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Sonntag, 19.11.2017

Länderreport | Beitrag vom 06.06.2017

Glücksunterricht in der Schule"Du lernst hier, wie du Sachen bewältigst"

Von Anke Petermann

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Ein Mädchen lacht. (imago/Westend61)
"Die Eltern sind begeistert, die Schüler haben großen Spaß, und auch die Lehrer sind glücklich mit dem Fach Glück", sagt die Schulleiterin über das neue Unterrichtsfach. (imago/Westend61)

Mehr als hundert Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterrichten inzwischen "Glück". Dort sollen Schüler lernen, wie sie Krisen bewältigen können. Auch an der Haupt- und Realschule im südpfälzischen Kandel gibt es eine Glückspädagogin. Lässt sich das wirklich lehren?

"Dann gehen wir in den Kletterpark."

Susanne Gerdon wirft einen Blick voraus auf die kommenden wöchentlichen Doppelstunden im Wahlpflichtfach "Glück". Inhalte und Ziele ihres Unterrichts fasst die zur Glückspädagogin weitergebildete Lehrerin so zusammen:

"Persönlichkeitsentwicklung, Lebensführung, Lebenskompetenztraining."

"Das Leben gestalten, nicht erdulden" – diese Devise gibt Gerdon ihren Schülern mit. Dazu gehört, beim Kletterpark-Besuch Ängste zu überwinden, im Box-Club Aggressionen abzubauen und im Klassenzimmer Entspannungstechniken zu lernen. Derzeit stehen das Vorbereiten und Halten von drei Stunden Glücksunterricht an der örtlichen Grundschule auf dem Programm. Damit sind die Achtklässler gefragt, ihre Erfahrungen mit diesem Fach zu reflektieren.

"Brainstorming – ja, ihr macht ein Brainstorming, das ist ja schon mal gut."

Die Übung "Mein roter Lebensfaden" eignet sich schon für Grundschüler, meint Luisa Fath.

"Also ein rotes Stück Schnur, und da machst du so viele Knoten rein, wie du Niederlagen bewältigt hast."

Gerdon: "Oder? David."

David: "Oder wenn man Fahrrad gelernt hat oder Schwimmen."

"Es hat mir persönlich wirklich geholfen"

Verarbeitete Trauer, vollbrachte Leistungen – sich die gemeisterten Herausforderungen vor Augen zu halten, macht stark – Luisa Fath hat selbst erlebt,…

"… dass es wirklich geholfen hat, denn du lernst hier, wie du Sachen bewältigst. Es hat mir persönlich wirklich geholfen."

Demnächst will die 15-Jährige einen neuen roten Faden anfangen, denn ihrer hat schon so viele Knoten. Für Lehrerin Susanne Gerdon ist das …

"… ein absolutes Glücks- und Erfolgserlebnis, wenn die Kinder sagen, dass sie das weiter zu Hause auch anwenden. Jeder hat ja sein Päckchen zu tragen, auch schon in dem Alter. Deshalb finde ich Glücksunterricht so wichtig, weil viele Kinder an Depressionen leiden und die Zahl zunimmt, dass sie ein Werkzeug an die Hand bekommen, wie sie sich in negativen Situationen selbst aus einer Krise herausziehen oder eine Krise bewältigen können."

Christian Papa hat die Übung "Warmer Rücken" besonders gut getan. Der griechisch-stämmige Schüler kam erst im vergangenen Schuljahr nach Deutschland und fühlte sich zunächst als Außenseiter – bis ihm Mitschüler im Glücksunterricht Zettel mit Komplimenten auf den Rücken hefteten: "nett" und "lustig" sei er. Der 14-Jährige schaut zurück:

"Wenn man was Gutes macht, kriegt man was Gutes zurück"

"Man fühlt sich unwohl, wenn die sagen, 'der ist der Grieche' und so. Also habe ich versucht, nett zu sein, so nett wie möglich, und dann kriegt man nach ein paar Monaten gesagt, 'Christian ist eine nette Person', und da fühlt man sich halt glücklich, wenn man lernt: Wenn man was Gutes macht, kriegt man was Gutes zurück. Wenn man nett zu jemandem ist, ist diese Person nett zu dir. Und das habe ich aus dem Glücksunterricht gelernt."

Wertvolle Erkenntnisse, die sich kaum benoten lassen. Doch bei Projekten und Referaten ist das durchaus möglich, sagt die Glückslehrerin. Den Besuch der Alpinistin Jacqueline Fritz, die Berge auch nach einer Beinamputation bezwingt, hat Gerdon ihre Achtklässler vorbereiten lassen.

"Ich habe Texte über Glück im Unglück gemacht, Krisenbewältigungsstrategien, das haben wir theoretisch durchgearbeitet, und darüber haben wir dann eine HÜ geschrieben."

Eine Hausaufgaben-Überprüfung. Auch das Planen und Umsetzen des Glücksunterrichts vor Viertklässlern wird Gerdon benoten. Doch das ist für Luisa Fath und Christian Papa nicht der Hauptgrund, sich ins Zeug zu legen. Sie haben eine eigene Motivation, ihre Erkenntnisse weiterzugeben.

Luisa Fath: "Ich fände es toll, wenn sich dieses Glück verbreiten würde, denn es ist ein wundervolles Fach."

Christian Papa: "Wenn man in den Unterricht reinkommt, wird man sich schon nach der ersten Stunde wohlfühlen."

Der Glücksunterricht schweißt zusammen

Im Fach Glück kommen an der Realschule plus Schüler aus drei achten Klassen zusammen. Solche, die nach der Neun eine Ausbildung machen wollen, und solche, die nach der Zehn das Abitur ins Auge fassen. Sich zu öffnen, hat sie zusammengeschweißt, beobachtet Luisa Fath:

"Wir sind so zusammengewachsen, seit wir hier drin sind, also im Glücksunterricht, aber ich glaube, das liegt auch ein bisschen an dem Fach, dass wir uns gegenseitig viele Sachen anvertrauen."

Die Methoden zur Selbstreflexion und Lebensgestaltung speisen die Glücks-Schüler in die gesamte Schulgemeinschaft ein. Dass Mobbing und Gewaltbereitschaft abnehmen, schreibt die Schulleiterin auch der präventiven Wirkung des neuen Fachs zu. Cornelia Geiser glaubt daher, dass der Glücksunterricht die Pilotphase wohl bald hinter sich hat.

"Die Eltern sind begeistert, die Schüler haben großen Spaß, und auch die Lehrer sind glücklich mit dem Fach Glück, so dass ich ganz sicher bin dass in der nächsten GK, also Gesamtkonferenz, entschieden wird, dass wir das dauerhaft als schuleigenes Wahlpflichtfach bei uns etablieren werden."

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