Moskau. Deshalb erfährt das vergleichsweise arme, abgelegene Fünf-Millionen-Land so viel internationale Zuwendung. 1997 deklarierte die damalige US-Außenministerin Albright ganz Transkaukasien zur "geostrategischen Interessenzone der USA". Wer Georgien beherrscht, kontrolliert den südlichen Kaukasus und die Länder Zentralasiens.

Wichtigster Faktor heute wie damals ist das Öl. Zwar hat Georgien selbst keine Vorkommen, doch führen Öl- und Gas-Pipelines vom Kaspischen Meer bis zum Mittelmeer durch das Land, wie das vier Milliarden Dollar Jahrhundertmonstrum Baku-Tiflis-Ceyhan. Dass diese Pipeline jetzt in die Hände Russlands fallen könnte, ist für die US-Regierung ein Alptraum. Die Ölvorkommen im Kaspischen Meer – mit geschätzten 40 Milliarden Barrell die drittgrößten der Welt – sind aus westlicher Sicht von überragender strategischer Bedeutung, weil sie weder von den unberechenbaren OPEC-Staaten noch von Russland kontrolliert werden. Diese Interessenlage erklärt das große internationale Mitgefühl mit den Georgiern und ihrem autoritären Präsidenten Saakaschwili.

Tschetscheniens Ölvorräte dagegen sind bescheiden, wichtige Pipelines wurden dort aufgrund der explosiven Lage erst gar nicht gebaut. Und dennoch: Kaukasier aller Länder, vereinigt euch! Wenn die Südosseten und Abchasen jetzt über ihre einseitig anerkannte Unabhängigkeit jubeln, dann sollte der Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zur Georgien-Krise am Montag Russland beim Wort nehmen: Fragt jetzt gefälligst auch die Tschetschenen, Dagestaner und Inguschen, was sie wollen! Lasst sie doch abstimmen! Es lebe das Selbstbestimmungsrecht der Völker! Der russische Riesenbär würde sofort schrumpfen auf das harmlose Niveau eines kleinen Knut. Nein, das wird natürlich nicht geschehen. Deeskalieren heißt die Devise von Bundesaußenminister Steinmeier, zu Deutsch den Ball flach halten. Und die Tschetschenen, die gehen uns schon gar nichts an. Sie nehmen nicht teil am "Great Game", sondern nur am "Sad Game". Schon wieder Pech gehabt.

Kommentar

Proteste im IranAbsage an den Gottesstaat
Iranische Studenten liefern sich Auseinandersetzungen mit der Polizei am 30. Dezember in Teheran (AFP / STR)

Trotz Verhaftungen demonstrieren im Iran weiterhin tausende Menschen gegen das islamische Regime. Die Proteste haben auch einen Machtkampf zwischen Reformern um Präsident Rohani und Hardlinern um den Revolutionsführer Khamenei ans Tageslicht gebracht, erklärt der Journalist Kamran Safiarian.Mehr

Orbán und die CSUSchulterschluss mit dem Star der ganz Rechten
CSU-Parteichef Horst Seehofer (l-r), der Ministerpräsident von Ungarn, Viktor Orbán, und Landesgruppenchef Alexander Dobrindt befinden sich am 05.01.2018 in Seeon (Bayern), im Kloster Seeon bei der Winterklausur der CSU-Landesgruppe.  (picture-alliance / dpa / Andreas Gebert)

Der Ministerpräsident von Ungarn ist zu Gast bei der CSU-Winterklausur. Und Viktor Orbán einzuladen, heiße in der konservativen Zeichensprache, Angela Merkel den Mittelfinger zeigen, kommentiert Stephan Ozsváth. Seehofer und Dobrindt profilierten sich auf Kosten der Kanzlerin.Mehr

weitere Beiträge

Politisches Feuilleton

Proteste in IranDer "Persische Frühling" ist noch nicht da
Polizei und Demonstranten bei Protesten in Teheran (MEK-Netz im Iran / dpa)

Arbeitslosigkeit, steigende Preise und Inflation – immer breiter werden die Proteste im Iran gegen Ungleichbehandlung. Doch wie groß ist die regimekritische Wucht? Und wie soll der Westen darauf reagieren? Der Journalist Martin Gerner rät der deutschen Politik, Farbe zu bekennen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur