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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 12.05.2017

Granada-Edikt vor 525 JahrenDie Vertreibung der spanischen Juden

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Blick auf die Alhambra vom Aussichtspunkt Plaza San Nicolas mit der Sierra Nevada im Hintergrund. (picture alliance / Richard Linke)
Blick auf die Alhambra in Granada (picture alliance / Richard Linke)

Die Vertreibung aus ihrer Heimat war für die "Sephardim", die spanischen Juden, ein Trauma. Schuld war das Alhambra-Edikt, auch als Granada-Edicto bekannt. Wir erinnern an den Erlass von 1492 - und an seine Folgen.

Es ist ein riesiger Eisenring mit einer Anzahl klirrender Schlüssel daran. In einer feierlichen Zeremonie wird er dem düster blickenden Paar in den kostbaren, perlenbesetzten Gewändern überreicht.

An diesem 2. Januar im Jahr des Herrn 1492 übergibt Mohammed XI. Boabdil, der letzte maurische Herrscher Granadas den katholischen Königen Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien die Schlüssel der Stadt als Eingeständnis einer Niederlage: nach der Eroberung Granadas durch die Spanier hat Boabdil sich geschlagen gegeben und den Rückzug angetreten.

Fast 800 Jahre lang hatte die grüne Fahne des Propheten südlich der Pyrenäen geweht, hatte das Experiment des "Al Andalus" - das Miteinander der drei monotheistischen Religionen - Bestand gehabt:

Peter Dressendörfer: "Man könnte es umschreiben als den einmaligen bis - in Anführungszeichen - idyllischen Charakter einer Herrschaftsepoche Europas, wie es sie in dieser Form in keinem anderen Gebiet gegeben hat…"

Der Hispanist und Islamwissenschaftler Peter Dressendörfer:

"Das ist eine historische Ausnahme: nämlich das mehr oder weniger friedliche Zusammenleben der drei großen mittelmeerischen Religionen Judentum, Christentum, Islam unter islamischer Herrschaft."

Die Schlüsselübergabe von Granada beendet dieses Zusammenleben, die oft gerühmte "Convivencia". Doch sie markiert nicht nur den Niedergang einer Epoche, den Untergang einer Kulturlandschaft, sondern sie besiegelt auch das Ende der "Sephardim", der spanischen Juden.

Ina Beitschat: "Unter 'Sfardim' versteht man im eigentlichen Sinne ja die Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden und sich dann in den Ländern rund ums Mittelmeer angesiedelt haben und vor allen Dingen in die Türkei, nach Nordafrika und auf den Balkan gegangen sind…"

Die Schriftstellerin Ina Beitschat, selber Nachfahrin von "Sephardim":

"Und haben dort 500 Jahre lang ihre Bräuche, ihre Sprache - das mittelalterliche Spanisch - beibehalten; haben sich also nicht mit den Juden in den Gastländern, die ja dort auch ansässig waren, vermischt."

Nach dem blutigen Chaos der zusammengebrochenen Westgotenherrschaft kommt im 8. Jahrhundert eine arabische Bestzungsmacht auf die Iberische Halbinsel, die nicht nur Ordnung und Strukturen schafft, sondern eine Hochkultur ins Leben ruft, die im Europa des Mittelalters ihresgleichen sucht. Unter ihren Händen blüht das Land auf.

Beeinflusst von der Gedankenwelt des Aristoteles

Vor allem die von den Westgoten geknechteten und unterdrückten Juden begrüßen die neuen Herren im Land. Sie finden in der islamischen Zivilisation des maurischen Spanien eine Heimat. Unter muslimischer Herrschaft zahlen sie zwar - wie die Christen auch - eine Kopfsteuer, können aber ihren Glauben, frei von den sonst in Europa üblichen Beschränkungen leben.

Peter Dressendörfer: "Alle großen Städte Spaniens …hatten ihre jüdischen Viertel, die man nicht als Ghetto bezeichnen kann… es waren Viertel, in denen die Juden aus Gründen ihrer Gemeindebildung zusammenlebten… Die Juden galten dem jeweiligen Gouverneur genauso viel wie andere solange sie ihre Kopfsteuer bezahlten… ansonsten war man für ihre Dienste sehr dankbar. Juden waren sehr stark vertreten in einigen Teilen des Handwerks… und zweitens hatten sie eine eigene Tradition auf zwei Gebieten: im Fernhandel und in der Medizin, die alte medizinische Tradition des Mittelmeers…"

Jüdische Wissenschaftler, Dichter und Philosophen beginnen erstmals in ihrer Geschichte arabisch zu schreiben. Jüdische Ärzte, Kaufleute, Diplomaten und Dolmetscher - weitgereist, sprachbegabt und weltgewandt - genießen hohes Ansehen. Berühmte Gelehrte sorgen dafür, dass es für einen kurzen Augenblick in der Geschichte zu einer nie wieder erreichten Synthese orientalischen und antiken Geistes kommt. In der dünnen Luft dieser spannungsgeladenen Zivilisation berühren sich Kulturen und Konfessionen, und diese Berührung trägt reiche Früchte.

Der berühmteste Gelehrte dieser Zeit ist Moses Ben-Maimon, genannt Maimonides - der bedeutendste jüdische Denker des Mittelalters. Von der Gedankenwelt des Aristoteles beeinflusst, hebt er die grundsätzliche Übereinstimmung von Vernunft und Glauben hervor und strebt danach, den Menschen von Aberglauben und Irrationalismus zu befreien:

"Er schrieb nicht etwa hebräisch, er schrieb Arabisch... Er kannte die großen arabischen Autoren und er kannte auch seine eigene jüdische Tradition… Er ist ein Reformator, er plädiert für eine Liberalisierung der jüdischen Religionsphilosophie, er plädiert für ein Amalgam mit der griechisch-islamischen Tradition ohne die Essenz des jüdischen Glaubens, also den Bund mit Jahwe, aufzugeben. Er wird nie zum Häretiker, aber er klärt in seinen Schriften eine Unzahl von Einzelfragen, die von den Rabbinen seiner Zeit ganz anders beantwortet sind. Er ist der klassische Antifanatiker... Beispiel einer religiös-kulturellen Durchdringung, die etwas ganz Kostbares im Mittelalter darstellt."

Die Erinnerung an dieses Zeitalter der "Goldenen Diaspora" in Spanien wird die Juden jahrhundertelang begleiten. Noch bis in die Neuzeit werden Synagogen in Europa oftmals im "maurischen Stil" erbaut und dekoriert.

Doch nun, nach dem Sieg der katholischen Könige Ferdinands und Isabellas in Granada und der Rückeroberung Spaniens ist diese Blütezeit Geschichte. Zunächst werden Tausende von Muslimen - vor allem die intellektuelle Elite - vertrieben. Dann, in den Frühjahrstagen 1492 nimmt das Schicksal der Juden seinen Lauf:

"Und so beschließen wir, alle Juden aus unseren Reichen zu verbannen, damit sie niemals zurückkehren. Wir gebieten, dass alle Juden bis Ende des Monats Juli mit ihren Söhnen, Töchter und ihrer Dienerschaft das Land verlassen müssen. Gegeben in der Stadt Granada am 31. März im Jahr des Herrn 1492. Ich, der König, ich die Königin…"

Heißt es in der offiziellen Ausweisungsurkunde, die als "Edikt von Granada" in die Geschichte eingeht. Dieses Dokument und seine Folgen lösen in der jüdischen Gemeinschaft ein Trauma aus, das noch Jahrhunderte nachwirken wird.

Und für Spanien bedeutet es Verarmung, Rückständigkeit und Inquisition.

Sie kennen die spaniolischen Lieder nicht mehr

Der spanische Theologe Enrique Miret Magdalena:

"Unsere größte Katastrophe geschah, als die Könige ihre mittelalterliche Bezeichnung 'Könige der drei Religionen' in 'Katholische Könige' änderten…"

Die Juden haben nur die Wahl zwischen Vertreibung und Taufe. Die meisten - rund 150 000 von ihnen - wählen das Exil. Und so fliehen sie, nach einem Dichterwort "auf sandverwehten Wegen" und bewahren sich doch - wo immer sie auch Zuflucht finden - die Treue zu ihrer alten Heimat im maurischen Spanien:

Zitator: "Ihre Melancholie nahmen sie mit und den Stolz, spanische Juden zu sein…"

Aber auch ihre Sprache, das Ladino und ihre Lieder nehmen sie mit: nach Marseille, Tanger und Algier, nach Smyrna, Istanbul und - nach Saloniki, das zum "kleinen Jerusalem", zum Zentrum des sephardischen Judentums wird.

In Erinnerung an ihre spanische Heimat nennen sie sich bis heute "Sephardim". Doch bis ihnen Gerechtigkeit für erlittenes Leid widerfährt soll es noch lange dauern - bis zum 1. April des Jahres 1992:

König Juan Carlos von Spanien: "Kein Exil darf es mehr geben… Wir müssen in der Lage sein, ein blühendes Spanien aufzubauen, das mit sich in Frieden lebt auf der Basis der Eintracht und des gegenseitigen Respekts…"

An diesem Tag erklärt der spanische König Juan Carlos in Toledo das Edikt von Granada feierlich für null und nichtig. Er tut das im Beisein hoher jüdischer

Würdenträger und des israelischen Präsidenten Chaim Herzog: "Nuestra memoria collectiva…. In unserem kollektive Gedächtnis erinnern wir uns nicht nur an das Spanien der Inquisition, sondern auch an ein Spanien, wo jahrhundertelang eine großartige jüdische Kultur blühte. Sie schuf fundamentale Werke der Theologie, der Philosophie und der Literatur…"

2015 bietet die Regierung Rajoy den Nachkommen der 1492 Verjagten die spanische Staatsbürgerschaft an. Die Bewerber müssen dazu weder in Spanien leben noch ihre ursprüngliche Nationalität aufgeben. Die Nachkommen der Sephardim haben im Lauf der Jahrhunderte viele Heimaten gehabt und - wieder verlassen. Kulturelle Brüche prägen ihr Leben. Wer viele Kulturen in sich trägt, kann in einen Identitäts-Zwiespalt geraten.

Deutlich wird das bei den Generationen einer sephardischen Familie in Saloniki, die der Journalist Eberhard Rondholz vor einigen Jahren zum Pessachfest besuchte.

Eberhard Rondholz: "Bei der Familie von Solomon Molcho, wo wir am Sederabend zu Gast waren, wird noch die ganze Haggadah gelesen. Das ist das Pessach-Andachtsbuch, das die Geschichte des Auszugs der Kinder Israels erzählt. In Saloniki wird eine dreisprachige Haggadah benutzt. Reihum liest einer nach dem anderen aus dem uralten Text: der Hausvater in Ladino, seine Kinder, die in Jerusalem studiert haben, in Hebräisch, seine Enkel aber halten sich an den griechischen Text. Das andere verstehen sie nicht…"

Sie kennen auch die alten spaniolischen Lieder nicht mehr, wie etwa das, das zum Schabbat-Ausgang nach der Hawdalah, der Verabschiedungszeremonie für den Ruhetag gesungen wird und in dem man allen eine gute Woche wünscht:

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