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Kompressor | Beitrag vom 13.02.2018

Graffiti-Mekka "5Pointz" in New YorkMillionen-Schadenersatz für Künstler

Martin Gegenheimer im Gespräch mit Max Oppel

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Weiß übermalte Streetart: DAs Industriegelände 5Pointz war das Zentrum der New Yorker Graffiti Szene. (imago)
Weiß übermalte Streetart: 5Pointz war das Zentrum der New Yorker Graffiti Szene. (imago)

Das New Yorker "5Pointz" war ein Mekka der Sprayer-Szene. Ende 2013 hatte der Eigentümer über Nacht alles weiß getüncht und das Haus später abreißen lassen. Dafür muss er jetzt 6,7 Millionen Dollar Schadenersatz an die Künstler zahlen. Absurd – aber auch folgerichtig.

"5points war damals allein von der Größe und aufgrund der Möglichkeiten, die man hatte, ein besonderes Objekt und hatte solche Ausstrahlkraft - international, dass komplette Busladungen jeden Tag mit Touristen hingeladen wurden", sagt Martin Gegenheimer vom Archiv für Jugendkulturen im Deutschlandfunk Kultur.

Auch viele Menschen ohne Graffiti-Background hätten diesen Ort zu schätzen gewusst – er sei für die Stadt New York ein großes Aushängeschild gewesen, wo Graffitti-Künstler große, individuelle Gemälde hätten realisieren können.

"Denn anders als in Deutschland, speziell in Berlin gab es in New York nicht so viele klassische 'Hall of Fames' – also Gelände, wo man legal frei sprühen kann."

Grafitti am Industriegebäude 5Pointz in Quens, New York.  (imago)Grafitti-Künstler waren lange toleriert in 5Pointz (imago)

Nun muss der Eigentümer mehr als 6,5 Millionen Dollar Schadenersatz an die Künstler zahlen, weil er deren Werke 2013 über Nacht mit weißer Farbe überstrichen hatte. Heute entstehen hier Luxuswohnungen.

Das sei einerseits absurd. "Auf der anderen Seite erleben wir weltweit in der Graffiti-Szene eine zunehmende Kommerzialisierung und Ausnutzung dieser Kunstform", erklärt Gegenheimer. Ursprünglich sei ja der Gedanke gewesen, dass jeder Kunst machen könne – unabhängig von Eigentumsverhältnissen.

Graffiti als politischer Akt

"Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass das ein politischer Akt ist, weil in westlichen, kapitalistischen Gesellschaften gibt es keine öffentlichen Räume mehr, die man gestalten kann. Graffiti hat das in den Siebziger Jahren angegriffen."

Die Kunstproduktion der Jugendlichen damals habe sich der Verwertungslogik komplett entzogen. Das habe sich in den letzten Jahren geändert, sagt Gegenheimer.

"Es gibt verschiedene Entwicklungen: Während Graffiti nur als belanglose Jugendkunst abgetan und ignoriert wurde, ist in den letzten Jahren einerseits die Werbung aufgesprungen und hat das Ganze massenkompatibler gemacht. Auf der anderen Seite hat Graffiti auch in diversen Galerien Einzug gehalten."

Daher wundert es Gegenheimer nicht, dass die Graffiti-Künstler in New York nun von den Millionen, die der 5pointz-Eigentümer mit den neuen Luxuswohnungen verdienen werde, etwas für sich hätten haben wollen. Die Jury hat ihnen Recht gegeben. Diese Entscheidung sei signalgebend für die USA, kann aber negative Auswirkungen für die Künstler haben. Denn jeder Eigentümer werde sich jetzt sehr genau überlegen, ob er eine große Wand weiterhin Graffiti-Künstlern zur freien Verfügung stellen wird.

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