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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.06.2011

Goslar ist überall

Die schweren Defizite der Gleichstellungspraxis

Von Paul-Hermann Gruner

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Marktplatz in Goslar: Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt musste gehen, weil sie sich für Männer engagierte (Dradio)
Marktplatz in Goslar: Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt musste gehen, weil sie sich für Männer engagierte (Dradio)

Wer nicht sieht, dass Jungs seit Jahren zu den Bildungsverlierern gehören und Männer einen großen Bedarf an Aufklärungs-, Hilfs- und Förderangeboten haben, der pflegt den ideologisch bereinigten Blick.

Sie habe eben "ihren eigenen Kopf", sagte die Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling – als sie noch kommunale Gleichstellungsbeauftragte in Goslar war. Inzwischen wurde so mancher Staub aufgewirbelt, eben weil Frau Ebeling ihren eigenen Kopf hat. Vor allem aber, weil sie ihn auch benutzte.

Dass der Rat der Stadt die höchst engagierte Sozialdemokratin und gleichstellungspolitisch zukunftsweisend offene Vertreterin ihrer Zunft aus ihrem Amt entfernte, ist – nüchtern betrachtet – demokratisch legitimierte, verwaltungsjuristisch legale Praxis sowie eine Sache der organisierten Mehrheiten. In seinen Begründungen und Hintergründen allerdings offenbart diese Abwahl in der Provinz vor allem ideologisches Denken in erschreckend durchsichtigem, politisch korrektem Vollzug.

Der geradezu abenteuerlich anmutende Vorwurf an eine Gleichstellungsbeauftragte, sie engagiere sich nicht nur für die Anliegen und Bedürfnisse von Mädchen und Frauen, sondern auch für Belange von Jungen und Männern, kann nur als Unfall beim Denken gewertet werden. Das Wort Gleichstellung hat selbstverständlich vollkommene semantische Offenheit verdient. Es ist gefälligst als politischer Imperativ auf alle Fälle von Nichtgleichstellung anzuwenden. Und zwar unbesehen, wem ein Mangel oder eine Schlechterstellung widerfährt. Das ist keine Interpretation, das ist das Grundgesetz. Artikel 3, Absatz 1: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." Absatz 2: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Absatz 3: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes […] benachteiligt und bevorzugt werden."

Solange sich von diesem Grundrecht nur Frauen angesprochen fühlen und unterstützt wissen, kommen wir in Sachen Gleichstellung keinen Millimeter mehr vom Fleck. Und solange Gleichstellungsbeauftragte – ohnehin leider fast ausschließlich Frauen – gesellschaftliche und lebensweltliche Schräglagen und Mängel im System nur dann bearbeiten, wenn sie Mädchen und Frauen betreffen, blenden sie die Hälfte der Gesellschaft aus und erledigen ihren Job deshalb auch nur zu 50 Prozent. Da wäre einem der alte Titel Frauenbeauftragte doch lieber, da bekäme die fatale Einseitigkeit der kompensativen Anstrengung das passende, weil ehrliche Türschild.

Zum Ermitteln und Erkennen von Defiziten braucht es unbeschränkt offene Augen und Ohren. Die Schulabbrecherquote und die Quote der Jugendarbeitslosigkeit liegt bei Jungs in Goslar – wie fast überall in der Republik – deutlich höher als bei Mädchen. Wer darüber hinaus grundsätzlich nicht sieht, dass Jungs seit Jahren flächendeckend zu den Bildungsverlierern gehören und Männer in vielfältiger Hinsicht in Sachen Gesundheit, Arbeitsplatzstruktur und Berufsinvalidität, in Sachen Obdachlosigkeit und Lebenserwartung – um nur einige Beispiele zu nennen – einen erheblichen Bedarf an Aufklärungs-, Hilfs- und Förderangeboten haben, der pflegt den ideologisch bereinigten Blickwinkel. Dieser Sexismus folgt der Bequemlichkeit, nur das zu sehen, was man sehen möchte. Das ist borniert.

Deshalb ist der Fall Ebeling ein weltanschauliches Lehrstück. Viele Mandatsträger in Goslar, Linke und Grüne, Rote und Schwarze, haben sich dem politischen korrekten Konsens der vergangenen 40 Jahre ergeben. Sie wollen weiter einäugig sehen. Dieser ideologischen Sozialisation war ganz offenbar nicht zu entkommen. Alle Beteiligten haben zudem die auch vom Bundesfamilienministerium angestoßene Erweiterung von Gleichstellungspolitik offenbar noch gar nicht vergegenwärtigt.

Monika Ebeling hat ihren eigenen Kopf. Sie behält ihn auch. Aber nicht ihren Posten in Goslar. Dort wurde wieder einmal die Chance für eine praxisnahe Neuaufstellung von Geschlechterpolitik in einer postfeministischen Ära leichtfertig verspielt.

Paul-Hermann Gruner (privat)Paul-Hermann Gruner (privat)Paul-Hermann Gruner, Publizist und Künstler, geboren 1959, ist Politikwissenschaftler und Historiker. Seit Beginn der 80er-Jahre als bildender Künstler mit den Schwerpunkten Montage, Installation und Performance tätig. Seit 1996 in der Redaktion des "Darmstädter Echo", daneben Veröffentlichungen in regionalen und überregionalen Zeitungen, satirische Texte, Buchpublikationen unter anderem zu Sprachpolitik und Zeitgeistkritik.

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