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Buchkritik | Beitrag vom 01.07.2017

Graham Swift: "Ein Festtag"Ein Feuerwerk an Sinnlichkeit

Von Edelgard Abenstein

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(Bild: imago/Leemage, Cover: dtv, Combo: Deutschlandradio)
Der Autor Graham Swift (Bild: imago/Leemage, Cover: dtv, Combo: Deutschlandradio)

Eine heimliche Liebesnacht im Jahr 1924 als Ausgangspunkt dafür, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen: Darum geht es in dem zwar kurzen, aber lebensgesättigten Roman des englischen Autors Graham Swift. Ein Dienstmädchen erobert sich eine ungekannte Freiheit: die zu werden, die sie sich erträumt.

Im Frühling des Jahres 1924 ist es für englische Verhältnisse ungewöhnlich warm. Eines der vielen Kunststücke, die Graham Swift in seinem Roman vorführt, besteht darin, diese sommerliche Temperatur zu ungewohnter Zeit so fühlbar zu machen, dass sie als Ursache jener Ereignisse erscheint, die an jenem Märzsonntag auf dem Landsitz der noblen Sheringhams ihren schicksalshaften Lauf nehmen.

Jane, ein junges Dienstmädchen, das seit sieben Jahren eine heimliche Liebesaffäre mit dem reichen Sohn aus der Nachbarschaft unterhält, trifft sich mit ihm in dessen Haus, in dessen Bett. Zum ersten Mal, denn Familie und Dienerschaft sind ausgeflogen. Über den Taumel aus niemals erlebtem Glück legt sich wie ein Schatten die Ahnung des bevorstehenden Abschieds. Denn Paul ist standesgemäß verlobt, er wird bald nach London heiraten. Und er hat wenig Zeit, die Frau, der er versprochen ist, wartet auf ihn.

Knapp punktierte Andeutungen

Armes Mädchen aus dem Volk, Erbe aus begütertem Hause, die zueinander nicht kommen können - das klingt ziemlich konventionell und erinnert nicht zufällig an "Downton Abbey". Was Graham Swift aus dieser Handlung macht, lässt die Serie weit hinter sich zurück.

Der englische Autor, dessen acht Romane vielfach ausgezeichnet und hochkarätig verfilmt wurden, schildert diesen Festtag mit einem Feuerwerk an Sinnlichkeit. In knapp punktierten Andeutungen lässt er Jane zurückschauen auf eine dunkle Kindheit, auf ihren Dienstmädchenalltag zwischen ritualisierten Pflichten und heimlicher Joseph-Conrad-Lektüre sowie mit skizzenhaften Ausblicken auf ein langes Leben, das vor ihr liegt. So baut Swift eine rätselhafte Spannung auf.

Wie in einem pointillistischen Gemälde malt er die Szenerie aus, die wenigen Stunden, in denen Jane nach dem Abschied von ihrem Geliebten durch das herrschaftliche Haus schlendert. Die Treppe hinunter, vom Schlafzimmer über den Salon, die Bibliothek, in die Küche. Nur die Zimmer meidet sie, die den Brüdern ihres Liebhabers des Hauses gehörten, ehe sie in den Krieg zogen, aus dem sie nicht mehr zurückkehrten.

Befreiung aus dem Korsett der alten Ordnung

Sie ist nackt, und wie das Haus erobert sie sich eine ungekannte Freiheit: die zu werden, die sie sich erträumt. Dieser Tag ist es, an dem ihr Leben seine entscheidende Wende nimmt: Aus einer an den sozialen Grenzen scheiternden Liebe, aus dem engen Korsett der alten Ordnung, das für sie vorgesehen ist, wird sie sich befreien. Wie Swift ein ganzes Jahrhundert unterbringt auf 144 Seiten, wie er innere Zustände visuell erleben lässt, indem er einen einzigen Tag zum Tableau einer lustvollen Selbstwerdung macht, das ist ganz große Kunst.

Da verzeiht man ihm auch die nicht unbedingt nötige Berufswahl seiner Heldin am Ende, die ganz märchenhaft eine berühmte Schriftstellerin wird, damit der Autor ihr das ganze Erzählprogramm der Moderne und damit sein eigenes in den Mund legen kann. Doch das tut diesem wunderbaren kleinen Roman keinen Abbruch. Steckt doch mehr Leben darin, mehr Trauer, Aufbruchsstimmung, Spiel und Witz als in manchem Sechshundertseiter.

Graham Swift: Ein Festtag
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2017
144 Seiten, 18 Euro

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